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Ambulanz für Sexualstraftäter:Nach dem Gefängnis in die Therapie

In Würzburg hat eine Fachambulanz für Sexualstraftäter eröffnet. Die Einrichtung ist umstritten, die Finanzierung noch nicht dauerhaft gesichert.

Olaf Przybilla

Als Clemens Bieber ein junger Kaplan war, saß ihm einmal ein älterer Mann gegenüber. Der Mann gestand dem Geistlichen, dass es ihn immer wieder dränge, einen Enkel von ihm unsittlich zu berühren. Bieber erinnert sich noch sehr genau an die Situation, vor allem deshalb, weil ihm damals nichts anderes eingefallen war, als dem Mann zu empfehlen, einen Arzt aufzusuchen. Für fast alle, sagt Bieber, hatte er damals eine Empfehlung, für die Suchtkranken, auch für Menschen mit Eheproblemen. Nicht aber für potentielle Sexualstraftäter.

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Die Angst, dass Sexualstraftäter rückfällig werden, ist groß - wie diese Demonstration verunsicherter Anwohner vor wenigen Tagen im nordrhein-westfälischen Heinsberg zeigte. In Würzburg soll ein ambulantes Therapieangebot dazu beitragen, Wiederholungstaten zu verhindern.

(Foto: ddp)

Vor 25 Jahren war das, heute wüsste der Domkapitular, wohin er den Mann schicken könnte. In Würzburg hat am Montag eine Psychotherapeutische Fachambulanz für Sexualstraftäter den Betrieb aufgenommen, die dritte in Bayern. Träger der Einrichtung ist die Würzburger Caritas, die der Domkapitular leitet.

Bieber macht keinen Hehl daraus, dass diese Entscheidung im eigenen Haus kontrovers debattiert wurde. Denn die Ambulanz wendet sich nicht nur an Menschen, die in sich einen Abgrund spüren und sich helfen lassen wollen. In erster Linie kümmert sie sich um ehemalige Häftlinge, die bereits eine Sexualstraftat begangen haben - und die sich nun in Therapie begeben, damit das nicht noch einmal passiert.

Der Domkapitular weiß, was das bedeuten kann: Vor vier Monaten erst hat ein ehemaliger Sexualstraftäter aus Nürnberg, der sich nach der Haft in Therapie begeben hatte, eine Frau vergewaltigt, eine andere bis nach Norddeutschland verschleppt und mehrmals missbraucht. Als Institution gerät man dann in Erklärungsnotstand, der Domkapitular weiß das. "Aber wir als Kirche wollen ein Zeichen setzen", sagt Bieber, "wir stellen uns dem Problem."

Im September 2008 hatte die erste Fachambulanz für Sexualstraftäter in München ihre Arbeit aufgenommen, ein Jahr später folgte eine zweite in Nürnberg. Die Erfahrungen mit diesen Ambulanzen seien "äußerst positiv", berichtet der Psychotherapeut Klaus Weth, der die Würzburger Einrichtung nun leitet. Gerade in ländlichen Regionen ist die Zahl von Therapeuten, die sich um Sexualstraftäter kümmern, gering.

Viele niedergelassene Psychotherapeuten scheuen die Behandlung von Sexualstraftätern, fürchten um den Ruf ihrer Praxis. In München und Nürnberg haben sich seit 2008 insgesamt 475 Personen gemeldet, 145 begaben sich in Therapie. "Ambulanzen senken offenbar die Hemmschwelle, sich helfen zu lassen", sagt Weth.

Auch Clemens Bieber hat das schon so erlebt. Nachdem ein Sender über die geplante Einrichtung berichtet hatte, meldeten sich mehrere Männer, die angaben, ein Problem mit ihrer Sexualität zu haben. Wie die Münchner und die Nürnberger Einrichtungen wird auch die Würzburger Ambulanz vorläufig für drei Jahre vom Freistaat finanziert. Bayerns Justizministerin Beate Merk sagte am Montag, sie werde für eine dauerhafte Finanzierung kämpfen. Auch die Landtagspräsidentin Barbara Stamm kündigte Hilfe an: "Ich bin zutiefst der Überzeugung, dass der Staat die Träger nicht alleine lassen darf mit dieser Aufgabe", sagte sie.

© SZ vom 15.02.2011/sonn
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