bedeckt München 18°

Arbeitskampf:Klinik-Personal im Streik

Auch in Bayern will Gewerkschaft Druck auf Arbeitgeber erhöhen

Von Dietrich Mittler

Mit weiteren landesweit koordinierten Warnstreiks in Krankenhäusern und Pflege-Einrichtungen will die Gewerkschaft Verdi den Druck auf die Arbeitgeberseite erhöhen. Den Anfang machten am Montag Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Uniklinikums Augsburg. Sie legten von null Uhr bis 23.59 Uhr die Arbeit nieder - bestreikten also die Früh-, Spät- und Nachtschicht. "Insgesamt 94 Betten und vier OP-Säle blieben leer, da die Pflegekräfte nicht zum Dienst antraten", sagte die Oberärztin Renate Demharter, die bei Verdi als Sprecherin der Bundesfachkommission Ärztinnen und Ärzte fungiert.

Vom Warnstreik betroffen waren in Augsburg vor allem die Patienten internistischer Abteilungen, die mit der Klinik einen Untersuchungstermin vereinbart hatten - etwa für eine Magen-Darm-Spiegelung. "Explizit nicht abbestellt wurden Patienten, die eine Chemotherapie brauchen oder zu einer dringlichen Kontrolluntersuchung einbestellt waren", sagte Demharter. Rechtzeitig vor dem Streik sei in Augsburg eine Notdienstvereinbarung geschlossen worden, sodass Patienten in dringlichen Fällen garantiert Aufnahme finden. "Dafür sind wir unserem Arbeitgeber dankbar, denn wir haben mitbekommen, was in Nürnberg passiert ist", sagte Demharter. Dort hatte die Klinikleitung am Freitag die Verhandlungen zu einer Notdienstvereinbarung laut Verdi "einseitig abgebrochen". Eine Sprecherin des Klinikums Nürnberg sagte nun auf Nachfrage, die Klinikleitung kehre an diesem Dienstag bezüglich Notdienstvereinbarung wieder an den Verhandlungstisch zurück. Im Klinikum Nürnberg ist für Donnerstag ein Warnstreik angesetzt.

Bereits an diesem Dienstag legen Beschäftigte des Klinikums Fürth die Arbeit nieder, am Mittwoch dann jene der Sozialstiftung Bamberg sowie die der Lebenshilfe Nürnberg. Die Arbeitgeberseite, so betonte Verdi-Fachbereichsleiter Robert Hinke, solle nicht davon ausgehen, dass ihre Belegschaften "unter Corona-Bedingungen" weniger streikbereit seien.

Corona, so betonte Birgit Hussar - sie arbeitet in einer oberbayerischen Klinik im Notfallzentrum als Stationsleiterin -, habe die Streikbereitschaft eher noch erhöht. "Es geht uns hier nicht allein ums Geld, es geht uns um die Wertschätzung", sagte sie. Die Arbeit der Pflegekräfte sei auf dem Höhepunkt der Corona-Krise so fordernd gewesen, dass augenblicklich etliche Kollegen krankheitsbedingt ausfielen. Die mit Überstunden gefüllten Arbeitstage in voller Schutzausrüstung forderten "jetzt ihren Tribut", so Hussar. Hinzu komme, dass schon vor der Krise viele Stationen völlig unterbesetzt gewesen seien. Junge Leute seien nicht mehr bereit, sich für so wenig Gehalt so hohen Belastungen auszusetzen. "Wir Pflegekräfte sind jahrelang vergessen worden, jetzt sind wir dran", sagte Hussar.

© SZ vom 06.10.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema