Landwirtschaft:Bauern brauchen kaum etwas weniger als einen, der ihnen noch mehr Vorschriften macht

Auch bei Martin Huber in dem kleinen Weiler Sonnenham im Landkreis Rosenheim sind allerlei Berater und Firmenvertreter vorgefahren. Hubers Hof liegt an einem Abhang, seine Wiesen sind weit verstreut. Früher habe man die Tiere auf die Weide getrieben, doch so weite Wege beim heutigen Verkehr, das gehe einfach nicht mehr. Barbara Huber hat sich gut überlegt, ob sie ihren Beruf als Sozialpädagogin für den Hof aufgeben soll. Wenn, dann wollte sie mit Freude Bäuerin sein, sagt sie, und mit dem alten Stall wäre das nicht gegangen.

Der sei für die Kühe nichts gewesen und für sie selber auch nicht. Und zu klein war er ja auch, denn inzwischen sind pro Tier deutlich mehr Quadratmeter vorgeschrieben als früher. All die Berater hätten ihm gesagt, wenn er konventionell wirtschafte, dann könne er wohl von 80 Milchkühen leben, aber in die Zukunft gedacht sollten es eigentlich 120 sein. Aber die Arbeit mit so viel Vieh sei kaum mehr zu schaffen, sagt Martin Huber. Sein Hof in Sonnenham ist dafür sowieso zu eng und zu schräg.

Landwirtschaft: Standardställe wie dieser machen sich überall breit. In Hundham im Leitzachtal mussten dafür erst einmal Bagger und Planierraupe eine Ebene schaffen.

Standardställe wie dieser machen sich überall breit. In Hundham im Leitzachtal mussten dafür erst einmal Bagger und Planierraupe eine Ebene schaffen.

(Foto: Matthias Köpf)

"Da hätten wir direkt in die freie Natur so einen Stall stellen müssen", sagt er. Die Hubers haben vier Kinder, die zwei Söhne machen eine Ausbildung zum Landwirt. Spätestens diese Generation hätte dann auch ein neues Wohnhaus auf die grüne Wiese gestellt, sagt Martin Huber. Er wollte auf jeden Fall im Ort bleiben. Also wollten die Hubers auf Bio umstellen, da reichen auch 50 Kühe, und irgendwann ist doch noch ein anderer Berater gekommen, und zwar laut Huber "der erste, der da hingeschaut hat und gesagt: geht".

Das war Stefan Bauer, der für das Landwirtschaftsamt in Traunstein als Bauberater für fünf Landkreise entlang der Alpen zuständig ist. Er weiß, dass sich die Anforderungen in der Landwirtschaft rasant verändern, dass die Vorschriften immer mehr werden und dass die Bauern kaum etwas weniger brauchen können als einen, der ihnen noch mehr Vorschriften machen will. Der 44-Jährige kommt selbst von einem Hof in der Hallertau, hat Zimmerer gelernt und Architektur studiert.

Er veranstaltet Seminare, zeigt Modelle, stellt Musterställe von der Landesanstalt mit begrünten Dächern vor und fährt zu den Höfen. Etwa die Hälfte aller bauwilligen Landwirte lasse sich beraten, sagt er. Das, was er ihnen rät, setzen aber die wenigstens in die Tat um, viele lassen sich eher von den üblichen Firmenvertretern überzeugen. Stefan Bauer rät nur selten zu Ställen von der Stange, sondern zu eher zu Konstruktionen aus Holz, am besten aus dem eigenen, gebaut vom Zimmerer und gern mit der Hilfe der Familie. So könnten Ställe entstehen, die sich am Wohl der Tiere und an den Bedürfnissen der Bauern orientieren, aber auch an der örtlichen Bautradition und an der Landschaft.

Landwirtschaft: Das unauffällige Ensemble in Thankirchen hat der renommierte Architekt Florian Nagler für seine Schwester und deren Mann entworfen.

Das unauffällige Ensemble in Thankirchen hat der renommierte Architekt Florian Nagler für seine Schwester und deren Mann entworfen.

(Foto: Matthias Köpf)

Der Stall der Hubers in Sonnenham, den er dann selbst geplant hat, schmiegt sich auf zwei Ebenen an den Hang, den Tieren machen die paar Stufen nichts aus. Massive Wände braucht es kaum, denn Kühen ist es in unseren Breiten eher zu heiß als zu kalt. Die Melktechnik ist nebenan in der früheren Maschinenhalle untergebracht. Für den Stall gab es später den Bayerischen Holzbaupreis, spätestens seither gehört er zu den wenigen Musterbeispielen, wie es auch gehen könnte.

Wenn es unter bayerischen Ställen so etwas wie Leuchttürme gibt, dann steht ein weiterer in Thankirchen im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Auch für ihn gab es einen Holzbaupreis, und er ist einer der wenigen Ställe, die von einem namhaften Architekten geplant wurden. Florian Nagler, der etwa das Besuchergebäude der KZ-Gedenkstätte Dachau entworfen hat, ist zu dem Auftrag aber nur gekommen, weil die Bäuerin seine Schwester ist.

Sie wollte einen schönen Stall, der Schwager wollte einen günstigen, sagt Nagler. Herausgekommen sind ein luftiger Stall und ein massiveres Melkhaus, die eine Linie bilden mit einer vorhandenen Scheune, gebaut mit Tannenholz aus dem eigenen Wald. Nagler, der seine Studenten an der TU München auch mal Ställe entwerfen lässt, ist immer noch zufrieden mit seinem Werk. Außerdem habe es immerhin bewirkt, dass sich in der Umgebung einige Bauern wieder an die örtlichen Zimmerer gewandt hätten.

Der Miesbacher Kreisbaumeister Pawlovsky ist inzwischen in der Nähe von Osterwarngau aus dem Auto gestiegen. Er steht vor einem Stall und zieht grimmig an einer Zigarette. "Das hat sich vorher noch keiner getraut, dass er die ganzen Wände mit Blechpaneelen vollpflastert."

© SZ vom 16.06.2018/amm
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB