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Altötting:Die Schulschwestern

1722 kauften die Englischen Fräulein ein Anwesen an der Neuöttinger Straße. Dort ist heute noch ihr Platz.

(Foto: Congregatio Jesu)

Vor 300 Jahren sind fünf Englische Fräulein in Altötting angekommen. Ihre einstige Armenschule für zwölf Kinder ist heute ein Gymnasium und eine Realschule.

Von Matthias Köpf, Altötting

Geistliche Gemeinschaften hätte es in Altötting eigentlich schon genug gegeben - zumindest nach Ansicht der Franziskaner, der Jesuiten und des Stiftskapitels, die das religiöse Leben im katholischen Wallfahrtsort damals geprägt haben. Und dann auch noch Frauen, die trotz ihres Ordensgelübdes nicht hinter Klostermauern verschwinden, sondern sich der Welt zuwenden wollten. Doch die Englischen Fräulein waren solchen Argwohn gewöhnt und ließen sich davon nicht abschrecken. Vor genau 300 Jahren, am 3. Mai 1721, kamen fünf Schwestern aus München in Altötting an und gründen das allererste Frauenkloster im Wallfahrtsort. Und anders als viele andere Orden, darunter die Franziskaner und die Jesuiten, sind die Englischen Fräulein bis heute geblieben.

Eine, die selbst lange da war, immer wieder gekommen ist und mit ihren über 90 Jahren einen durchaus nennenswerten Teil dieser 300 Jahre selbst miterlebt hat, ist Schwester Hedwig Harlander. Sie hat sich zuletzt in die alten Chroniken und Korrespondenzen versenkt und zusammen mit dem Vorsitzenden der örtlichen Maria-Ward-Schulstiftung, Hans Würdinger, vieles zu Geschichte ihres Ordens in Altötting zusammengetragen. Die Stiftung trägt inzwischen das Gymnasium und die Realschule des Ordens mit ihren insgesamt 1159 Schülern, darunter seit 1982 und mittlerweile mehr als ein Viertel Jungen.

Ursprünglich hatten sich die Englischen Fräulein, die sich selbst "Congregatio Jesu" nennen und ihren volkstümlichen Namen der Herkunft von Ordensgründerin Mary Ward aus Yorkshire in Nordengland verdanken, vor allem der Bildung der Mädchen verschrieben. Das war weder zu Wards Zeiten Anfang des 17. Jahrhunderts noch gute 100 Jahre später in Altötting selbstverständlich. Die schulische Dienstleistung war trotz ärmlichen Beginns aber bald auch hier, im bayernweit vierten Institut der Englischen Fräulein nach München, Augsburg und Burghausen, sehr gefragt. So hat es Hedwig Harlander aus der Ordenschronik herausgelesen.

"Am 4. Juni haben wir die Schul zu halten angefangen mit 12 Kinder den ersten Tag, darunter meist Arme", so notierte es demnach eine der fünf "Engeländischen Freylen", die erst vier Wochen vorher in Altötting aus der Kutsche gestiegen waren. Und schon im Oktober berichtete die Oberin dem Kurfürsten, "dass wir eine ziemliche Meng Schulkind zu unterrichten haben". Dieser Kurfürst Max Emanuel hat die Englischen Fräulein nach Kräften gefördert, so dass sie schon 1722 ein Haus in der in der Neuöttinger Straße kaufen konnten. Dort ist noch heute ihr Platz in Altötting, und die Sorge für die Bildung und für die Armen sehen sie noch immer als ihre Aufgabe. Schulen betreiben sie in ihrer ganzen mitteleuropäischen Ordensprovinz aber nicht mehr. Die meisten sind in Stiftungen ausgelagert, allein in Bayern gibt es Maria-Ward-Schulen in 22 Städten.

Die einstige Armenschule in Altötting ist mit ihren 300 Jahren unter den ältesten, doch auch ihre Geschichte verlief nicht ohne Brüche. Die Schwestern kauften Häuser zu und eröffneten ein Pensionat, ein großes Vermächtnis brachte neue finanzielle Möglichkeiten. Doch mit der Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts regierte der Staat in der Bildung durch und drängte die Schwestern aus der Schule - dies aber nur für einige Jahre. Bald florierte das Kloster wieder, 1879 zählte es 160 Schwestern. An der Pforte reichten sie den Altöttingern Melissengeist und Calmus- Likör, Gewürzlebkuchen und Quittensulze heraus. All das könnten die 20 Schwestern, die heute noch in Altötting leben, gar nicht mehr herstellen. Groß Jubiläum feiern können sie in der Pandemie auch nicht. Aber da sind sie noch, allem anfänglichen Argwohn zum Trotz.

© SZ vom 28.04.2021/vewo
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