bedeckt München 23°
vgwortpixel

Amoklauf in München:Ohne Alarmismus und Polemik

Bayerns Regierung trifft sich nach dem Amoklauf zu einer Krisensitzung. Seehofer, sichtlich mitgenommen von der langen Nacht, verkneift sich das Politisieren. Lob gibt es für die Polizei - und für die Bevölkerung.

Ministerpräsident Horst Seehofer trägt an diesem Trauertag einen dunkelblauen, fast schwarzen Anzug. Neben ihm referiert Innenminister Joachim Herrmann die grausamen Fakten der vergangenen Nacht: die neun Morde eines Amokläufers in einem Münchner Einkaufszentrum, die Ungewissheit, ob nicht noch mehr Täter geschossen haben, die Panik. Seehofer hört zu, seine Hände ruhen auf dem Rednerpult, gefaltet wie zum Gebet, mehrere Sekunden ist Seehofer tief in sich versunken. Es ist Samstag, die Tat liegt keine 20 Stunden zurück.

Gerade erst die Zug-Attacke in Würzburg, jetzt neun Morde in München. Diese "unfassbare Bluttat" erschüttert das Land, sagt Seehofer, und sie erschüttert auch ihn: "Ich sage den Angehörigen: Wir sind mit Ihnen in Trauer vereint." Am nächsten Sonntag, am letzten Julitag, will die Staatsregierung gemeinsam mit der Stadt und dem Landtag zum Trauerakt ins Maximilianeum einladen, kein Kabinettsmitglied soll bis dahin an irgendwelchen Feierlichkeiten teilnehmen, kein Bierzelt, kein Umzug. Nur ein paar Meter von der Staatskanzlei klappen sie ihre Stände zusammen: Auch das Bierfest der Brauer - abgesagt. Das gebietet für Seehofer der Anstand.

Für elf Uhr hat er am Samstag seine Minister zu einer Sondersitzung zusammengerufen. Vor der Staatskanzlei wehen die Fahnen auf Halbmast, wobei "wehen" die Wirklichkeit unzureichend beschreibt. Nur alle paar Minuten versetzt ein müder Windstoß die Flaggen kurz in Bewegung, ansonsten baumeln sie trostlos vor sich hin, als würden sie mit der Stadt und ihren Menschen trauern.

Drinnen diskutieren die Minister. Die Betroffenheit ist groß, wie Mitglieder berichten. Eineinhalb Stunden schildern Innenminister Joachim Herrmann und die führenden Köpfe der bayerischen Sicherheitskräfte die Ereignisse vom Vorabend. Die Minister und Staatssekretäre sprechen der Polizei ihre Hochachtung aus.

Das Kabinett ist vollständig angetreten, auch Landtagspräsidentin Barbara Stamm nimmt an der Besprechung teil. Stamm zeigt sich tief gerührt von der Hilfsbereitschaft der Münchner, die Menschen in Angst ihre Türen öffneten. So groß das Leid und das Entsetzen auch sei, "unsere Gesellschaft hält dann doch zusammen", sagt sie mit feuchten Augen. Keiner im Kabinett schwänzt die Sitzung, obwohl die meisten von ihnen andere Termine im Kalender stehen hatten.

Herrmann wollte sich eigentlich einen Überblick über die Aufräumarbeiten in Simbach verschaffen, jener niederbayerischen Kleinstadt, die vor Wochen selbst Tote nach einem dramatischen Hochwasser zu beklagen hatte. Finanzstaatssekretär Albert Füracker hat kurzfristig den Bezirksparteitag der oberpfälzischen CSU abgesagt, deren Vorsitzender er ist. Auch sein Minister Markus Söder hätte dort sprechen sollen. Die stellvertretende Ministerpräsidentin Ilse Aigner war gerade in Amsterdam, Seehofer sagt im Kabinett, sie habe den ersten Flieger genommen, um sofort zu kommen.