Unter Bayern:Maria hat geholfen

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Die Votivtafeln von Altötting geben Auskunft über die Heimsuchungen der Menschheit. Wenn ihr die nächste erspart bliebe, würde man auch als Agnostiker eine stiften.

Glosse von Sebastian Beck

Am Aschermittwoch schließt die Gnadenkapelle in Altötting für ein halbes Jahr, weil sie renoviert wird. Die Schwarze Madonna muss in dieser Zeit in die benachbarte Stiftskirche umziehen - nicht unbedingt Breaking News, obwohl die Wallfahrtskapelle auch für säkulare Menschen ein lohnenswertes Ziel ist, wenn sie wissen wollen, was im Leben wirklich zählt. Die Wände der Kirche sind sowohl innen als auch außen mit Tausenden Votivtafeln aus mehreren Jahrhunderten bedeckt. Auch heute noch werden sie als Dank für überstandene Notlagen gestiftet - was früher der Sturz vom Pferd war, das ist im 21. Jahrhundert der Unfall mit dem Auto. Fast alle Votivtafeln zeigen das Malheur der Stifter samt dem Spruch: "Maria hat geholfen."

Wer sich ein wenig Zeit für die Erzählungen der Votivtafeln nimmt, der erkennt, dass die Menschheit seit jeher unter denselben Heimsuchungen gelitten hat: Krankheit, Unfälle, unerfüllter Kinderwunsch, Missernten - aber vor allem Krieg. Bilder von Panzern, Schützengräben, Schlachtflugzeugen, von Soldaten, die sich ängstlich ducken - sie erinnern daran, dass die Geschichte Bayerns stets eine Geschichte des Krieges war und lange Friedenszeiten zu den Ausnahmen zählen. Allein in den beiden Weltkriegen starben 700 000 Soldaten aus Bayern. Beim Russlandfeldzug Napoleons 1812 marschierten 35 799 Soldaten mit. Nur etwas mehr als 3000 kamen wieder zurück. Die Liste ließe sich beliebig lang fortschreiben: Deutsch-Französischer Krieg, Spanischer Erbfolgekrieg, Türkenkriege, Dreißigjähriger Krieg ... sie alle hingen und hängen an der Gnadenkapelle in Altötting wie eine schwere Last. Samt Szenen der Errettung, die gläubigen Menschen als wundersam, den anderen aber als purer Zufall erscheinen mögen.

Wer in diesen Tagen Nachrichtensendungen anschaut, der muss zusehen, wie Panzer auffahren und alles für einen großen Krieg vorbereitet wird, wie ihn Europa seit 1945 nicht mehr gesehen hat. Nichts ist gewiss, nichts hält ewig - auch das lehren die Votivtafeln von Altötting. Am besten aber wäre es deshalb, wenn zur Wiederöffnung der Gnadenkapelle am 14. Oktober eine neue Votivtafel aufgehängt werden könnte, vielleicht mit einer Karte der Ukraine und drunter: "Maria hat geholfen." Die würde man, wenn alles doch gut ausgeht, sogar als Agnostiker stiften.

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