Antisemitismus in Bayreuth Als der Grüne Hügel braun war

In Briefen ist von "Köpfungslisten" die Rede: Bayreuth ließ sich freiwillig zur Hochburg nationalsozialistischer Propaganda umfunktionieren. Erstmals wird nun in einer Austellung gezeigt, welches Ausmaß der Antisemitismus gegen jüdische Künstler bei den Festspielen hatte - auch schon lange vor Hitlers Machtübernahme.

Von Olaf Przybilla

Ein Traum, sagt der Historiker Hannes Heer, wäre es gewesen, diese Ausstellung auf dem Grünen Hügel präsentieren zu dürfen. Deshalb habe er auch nachgefragt, ob er in die Dokumentation "Verstummte Stimmen - Die Bayreuther Festspiele und die 'Juden' 1876 bis 1945" womöglich im Festspielhaus einführen dürfe. Aber soweit geht die neue Offenheit an Bayreuths Hügel dann offenbar doch nicht. Gerade liefen Generalproben - immerhin fangen am Mittwoch die Festspiele an - wurde ihm vom Haus beschieden, da könnte so etwas schon stören. So sitzt Heer nun also unten in der Stadt, im Neuen Rathaus, und spricht darüber, wie es jüdischen Künstlern ergangen ist. Damals, als der Grüne Hügel braun war.

Komponist, Dirigent, Judenhasser: Karl Muck

(Foto: Scherl / SZ Photo)

Dass es auch ganz anders ging in dieser Zeit, dass es auch während der NS-Herrschaft große Opernhäuser gegeben hat, in denen die Verantwortlichen sich nicht mit dem Geist der Zeit kontaminieren ließen, sieht man im Foyer des Rathauses. Dort steht ein Teil der Ausstellung, die Heer seit 2006 an großen Musiktheatern in Deutschland zeigt.

Erzählt wird etwa die Geschichte von Fritz Busch, jenes Mannes, der 1924 in Nürnberg die "Meistersinger" dirigiert hat. Phänotypisch entsprach Busch durchaus den Nazi-Vorstellungen vom "Arier", ein Kollege nannte ihn trotzdem den "am wenigsten deutschen der deutschen Dirigenten". Als Generalmusikdirektor in Dresden beschäftigte er später - so der Vorwurf der Nazis - auch "jüdische Künstler". Im März 1933 besetzten SA-Männer die Semperoper, Busch wurde aus der Probe geholt und seines Amtes enthoben. Abends verhinderten Hunderte im Publikum verteilte Nazis mit Sprechchören, dass Busch "Rigoletto" dirigieren konnte. Er setzte seine Karriere im Ausland fort, unter anderem in New York. Noch wichtiger als gute Musik zu machen, hat Busch einmal gesagt, "ist es, sich anständig zu benehmen".

Dass Bayreuth sich unter Hitler freiwillig zur Hochburg nationalsozialistischer Propaganda umfunktionieren ließ, zum Brauen Hügel, gehört zum Allgemeinwissen. In welchem Ausmaß aber der Antisemitismus zuvor schon jüdischen Künstlern das Leben zur Hölle machte in Bayreuth, diese Erkenntnis ist nun dem Historiker Heer und zwei Kollegen zu verdanken.

Der Dirigent Karl Muck etwa, lange als guter Geist am Hügel geläufig, gab sich bis 1930 offenbar die größte Mühe, das Festspielorchester nach seinen rassischen Vorstellungen zusammenzustellen. Als hochgebildeter Mann galt dieser Muck, wer nun aber die gescheiterten Berufsbiografien jüdischer Künstler auf dem Hügel vor 1930 durchgeht, stößt immer wieder auf den Namen dieses Hochgeachteten. Nach einer Neubesetzung schreibt Muck: "Weil kein Arier zur Verfügung steht, müssen wir in den jüdischen Apfel beißen."

Die Ausstellung in Bayreuth ist zweigeteilt: Unten im Rathaus werden die Schicksale jüdischer Künstler an deutschen Häusern dokumentiert. Der zweite, neue Teil ist im Garten unterhalb des Festspielhauses zu sehen - genau dort, wo die Büste Richard Wagners steht. Heer will nicht zu sehr auf die Wagner-Familie schimpfen, sagt er, etwa darüber, dass ihm der Zugang zu bestimmten Archiven nicht gewährt wurde. Es sei schon ein großer Schritt, dass die Wände mit den einzelnen Schicksalen nun direkt neben der Büste des Antisemiten Richard Wagner stehen - und das während der Festspiele.