Süddeutsche Zeitung

Anschlag in Ansbach:Dolmetscher des Ansbacher Attentäters konnte kaum Deutsch

  • Der Dolmetscher, der für den Lindauer Verein "Exilio" bei der Therapie des Attentäters von Ansbach übersetzte, kann offenbar kaum Deutsch.
  • Auch an der Eignung des Therapeuten Axel von Maltitz bestehen Zweifel. Frühere Unterstützer sprechen von "undemokratischen, autoritären Strukturen" im Verein und mangelnder Kontrolle.

Von Stefan Mayr und Uwe Ritzer

Ömer B. sitzt in einem der vielen Straßencafés auf der Lindauer Insel und blinzelt verlegen in Richtung Bodensee. Der Syrer sucht das richtige Wort und findet es nicht. Das kommt häufiger vor. Hilfe suchend blickt er seinen Tischnachbarn an. Ali M. lebt schon einige Jahre länger in Deutschland und beherrscht die Sprache entsprechend besser. "Aufenthaltsstatus", hilft er Ömer B. weiter.

Im Laufe des Gespräches muss Ali öfter einspringen. "Meine Deutsch ist eine gebrochen Deutsch", sagt Ömer B. entschuldigend. Sein Wortschatz ist überschaubar, schon bei etwas komplexeren Themen hat er Mühe, die richtigen Formulierungen zu finden. Ömer B.'s rudimentäre Deutschkenntnisse dürften ausreichend sein, um im Alltag einigermaßen klarzukommen. Kaum vorstellbar ist allerdings, dass er die Angaben eines mutmaßlich traumatisierten Menschen für ein psychologisches Gutachten präzise genug übersetzen kann.

Genau das hat Ömer B. aber getan. Im Zuge gemeinsamer Recherchen haben die Süddeutsche Zeitung und die Allgäuer Zeitung den Mann mehrmals getroffen, der ins Deutsche übersetzte, was der spätere Ansbacher Selbstmordattentäter Mohammad D. Axel von Maltitz erzählt hat, seinem Lindauer Therapeuten. Der machte daraus ein 25-seitiges "psychologisches Gutachten", über das er seit dem Ansbacher Anschlag am 24. Juli 2016 in Interviews und bei TV-Auftritten viel spricht.

In der Expertise attestierte von Maltitz dem mutmaßlichen IS-Terroristen Mohammad D. ein "hochgradiges Suizidrisiko" und warnte, er könnte seinen Selbstmord spektakulär inszenieren. Von Maltitz' Botschaft heute: Seht her, ich habe es kommen sehen. Die rudimentären Sprachkenntnisse des Übersetzers werfen aber die Frage auf, ob Axel von Maltitz auch alles richtig verstanden hat.

Der Vorgang ist nicht die einzige Ungereimtheit, die Zweifel am seriösen Gebaren des Therapeuten und des Vereins Exilio aufwerfen, unter dessen Flagge er segelt. Axel von Maltitz hat kein Psychologie-Studium, er ist Heilpraktiker und gibt als Zusatzqualifikation "Primärtherapie" an, eine wissenschaftlich sehr umstrittene Therapieform. Ferner habe er sich in Trauma- und narrativer Expositionstherapie fortgebildet, lässt von Maltitz seinen Anwalt auf Nachfrage mitteilen.

Im Internet rühmt sich Exilio nach wie vor "enger Kontakte" und eines "regen Austauschs" mit dem Kompetenzzentrum Psychotraumatologie der Universität Konstanz, was dessen Leiterin bereits dementiert hat. Gerichte haben von Maltitz mangels ausreichender fachlicher Kompetenz öfter schon als Gutachter abgelehnt. Auch Experten zweifeln an seiner Qualifikation für Traumatherapien (die SZ berichtete).

Den späteren Ansbacher Attentäter Mohammad D. begutachtete Axel von Maltitz Anfang 2015 im Auftrag von dessen Anwalt. Vier bis fünf Stunden habe das Untersuchungsgespräch gedauert, das Ömer B. übersetzt hat. Dessen Deutschkenntnisse hält von Maltitz für ausreichend. "Er ist seit Jahren als Dolmetscher tätig und als zuverlässig bekannt", lässt er seinen Anwalt ausrichten. Im Ausdruck tue er sich "nicht schwerer als andere Dolmetscher". Ömer B. sagt, er habe nie einen Deutschkurs besucht, geschweige denn eine Dolmetscherausbildung absolviert.

Dabei ist ein psychologisches Fachgutachten von Haus aus eine hochsensible Materie. Erst recht beim schwerwiegenden Krankheitsbild einer posttraumatischen Belastungsstörung, wie von Maltitz sie Mohammad D. attestierte. Später therapierte er den Syrer deswegen auch, und auch dabei hat Ömer B. teilweise übersetzt.

Juristisch seien die Mindestanforderungen an einen Dolmetscher bei Traumatherapien nicht geregelt, sagt Elise Bittenbinder, Vorsitzende der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer. Es gebe keine "klare, auch rechtlich abgesicherte Definition".

Der Therapeut sei verantwortlich für die Auswahl. Ein Übersetzer müsse "sachgerechtes interkulturelles Wissen" haben, die gesetzlichen Vorgaben zur Schweigepflicht kennen "und mit der speziellen Gesprächssituation einer Psychotherapie oder psychiatrischen Behandlung vertraut sein", so Bittenbinder. "Es reicht also nicht aus, dass jemand dolmetschen kann." Die Psychotherapeutenkammer fordert "spezifische Schulungen" und "eine regelmäßige Supervision".

