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Archäologie in Oberfranken:Keltisches Leben ausgraben

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Auf dem 539 Meter hohen Staffelberg im Landkreis Lichtenfels werden derzeit Überreste aus der Keltenzeit freigelegt.

(Foto: Ingo Baeuerlein/FrankenAir)

Auf dem Staffelberg wird das Tor einer keltischen Siedlung ausgegraben und rekonstruiert. Die Archäologen dürfen aber nur weniger als ein Prozent des Bodendenkmals freilegen.

Der Staffelberg ist eine Laune der Natur, ein markanter Hügel, der sich in der Ebene des oberen Mains vor der Fränkischen Alb erhebt. Auf dem 539 Meter hohen Plateau steht ein Ausflugslokal mit Biergarten. Es ist ein beliebtes Wanderziel von Einheimischen und Touristen. Der Weg dorthin führt vorbei an Wiesen, Feldern und Wäldern, denn der Staffelberg ist unbesiedelt. Das war nicht immer so: In den letzten Jahrhunderten vor Christi Geburt hatten Kelten den Aussichtsberg als Standort für eine nicht unbedeutende Stadt gewählt.

In seiner Abhandlung über den Gallischen Krieg hat Julius Cäsar solche keltischen Städte erwähnt, sie werden Oppida genannt. Die Siedlung auf dem Staffelberg war nicht ganz so groß wie das bekannteste bayerische Oppidum in Manching bei Ingolstadt, aber immer noch beeindruckend - und die einzige Keltensiedlung dieser Art im heutigen Franken. Mehrere Tausend Menschen sollen dort auf 49 Hektar gelebt haben. Die Reichen und Mächtigen wohnten auf dem Aussichtsplateau des Berges, Handwerker und Bauern in einer 50 Meter tiefer gelegenen Unterstadt. Fast drei Kilometer lang war die Befestigungsmauer, die das Oppidum umgab.

Archäologisch erforscht wurde der Staffelberg bisher nur punktuell und hauptsächlich auf dem Plateau, wo in den Achtzigerjahren Teile einer Festungsmauer rekonstruiert wurden. Nun hat im Auftrag des Landkreises Lichtenfels erstmals seit Jahrzehnten wieder eine Ausgrabung begonnen, was als mehr als ungewöhnlich gelten darf. Denn die Leitlinie der Denkmalpfleger heißt, Bodendenkmäler im schützenden Erdreich zu lassen und nur dann auszugraben, wenn es gar nicht zu vermeiden ist. Deshalb rücken Archäologen hierzulande fast nur aus, um das archäologische Erbe zumindest zu dokumentieren, bevor es einer Straße oder einem Gewerbegebiet weichen muss. "Archäologische Ausgrabungen liefern wichtige Informationen, bedeuten aber immer auch die Zerstörung eines Bodendenkmals", fasst das Landesamt für Denkmalpflege seine Haltung zusammen. "Sie sind nur das letzte Mittel, um von dem Bodendenkmal zu retten, was noch zu retten ist."

Auch auf dem Staffelberg waren die Denkmalschützer anfangs strikt gegen die Ausgrabung. Nach zwei Jahren hartem Ringen wurde aber ein Kompromiss gefundene: Jetzt findet die Ausgrabung auf der "kleinstmöglichen Fläche" statt, und ist mit Auflagen verbunden. Der Archäologe und Keltenexperte Markus Schussmann leitet sie. "Ich weiß, dass es Kollegen gibt, die durchaus dagegen sind", sagt er. Für ihn selbst hat sich jedoch ein Traum erfüllt. Wann kann man schon mal ohne großen Zeitdruck und nur mit Hoffnung auf wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn zum Spaten greifen? Seit April ist er mit vier Archäologen einer Fachfirma am Werk, die das Landratsamt ihm zur Seite gestellt hat. Schon jetzt habe sich die Sache gelohnt. "Die Funde sind besser als erwartet", sagt Schussmann.

Das Grabungsteam hat sich Schicht für Schicht nach unten gearbeitet

380 000 Euro stehen laut Landratsamt für das Projekt zur Verfügung, 60 Prozent davon kommen aus dem EU- Leader-Programm für den ländlichen Raum. 20 Prozent trägt die Oberfrankenstiftung, den Rest der Landkreis. Ziel ist es, ein Tor der Befestigungsmauer freizulegen und zu rekonstruieren. Nebenbei wollen die Archäologen auf den wenigen Quadratmetern, die sie freilegen dürfen, möglichst viele Erkenntnisse über das Leben der Kelten auf dem Staffelberg gewinnen.

