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Analphabetismus:"Das Thema ist so tabu wie früher Aids"

Weltalphabetisierungstag 2015

Es gibt Förderprogramme in Schulen. Doch wer das Tempo unseres Bildungswesens nicht mithalten kann, ist schnell abgehängt.

(Foto: Daniel Reinhardt/dpa)
  • In Bayern leben etwa eine Million Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können.
  • Oft weiß nicht mal das nahe Umfeld der Betroffenen von der Lese- und Schreibschwäche, da funktionale Analphabeten meist einen Schulabschluss und einen Job haben.
  • Der Freistaat investierte 2015 und 2016 etwa 1,2 Millionen Euro in Alphabetisierungskurse - doch nur wenige Menschen nehmen die Hilfe in Anspruch.

Fast 25 Jahre war Marianne Huber verheiratet. Dann starb ihr Mann. Ihr größtes Geheimnis hat er nie erfahren, auch die Kinder wissen nichts davon. Marianne Huber ist Analphabetin. Sie kann nicht richtig lesen und schreiben. Einzelne Sätze sind kein Problem, aber zusammenhängende Texte zu verstehen, fällt ihr sehr schwer.

Wie kann es sein, dass ihre Familie nichts merkte? Huber zuckt mit den Schultern und sagt, sie habe sich zu helfen gewusst. "Formulare hat immer mein Mann ausgefüllt, auch den Kredit für das Haus hat er beantragt", sagt Huber. Nach seinem Tod war sie auf sich allein gestellt.

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Siebeneinhalb Millionen Analphabeten gibt es in Deutschland, etwa eine Million lebt und arbeitet in Bayern. Darunter fallen keine Flüchtlinge. Diese Deutschen haben nie richtig lesen und schreiben gelernt. Ein Drittel von ihnen kann nur den eigenen Namen und einzelne Sätze schreiben. Die meisten gelten wie Huber als funktionale Analphabeten.

Sie haben große Probleme, zusammenhängende Sätze zu verstehen und geben schon bei kürzeren Texten auf. Rechtschreibprobleme hat etwa ein Viertel aller Erwerbstätigen. Exakte Zahlen gibt es nicht, erst seit Forscher der Uni Hamburg 2011 für die Leo-Studie zur Literalität von Erwachsenen 8500 Menschen befragten, weiß man: Die meisten Analphabeten sind zwischen 40 und 64 Jahre alt, haben einen Schulabschluss und einen Job. Hilfe suchen sie nicht.

Dabei rufen Politiker seit Jahren eine Kampagne nach der anderen aus, gerade erst verkündete Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) die neue Dekade der Alphabetisierung. 180 Millionen Euro sollen bis 2026 in Projekte fließen. Prominente werben in Kinospots und Musik-Streamingdiensten für Alphabetisierungskurse.

Es gibt zahlreiche Hilfsangebote

Trotzdem sinkt die Zahl der Analphabeten nicht, Bayern bildet da keine Ausnahme. Die Scham der Betroffenen ist größer. Lesen und Schreiben sind Kulturtechniken, wer das nicht kann, ist von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Das fängt bei Arbeitsanweisungen oder Speisekarten an und endet nicht bei den Hausaufgaben der eigenen Kinder oder Überweisungsträgern.

Dabei gibt es Angebote. Der Freistaat investierte allein in den vergangenen beiden Jahren 1,2 Millionen Euro in Alphabetisierungskurse. Die meisten Volkshochschulen (VHS) in Bayern bieten solche Kurse an - auch wenn diese selten so heißen. Bloß niemanden verschrecken. Denn in den wenigsten Gruppen sitzen Deutsche. "Es ist wohl zu frustrierend, wenn ein Iraker sie nach drei Monaten überholt", sagt eine Dozentin in Nürnberg. Ihre Schüler kommen aus Nigeria, Syrien und Afghanistan. Die meisten sind seit kurzem in Bayern und plaudern problemlos mit dem Besuch. Die VHS München versucht mit Lernwerkstätten auch ein unverbindliches Angebot zu schaffen. Jeder kann vorbeischauen.