Ob Ömer B. diesen Ansprüchen genügt? Die Frage beantwortet Ali M. für ihn: "Ich denke, selbst ich wäre nicht wirklich qualifiziert für diese schwere Aufgabe", sagt er. Ömer B. nickt. "Ich auch nicht", sagt er. "Mir fehlen viele Wörter und Grammatik."

Fragwürdige Geschäftsmethoden

Axel von Maltitz habe seine Expertise über Mohammad D. ehrenamtlich erstellt. Für die anschließende Traumatherapie habe er Exilio "Honorare in angemessenem und üblichen Umfang in Rechnung gestellt", so sein Anwalt. Ehefrau Gisela von Maltitz ist dort Geschäftsführerin, ausgestattet mit weitreichenden Befugnissen. Insidern zufolge dominiert das Paar Exilio. Kritiker bemängelten nach Recherchen von SZ und Allgäuer Zeitung schon vor Jahren eine unklare Trennung von Privatem, Therapeutengeschäft und Verein.

Sie ist auch der Grund, weshalb die Aktion Mensch, die Exilio jahrelang mit hohen sechsstelligen Beträgen unterstützte, den Geldhahn zudrehte. Man habe Exilio bei einer Prüfung 2015 "darauf hingewiesen, dass zum Erhalt der Förderfähigkeit eine strikte Trennung zwischen gemeinnützigen und privatwirtschaftlichen Aktivitäten erforderlich ist", so ein Sprecher. "Da diese Trennung aus Sicht der Aktion Mensch nicht klar erkennbar ist, wurde Exilio seit Juli 2016 erneut von der Förderung ausgeschlossen."

Abgesehen von angeblich mehreren Dutzend Unterstützern zählt Exilio 19 Mitglieder, nicht einmal halb so viele wie noch vor wenigen Jahren. "Mit mir sind eine ganze Reihe von Leuten gegangen", sagt der frühere Vorsitzende Dietmar Stoller. Er spricht von "undemokratischen, autoritären Strukturen" und mangelnder Kontrolle. Ausweislich von Protokollen dominierte die Familie von Maltitz Mitgliederversammlungen mit Vollmachten, mit denen sie für Abwesende abstimmen konnten. Der Vereinsvorsitzende Klaus Contag lebt weitgehend in Neuseeland, wohin er einem Zeitungsbericht zufolge 2006 ausgewandert ist. Gewählt wurde er 2008 laut Protokoll in Abwesenheit.

Derweil hat sich die prominenteste Unterstützerin, Bestsellerautorin Cornelia Funke ("Tintenwelt"), verabschiedet. Jahrelang sammelte sie als Schirmherrin Spenden für Exilio. Nun teilt ihre Sprecherin mit, Funke habe die Funktion "bereits vor einiger Zeit" niedergelegt und aktuell darauf gedrängt, ihren Namen von der Exilio-Internetseite zu löschen.

Bis Ende 2000 firmierte der Lindauer Verein als "Zentrum zur Behandlung von Folteropfern". Die Umbenennung in Exilio geschah unmittelbar nach einem Strafprozesses am Landgericht Kempten, wo ein Richter den Verein als "ominös" einstufte. Das Gericht verurteilte damals ein Ehepaar aus Ex-Jugoslawien wegen schwerer Misshandlungen, Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch der damals 15-jährigen Tochter des Mannes. Der Vater erhielt elf Jahre und drei Monate Gefängnis; seine Frau, die Stiefmutter des Kindes, wegen Beihilfe sieben Jahre.

Der Verein hatte die Familie intensiv betreut, von den Straftaten aber angeblich nichts bemerkt. Die Frau wurde in ihr Heimatland abgeschoben. Seit sie die Strafe verbüßt hat, reist sie immer wieder illegal ein, stellt neue Asylanträge, die bisher alle abgelehnt wurden. Exilio hilft ihr bei den Verfahren nach wie vor, obwohl sie "chancenlos ist, Asyl zu erhalten", wie ein Insider sagt.

Unterstützung erfuhr der Verein selbst von Bayerns Sozialministerin Emilia Müller. Sie erklärte nach dem Ansbacher Attentat, "von Seiten der Experten" sei Exilio "auch als Einrichtung geeignet". Eine Aussage, welche die Ministerin politisch noch einholen könnte und den Lindauer Landrat Elmar Stegmann auf die Palme bringt.

Hunderttausende Euro öffentlicher Mittel, auch aus bayerischen Töpfen, erhielt Exilio über die Jahre. Stegmann erhebt in einem Brief an das Sozialministerium schwere Vorwürfe. "Die fragwürdigen Geschäftsmethoden des Vereins waren hier hinlänglich bekannt und sollten auch dem Ministerium aufgrund einer Vielzahl von Besprechungen und Schreiben bekannt sein", schreibt er.

Bereits sein Vorgänger habe vor Jahren Fördergelder für Traumatherapie "im Hinblick auf die mangelnde Fachlichkeit bei Exilio und den dort handelnden Personen" infrage gestellt, so Stegmann. Es sei "völlig unverständlich" wie das Ministerium Exilio als geeignete Einrichtung für die Therapie von schwertraumatisierten Patienten ansehen könne.

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SZ vom 20.08.2016/imei
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