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Kommunismus in Bayern:Zwischen Maria und Mao

Was haben der chinesische Diktator Mao Zedong und das katholische Altötting gemeinsam? Nichts. Genau das sorgte für harte Auseinandersetzungen.

(Foto: Sebastian Beck, Illustration: SZ)

Weltrevolution auf dem Kapellplatz: Max Brym von den Linken erinnert sich an den Kulturkampf im Altötting der Siebzigerjahre - und den damaligen Stellenwert des Kommunismus.

Von Hans Kratzer

An Exotik hat es auf den politischen Bühnen des Bayernlands noch nie gemangelt. Im Jahr 1978 kandidierte beispielsweise der Kommunistische Bund Westdeutschland (KBW) für den bayerischen Landtag, seine Mitglieder schwärmten zu Wahlkampfveranstaltungen ins ganze Land hinaus. Der KBW war eine maoistische Gruppierung, deren Anhängerschaft bis in die besseren Kreise hinein reichte. Sogar der FC Bayern-Fußballer Paul Breitner ließ sich damals mit Mao-Poster und Mao-Bibel ablichten. Auch spätere Machtpolitiker wie Jürgen Trittin, Winfried Kretschmann, Reinhold Bütikofer (allesamt Grüne) und Ulla Schmidt (SPD) rührten in ihrer Jugend als gläubige Jünger kräftig in der Mao-Soße mit.

Kurios wurde es eines Tages im Wallfahrtsort Altötting, wo gut 30 Maoisten des Kommunistischen Bundes kurz vor der Landtagswahl am Kapellplatz unangemeldet einen Infostand aufbauten und ihre Parolen auch mithilfe eines Megafons eifrig hinausbliesen: "Nieder mit Imperialismus und Reaktion. Es lebe die proletarische Weltrevolution!", schallte es über den Kapellplatz. Als kurz darauf die Kirchenglocken zu läuten begannen, verlegte die Truppe ihren Standort direkt an den Eingang der Gnadenkapelle. Dort entzündete sich rasch ein Handgemenge zwischen Maoisten und Wallfahrern. Letztlich musste die Polizei eingreifen, die KBW-ler leisteten zum Teil militanten Widerstand.

Dieser Vorfall wühlte ganz Altötting auf. Die Schlussfolgerungen fielen allerdings unterschiedlich aus. Während sich die Bürgerschaft darüber empörte, stand in der Kommunistischen Volkszeitung Folgendes zu lesen: "Auch im Hinterland der bayerischen Reaktion haben die werktätigen Massen bewiesen, dass sie imstande sind, der klerikalen Reaktion und ihren polizeilichen Bütteln wuchtige Schläge zu versetzen."

"Das war natürlich ein Fantasieartikel", gibt auch der bekennende Marxist Max Brym zu, der jetzt in München lebt, in den 70er- und 80er-Jahren aber als kommunistischer Agitator und Bürgerschreck in Waldkraiburg, Burghausen und Altötting berüchtigt war. Brym, der jetzt 62 Jahre alt ist, macht sich immer noch viele Gedanken über jene wilde Zeit, die in vielerlei Hinsicht schräg und seltsam war. "Trotzdem ist es wichtig, die damaligen Vorgänge historisch aufzuarbeiten", sagt Brym, der seinen Teil dazu beiträgt, indem er Bücher darüber schreibt. Sein jüngstes Werk trägt den Titel "Mao in der bayerischen Provinz" (erschienen im Südwestbuchverlag) und breitet ein Stück Lokalgeschichte aus, in das er persönlich stark involviert war.

Bryms Erinnerungen lassen erahnen, warum der Kommunismus in seinen vielen verqueren Spielarten damals auch auf dem Land erstaunlich präsent war, obwohl die weltweiten Massenmorde und Großverbrechen kommunistischer Tyrannen längst bekannt waren und der Großteil der bayerischen Bevölkerung grundsätzlich sehr konservativ eingestellt war. Brym kommt zugute, dass er eine Eigenschaft besitzt, die vielen Linken fehlt: Er ist durchaus zu humorvoller Distanz und zu Selbstironie fähig. Weil er seine Geschichten auf diese Weise mit Anekdoten anreichert, sind seine Schilderungen phasenweise höchst unterhaltsam.

"Schon als Kind merkte ich, dass an dieser Idylle etwas faul war"

Einmal erwähnt er, wie Vertreter der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) in den frühen 70er-Jahren viele Bauern aus Reichertsheim (Landkreis Mühldorf) überredeten, sich einer Busreise zu einer bäuerlichen Genossenschaft in der DDR anzuschließen. Allerdings zeitigte die Aktion keinen nachhaltigen Erfolg. Bei der Landtagswahl 1974 erhielt die DKP in Reichertsheim nur zehn Stimmen, zwei davon kamen von älteren, streng katholischen Damen, die später stolz erzählten, sie hätten die Deutsche Katholische Partei (DKP) gewählt.

Maoismus, Altötting, 70er-Jahre, diese Melange wirkt wie aus einer völlig anderen Zeit, was ja auch stimmt. Dass ein junger Mann wie Brym damals mitten im frommen Altötting zum Kommunisten heranwuchs, hatte gute Gründe. Schon etliche Autoren haben sich an ihrer speziellen Jugend in Altötting abgearbeitet, der preisgekrönte Autor Andreas Altmann etwa in seinem Buch "Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend".

Mao-Verehrung galt in den Siebzigern als irgendwie schick. Hier der Fußballer Paul Breiter von FC Bayern daheim im Schaukelstuhl im Jahr 1973.

(Foto: Imago)

Auch Bryms späterer Lebensweg war schon im jüdischen Elternhaus in Altötting vorgezeichnet. "Ich hatte einen Vater, der zwar die Shoa überlebt, aber seine ganze Familie bis auf einen Bruder verloren hatte. Der hatte ein- bis zweimal in der Woche Albträume, bei denen er das ganze Haus zusammen schrie." Später erfuhr Brym, dass der Vater von Auschwitz träumte. "Schon als Kind merkte ich, dass an dieser Idylle etwas faul war."

Sein Vater beschäftigt ihn heute noch. Unweigerlich kommt, wenn man sich mit Brym unterhält, die Rede auf ihn, den begnadeten Tuchhändler. Stets fragte er die braven Frauen vor seinem Laden, ob sie fleißig zur Muttergottes gebetet hätten. Ja, beteuerten sie, worauf der Vater sagte: "Das hilft dir gar nichts. Du kannst nicht beten und mich neben dran verhungern lassen. Komm, kauf mir was ab." Wie jeder frühere KZ-Häftling habe er eine Macke gehabt, sagt Brym. Sein Vater verführte reihenweise Frauen, was ihn von seinen Albträumen ablenkte. Bei einer Lesung habe ihm zuletzt eine alte Frau erklärt, er sehe ja aus wie sein Vater - "der einzige Mann, der damals charmant war und der einzige, in den ich verliebt war."

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