Zangentor

Das Westtor war nach bisherigen Erkenntnissen der wichtigste Zugang zur Siedlung. Der Weg war mindestens sieben Meter breit und zweispurig. Der leitende Archäologe Schussmann spricht von einem Zangentor, weil die Mauern der Stadtbefestigung dort einige Meter nach innen führten, sodass Angreifer bei Bedarf von drei Seiten attackiert, also sprichwörtlich in die Zange genommen werden konnten. Über dem Tor stand vermutlich ein hölzernes Gebäude, von dem aus die Wachen die Ankommenden überblicken konnten. Wie die Anlage genau aussah, sollen die Ausgrabungen zeigen. Es könnte sein, dass die Wachen nur auf einer simplen Brücke standen, denkbar wäre aber auch ein großes Torhaus mit Satteldach, wie man es aus Manching kennt. Die Archäologen suchen im Erdreich nach Spuren, die verraten, wie viele Pfosten das Torhaus trugen und wie tief diese Stützen verankert waren. henz

In den vergangenen zwei Monaten hat sich das Grabungsteam Schicht für Schicht nach unten gearbeitet und dabei auch Reste von Speiseabfällen, Scherben von Kochgeschirr, Teile eines Rasiermessers aus Eisen und eine Gewandspange freigelegt. Denn das Material für den Wall, den die Kelten innerhalb der gut drei Meter hohen Stadtmauer aufgeschüttet hatten, stammte aus der Siedlung selbst. "Die Funde passen alle ganz genau in diese Zeit", sagt Archäologe Schussmann. Eine Neuigkeit hat er ebenfalls schon zu bieten: Die Gestaltung der Gewandnadel legt nahe, dass die Siedlung länger besiedelt war als bisher gedacht - etwa bis zum Jahr 40 vor Christus.

Die Idee zur Erforschung und zu dem Wiederaufbau des Keltentores stammt von Christian Meißner (CSU), dem Landrat von Lichtenfels. Er fand, dass es an der Zeit sei, nicht nur Wanderwege nach den Kelten zu benennen, sondern auch das "keltische Erbe mehr erlebbar und erfahrbar zu machen". Das Tor werde ein Highlight für die einheimische Bevölkerung und den Tourismus sein, sagt Meißner. Wenn alles nach Plan läuft, soll es im Spätherbst gebaut werden. Die Öffentlichkeit soll aber schon vorher an der Entdeckungsreise in die Vergangenheit teilhaben. Der Landkreis und das Archäologenteam bieten immer wieder Führungen auf der Grabungsstelle an.

Landrat Meißner hofft auf weitere Grabungen

Andreas Büttner, der beim Landesamt für Denkmalpflege für die oberfränkischen Bodendenkmäler zuständig ist, hält es nach einem langen Abwägungsprozess im Ergebnis "für sinnvoll, für die Öffentlichkeit etwas haptisch Wahrnehmbares zu schaffen". Letztlich sei der Eingriff überschaubar. "Es ist ja unter einem Prozent der Gesamtfläche des Bodendenkmals." Zu den Auflagen der Denkmalschützer gehört, dass die restliche Befestigungsmauer unangetastet bleibt und die Grabung nach neuesten Standards durchgeführt und dokumentiert wird: Die Archäologen arbeiten auch mit 3-D-Geländemodellen und fotografieren jede Grabungsschicht mit einer Drohne. Die Rekonstruktion, so forderte das Landesamt, müsse fachgerecht ausgeführt werden, ganz nah am Original, auch wenn es sich vermutlich nicht vermeiden lassen wird, dass die geplante Konstruktion aus Steinen und Holzpfählen im Hintergrund durch moderne Materialen gestützt wird, um den heutigen Sicherheitsanforderungen zu entsprechen.

Wenn es nach Landrat Meißner geht, könnte das Keltentor erst der Anfang sein - eine "Initialzündung", wie er hofft. Das Besondere am Staffelberg sei schließlich, dass er nach dem Abzug der Kelten unberührt blieb. "Dort ist seit 2000 Jahren nichts passiert. Das sollte ein Argument sein, dass man weitermacht", findet Meißner. Das allerdings nicht auf Kosten des Landkreises. Er hoffe vielmehr, dass in München der Wunsch nach weiteren Grabungen entsteht. Es gehe ihm nicht darum, die ganze Keltensiedlung wieder aufzubauen - "der Staffelberg, der gefällt den Leuten ja so wie er ist" -, aber die Rekonstruktion des Tors allein wäre aus seiner Sicht doch Stückwerk. "Dazu brauchen wir schon noch weitere Schritte."

© SZ vom 18.06.2018
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