Einmal im Jahr, immer am letzten Juni-Wochenende, öffnen bei den „Architektouren“ zahlreiche öffentliche und private Gebäude in ganz Bayern Tür und Tor, um zu zeigen, dass Bauen mehr ist als Material und Tragwerk, Konstruktion und Fassade. Neben Funktionalität und Ästhetik stehen dabei seit Jahren auch Nachhaltigkeit und Klimakompetenz ganz oben auf der Liste, wenn es darum geht, was gutes Bauen ausmacht.
Unter dem Motto „Vital bauen“ widmen sich die Architektouren der „Klima-Kultur-Kompetenz“ von Gebäuden und untersuchen besonders fünf Nachhaltigkeitskriterien wie Energieeffizienz, Klimaanpassung, Flächensparen, Barrierefreiheit und weitere Aspekte der Nachhaltigkeit. Dabei können Neu- und Umbauten ebenso als wegweisend erachtet werden wie Modernisierungen und Sanierungen. Und nicht nur um Innenräume geht es, auch Außenräume wie Parks und Grünanlagen gehören dazu.
In diesem Jahr finden die Architektouren am Wochenende, 28. und 29. Juni, statt. Dabei können 197, von einer Auswahljury der Architektenkammer Bayern für sehenswert und preiswürdig erachtete Projekte in ganz Bayern besucht werden – viele auch, die üblicherweise öffentlich nicht zugänglich sind. Informationen und Besichtigungszeiten findet man unter byak.de/architektouren und im Booklet. Hier ein paar Projekte, die uns bei unserem Streifzug durch Bayern besonders aufgefallen sind.
Schwaben

Dass Wassertürme mehr als senkrechte Spargel in der Landschaft sein können, weiß man. Von der Kugel auf drei Beinen bis zum mittelalterlich anmutenden Trutzturm gibt es so einige Varianten. Was sich aber die Stadt Donauwörth 2022 als Wasserhochbehälter geleistet hat, das ist mehr als bemerkenswert: ein amorphes Gebäude mit strukturierter, futurisch schimmernder Fassade, die am Tag die Umgebung wie in einem Traumgebilde spiegelt und in der Nacht wie ein mit senkrechten Stäben beleuchtetes Ufo strahlt. Herrlich!

Und noch ein Beispiel aus Schwaben – einfach weil’s so schön ist, wenn Denkmalschutz so umgesetzt wird: Ein Turm, bei dem einem sofort der Spruch „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“ aus Grimms Märchenbuch einfällt, ist der am historischen Türmchenhaus in Krumbach. Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1907, wurde liebevoll saniert und erstrahlt nun wieder in neuem altem Glanz. Die Bauherren legten Wert auf eine historisch authentische Wiederherstellung des Gebäudes. Für die Fassadengestaltung orientierte man sich an historischen Bildern. Sogar aufwendige Stuckarbeiten, die zwischenzeitlich verloren gegangen waren, wurden rekonstruiert, Vorgarten und Einzäunung authentisch umgesetzt. Innen gibt es fünf Wohnungen mit historischen Details im Stilmix mit Gestaltungsmitteln aus den Sechziger- und Siebziger-Jahren.
Unterfranken

Die Mozartschule von Rudolf Schlick in Würzburg, erbaut 1955 bis 1957, gilt mit seiner dreiflügeligen Anlage in Form eines Hufeisens als herausragendes Beispiel für Neues Bauen in der Nachkriegszeit. Die Schule, die in unmittelbarer Nähe zur Residenz steht, sollte abgerissen werden. Ein Bürgerentscheid 2015 führte zum Erhalt des Gebäudes. Das Hufeisen wurde für eine kulturelle Nutzung zeitgemäß aktiviert und denkmalgerecht saniert. Heute befinden sich dort die Städtische Sing- und Musikschule, die Hochschule für Musik, das Mozartfestbüro sowie Räume für kulturelle Veranstaltungen.
Oberfranken

