Das Banner hing an einer Autobahnbrücke bei Wendelstein im Landkreis Roth – gut sichtbar für alle Autofahrer auf der A73 Richtung Nürnberg. An diesem Novembermorgen war deutlich zu lesen, was Unbekannte in der Nacht zuvor angebracht hatten: „Es ist Zeit für Rache – lasst Synagogen und Moscheen in Flammen stehen!“ In München wiederum beschmierte im März 2025 jemand einen Aufkleber, der an das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel erinnert. Ursprünglich stand darauf: „Killing Jews is not Resistance“ („Juden zu töten ist kein Widerstand“). Die Wörter „Jews“ und „not“ wurden mit einem Filzstift übermalt – nun hieß es: „Killing Zios is Resistance.“ Und als das israelische Generalkonsulat in den sozialen Medien einen Beitrag zum Gedenken an die Opfer des 7. Oktober veröffentlichte, schrieb eine Nutzerin darunter: „Ich werde jetzt nicht sagen, was ich wirklich denke zum 2. Weltkrieg. Meine Eltern hatten immer Recht. Ihr seid und bleibt nur Ra...en.“
Drei Beispiele, die eine besorgniserregende Entwicklung zeigen: Immer offener zeigt sich der Judenhass in Bayern. Sie stammen aus dem aktuellen Jahresbericht 2025 der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (Rias), den diese am Dienstag vorgestellt hat. Rias dokumentierte 2025 insgesamt 1551 antisemitische Vorfälle – ein neuer Höchstwert, ähnlich hoch wie 2024 (1526). 2023 waren es 762.
Unter einen Post des israelischen Generalkonsulates schrieb jemand: „Hitler, ich vermisse dich!“
Mit dem Angriff der Terrorgruppe Hamas auf Kibbuzim im Süden Israels vor zweieinhalb Jahren stieg die Zahl antisemitischer Beleidigungen, Bedrohungen und Holocaust-verharmlosender Aussagen im Freistaat sprunghaft an. Seitdem verzeichnet Rias so viele Meldungen, dass sich kaum noch alle vollständig erfassen lassen. Wie es im Jahresbericht heißt, hat daran der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen nichts geändert. Rias-Bayern-Leiterin Annette Seidel-Arpacı sagt: „Das gesellschaftliche Tabu des öffentlich geäußerten Judenhasses scheint zunehmend einzubrechen.“

Die Meldestelle dokumentierte für das vergangene Jahr 14 Angriffe, 22 gezielte Sachbeschädigungen, 78 Bedrohungen, zehn Massenzuschriften, 1426 Fälle verletzenden Verhaltens sowie einen Fall extremer Gewalt: In einer Coburger Geflüchtetenunterkunft soll ein Bewohner einen Mann mit einem Messer angegriffen und verletzt haben, weil er diesen fälschlicherweise für einen Juden hielt. 82,5 Prozent der Vorfälle lassen sich laut Rias dem israelbezogenen Antisemitismus zuordnen. Jüdinnen und Juden in Deutschland werden kollektiv für das Handeln der israelischen Regierung verantwortlich gemacht. Ein klarer politisch-weltanschaulicher Hintergrund lässt sich laut Rias meist nicht feststellen, antisemitische Einstellungen sind in allen gesellschaftlichen Schichten anschlussfähig.
Beim Vergleich der Zahlen von 2024 und 2025 fällt auf, dass sich die Zahl der gemeldeten antisemitischen Vorfälle im Internet mehr als verdoppelt hat. Rias dokumentierte 827 Online-Bedrohungen mit teils expliziten Gewaltaufrufen, 2024 waren es 385. Oftmals beobachtete die Meldestelle, dass User auf antijudaistische Stereotype zurückgreifen und sich auf den Nationalsozialismus beziehen. Sie zitiert einen Online-Kommentar unter einem Beitrag einer israelischen Institution in Bayern: „Ich hab’ genug Gas noch bei mir im Keller für euch, ihr kleinen Hurensöhne.“ Rias verweist auch auf sehr viele Kommentare, die den NS-Diktator Adolf Hitler lobend erwähnen. Unter einen Post des israelischen Generalkonsulates schrieb jemand: „Hitler, ich vermisse dich!“
Rias-Leiterin Seidel-Arpacı sagte, man registriere zwar nach wie vor eine „Umwegkommunikation“, also dass von „Zionisten“ gesprochen werde, obwohl „Juden“ gemeint seien. Gerade auf sozialen Medien aber wird inzwischen „ganz unverblümt gegen ‚die Juden‘ gehetzt“, so Seidel-Arpacı. Insgesamt seien antisemitische Ausdrucksformen „enthemmter, bedrohlicher und direkter“ geworden.
Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, hofft auf einen „Weckruf“ durch den Rias-Jahresbericht. „Jüdinnen und Juden in Bayern müssen seit zweieinhalb Jahren in permanenter Unsicherheit leben“, so Schuster. Judenhass habe sich in Deutschland etabliert, diesen Trend könnten nur enorme Kraftanstrengungen umkehren. Dazu brauche es auch ein „entschlossenes Handeln“ der politischen Entscheidungsträger.
An diesem Mittwoch stellen Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Vertreter der Landtagsfraktion von CSU, Freien Wählern, Grünen und SPD gemeinsam die Kampagne „Antisemitismus ohne mich“ vor. Ziel der Aktion, die der jüdische Hochschulprofessor Guy Katz initiiert hat, sei es, „ein Signal aus der Mitte der Gesellschaft“ zu senden, heißt es in einer Pressemitteilung. Über die Website dachgegenhass.com kann man kostenlos Aufkleber bestellen und sich so im Alltag gegen Antisemitismus positionieren. Katz sagt: „Viele sind gegen Antisemitismus – aber zu wenige machen es sichtbar.“


