Anhörung ehemaliger bayerischer Heimkinder "Unschuldig von der Kirche eingesperrt"

Eine Aufarbeitung des Geschehenen sei schier unmöglich, sagt Sucker. Die Herausgabe von Heim-Akten werde mit Hinweis auf die Verjährungsfrist verweigert. Und von den Schwestern, die eines der Heime betreiben, in denen Sucker zeitweise untergebracht war, habe er lediglich zu hören bekommen: "Wir hatten einen Erziehungsauftrag." Sucker sagt, er sei mehr als 17 Jahre lang "unschuldig von der Kirche eingesperrt worden".

Das schlimmste Heim sei das der Rummelsberger Anstalten in Naila bei Hof gewesen, wo er die Jahre von 1946 bis 1952 verbracht habe. "Bei jeder Nichtigkeit gab es Prügel, wenn beim Schuhappell etwa Nägel an der Schuhsohle fehlten, dann gab es so viele Schläge, wie Nägel fehlten", sagt Sucker, "Kopf zwischen die Beine geklemmt, Füße untern Stuhl, und dann drauf auf den nackten Hintern."

Der Berliner Sozialpädagoge und Universitätsprofessor Manfred Kappeler, der sich intensiv mit dem Leid der Heimkinder im Nachkriegsdeutschland auseinandergesetzt hat, bringt die Schilderungen der Betroffenen auf eine politische Formel: "Diese Kinder und Jugendlichen wurden zu Ausgelieferten. Sie hatten keine Chance, sich zu wehren." Applaus brandet auf, als er ausruft: "Und es gab keine Instanz, keine Person, die ihnen zugehört oder gar geglaubt hätte."

Kurz nach diesen Worten flüchtet ein weißhaariger Mann mit Tränen in den Augen vor die Tür. "Es kommt alles wieder hoch, es kommt alles wieder hoch", stammelt er. Er ist nicht der Einzige, der es während Kappelers Vortrag nicht mehr aushält. "Wer hat uns Kindern denn geglaubt? Keiner!", sagt ein Mann Mitte Sechzig, der für die Anhörung seinen besten Anzug aus dem Schrank geholt hat.

Psychotherapeut Kappeler setzt unterdessen seine Anklage fort: Die Heimträger hätten die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen durch Zwangsarbeit ausgebeutet. Dadurch seien in hohem Umfang Personalkosten eingespart worden - mehrstellige Milliardenbeträge auf Kosten der Schulbildung. Diese Ausbeutung sei die Hauptursache dafür, dass ein erheblicher Teil der Heimkinder keinen Schulabschluss habe. Nur ein Prozent der ehemaligen Heimkinder, so zitierte Kappeler aus einer Studie, habe eine weiterführende Schule besucht. Auch deren hohe Altersarmut erkläre sich so. Hier müsse endlich entschädigt werden - und das angemessen. Bayern, so fordert Kappeler, müsse sich im Bund dafür einsetzen, dass "das leidige Thema endlich vom Tisch" komme.

Dagegen klingt die von den Fraktionen einhellig vereinbarte Erklärung relativ harmlos. Das sei der Beginn eines Dialogs, heißt es. Und: Man bedauere "die Geschehnisse in den Kinderheimen und die damit verbundenen, teilweise lebenslangen Folgen für die Betroffenen zutiefst". Bei den Anwesenden weckt das Wut. Verbittert sind viele auch darüber, dass ihre Anhörung nicht öffentlich ist. So sagt die 61-jährige Hildegard Edwards aus Augsburg, die als 15-Jährige in ein Heim bei Schweinfurt gesteckt wurde: "Wer aufgemuckt hat, den steckten die Nonnen in eine Zelle ohne sanitäre Anlagen." Doch die Zeit des Schweigens und Sich-Duckens sei vorbei. "Ich will Gerechtigkeit", sagt sie.