Dass der Architekt Peter Haimerl gewissermaßen „Konzertsaal kann“ hatte er mit seinem ungewöhnlichen Entwurf für Blaibach hinreichend unter Beweis gestellt. In Lichtenberg hat er eine nicht minder ungewöhnliche Vision aus Granit realisiert, die seit der Fertigstellung Anfang 2022 auch schon gehörig von sich reden gemacht hat. Das „Haus Marteau“, um das es hier geht, ist eine Villa aus dem frühen 20. Jahrhundert, die in einem Park umgeben von einer sanften Hügellandschaft liegt. Das Erdgeschoss und das neue Gartengeschoss der Villa wurden teilweise umstrukturiert, der Keller um 60 Zentimeter vertieft, sodass ein vollwertiges Stockwerk geschaffen werden konnte mit weiteren Übungsräumen, einer Lounge, einer Kantine und einem Foyer.
Mittelfranken

Den christlichen Kirchen laufen seit Jahren die Gläubigen davon. Da kann auch ein momentaner Hype um die Wahl eines neuen Papstes auf Dauer nichts ausrichten. Doch wo es weniger Kirchgänger gibt, da braucht es auch weniger Kirchen. Viele werden ganz aufgelassen und profanisiert, anderen veränderten Nutzungsmöglichkeiten angepasst. Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Gostenhof in Mittelfranken hat sich bei der Dreieinigkeitskirche in Nürnberg aus dem Jahr 1900 für eine Anpassung entschieden. Die Neukonzeption des Kirchenraums, bei der neues Emporenmöbel das feste Gestühl und die Seitenempore ersetzt, ermöglicht eine flexiblere Nutzung.
Oberpfalz

Diese Kindertagesstätte wirkt von außen wie eine Mischung aus Abenteuerspielplatz und moderner Trutzburg. Mit einem Weg, der hinaufführt, als ob gleich eine Kutsche vorfahren würde. Zugegeben, das ist etwas rumgesponnen, aber beim Anblick der Bilder auch nicht ganz abwegig. Es geht um einen Neubau einer Kindertagesstätte in Neumarkt in der Oberpfalz. Die Kita wurde ganz aus Holz aus dem Stadtwald und mit Strohdämmung in Holzbauweise errichtet. Auch innen deshalb: lichtes, helles Holz so weit das Auge reicht. Da möchte man gerne noch mal Kind sein.
Niederbayern

Wo’s keine Kirche mehr gibt, gibt’s auch keinen Pfarrer – und da braucht’s auch keinen Pfarrhof mehr. Der Art der Umnutzung des Pfarramts in Passau lässt einen jedoch ein wenig Schmunzeln. Nicht nur, dass in dem Gebäude vom Ende des 17. Jahrhunderts schon mal eine Bankfiliale untergebracht war. Nun wurde der Pfarrhof nicht nur zu Wohnzwecken umgebaut. Nein, auch eine Weinbar ist dort entstanden – und belebt Haus und Platz. Wohlsein.
Oberbayern

In Deutschland fehlen 400 000 Wohnungen – jährlich wohlgemerkt. Auch Bayern macht da keine Ausnahme. Man spricht davon, dass bis Ende 2025 bis zu 1,4 Millionen neue Wohnungen benötigt werden. Und der Mangel an Wohnraum ist nicht mehr nur das Problem von Ballungszentren und Städten. Vor allem bezahlbarer, kommunaler Wohnraum ist Mangelware. Da mag es wie ein Gischttröpfchen auf dem heißen Asphalt wirken, wenn die Gemeinde Ottobrunn ein Mehrfamilienhaus mit sechs Wohnungen hat bauen lassen. Aber immerhin. Die zwei dreistöckigen, miteinander verbundenen Gebäudetrakte setzen auf „Wohnen am Stadtrand, einfach und robust, geordnet und lebendig, materialhaft und natürlich“.
München

Wenn eines der beteiligten Architekturbüros „Alles wird gut“ heißt, dann kann man das vielleicht als gutes Omen deuten. Jedenfalls scheint dies der Fall zu sein bei dem genossenschaftlichen Wohnungsbauprojekt „Wagnis-West“ in München Freiham. Seit Sommer vergangenen Jahres haben dort 350 Menschen in 134 Wohnungen ein neues – bezahlbares! – Zuhause gefunden. Und nicht nur das. Wagnis-West erfüllt als einziges von 88 für die Klima-Kultur-Kompetenz-Medaille nominierten Projekten alle fünf Kriterien. Da gibt’s also im Hinblick auf Energieeffizienz, Klimaanpassung, Flächensparen, Barrierefreiheit sowie weitere Aspekte der Nachhaltigkeit nichts zu meckern. Vorbildlich.

