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Alzheimer:"Diese Krankheit hat ihn mir weggenommen"

Als ihr Ehemann mit 52 Jahren Alzheimer bekommt, kämpft Gisela Weikert mit ihm gegen die Krankheit. Die Geschichte eines langen Abschieds.

Von Dietrich Mittler

Gisela Weikert (alle Namen geändert) sagt, ihr Mann sei ein so lebensbejahender Mensch gewesen. Und bitte, diese Bilanz ihrer letzten gemeinsamen Jahre habe auch schöne Aspekte gehabt. "In der Zeit seiner Alzheimer-Erkrankung habe ich ihn, den früher so nüchternen und kopflastigen Geschäftsmann, als sehr emotionalen Mann kennengelernt", sagt sie.

Im vergangenen Jahr ist Heinz Weikert gestorben. Am Ende wollte der 61-Jährige weder Nahrung noch Getränke zu sich nehmen. Seine Angehörigen fügten sich diesem letzten Willen. "Er ist ganz friedlich gestorben", sagt sie über seine letzten Stunden.

Abschied nehmen musste Gisela Weikert aber weit vorher - immer wieder. Der Mann, den sie immer noch liebte, hatte sich stetig verändert, erst schleichend, am Ende rasant. "Jetzt weiß ich vieles, was ich damals noch nicht verstanden habe, nicht verstehen konnte", sagt sie. Damals, 2004, als sich sein Wesen plötzlich wandelte, habe sie oft die Welt nicht mehr verstanden. Er, der durch und durch strukturierte und erfolgreiche Geschäftsmann, habe plötzlich Wichtiges von Unwichtigem nicht mehr trennen können, habe seine Pin- und Tan-Nummern verlegt. "Und er hat dann oft mal die Schuld auf mich geschoben und hat gesagt: Du hast es verräumt."

Kleine Konflikte, wie sie jedes Ehepaar kennt, blieben da nicht aus. Doch 2008 kam die erschütternde Diagnose: "Beginnende Alzheimer-Demenz", sagt Giesla Weikert tonlos. Anfangs saß der Schock bei beiden so tief, dass sie darüber nicht sprechen konnten. Sie fuhren mit dem Wohnmobil in Urlaub, schauten sich Museen an. "Dort haben wir die Kopfhörer draufgesetzt und uns alles ganz genau angehört, bloß damit wir nicht miteinander reden mussten", erinnert sie sich. "Es war uns ja klar, dass es keine Heilung gibt", sagt sie. Zwei Wochen später konnten sie reden. "Dann haben wir die Dinge geregelt", sagt sie.

Ihr Mann, ein begeisterter und durchtrainierter Sportler, damals gerade mal 52 Jahre alt, habe sich entschlossen gegen die Krankheit anzukämpfen. Das Ehepaar wandte sich an die Alzheimer Gesellschaft München, erhielt Beistand. "Sie haben uns wieder auf die Füße gestellt", sagt Giesela Weikert. Ihr Mann stellte sich für wissenschaftliche Studien zur Verfügung. "Und er hat jedem erzählt, dass er Alzheimer hat, wirklich jedem", sagt sie. Zug um Zug zog er sich aus seinem eigenen Betrieb zurück, überließ das Geschäft einem der Söhne. Dafür ging er nun in die Maltherapie, orientierte sich überhaupt musisch.

Aber es kam die Zeit, wo vieles, was er früher mit Perfektion erledigte, plötzlich schwer fiel - Wissen, das wie aus dem Kopf gewischt schien. "Nun kann ich das auch nicht mehr", sagte Heinz Weikert immer öfter. "2013 ging es peu à peu bergab", erinnert sich seine Frau. Eine 24-Stunden-Kraft aus Lettland übernahm seine Betreuung, während Giesela Weikert in die Arbeit ging. Nach einem Jahr gab die Pflegerin auf.

Heinz Weikerts Wesen veränderte sich mittlerweile rapid: Er lief mitten auf der verkehrsreichen Straße, drehte den Wasserhahn nicht ab, wurde laut, schlug am Ende auf Wände und Möbel. Die Söhne bekamen Angst um die Mutter. "Nun ist es gut", hieß es eines Tages. Heinz Weikert kam erst in die Psychiatrie, später in eine Pflegeeinrichtung. "Wo ist denn meine Frau?", fragte er Giesela Weikert oft. Die antwortete: "Deine Frau kommt später, aber jetzt bin ich da." Das konnte er akzeptieren. "Diese Krankheit hat ihn mir weggenommen", sagt sie heute.

© SZ vom 11.08.2017/libo

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