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Mitten in Bayern:Wohlgerüche am Superbahnhof

In Altötting steht "Deutschlands Bahnhof des Jahres 2020". Das liegt wohl vor allem am dortigen Komfort für Radfahrer, inklusive Umkleidekabine. Müffelnde Mitreisende ade! Da kann sonst kaum einer mithalten in Bayern

Kolumne von Thomas Stöppler

Die Einwohner Altöttings sind schon besonders gesegnet. "Das Herz Bayerns und eines der Herzen Europas" (Zitat Papa emeritus) darf eine der wichtigsten, schönsten und bedeutendsten Wallfahrtskapellen sein eigen nennen, barocke Häuser schmücken die Altstadt und dann gibt es auch noch diesen Bahnhof. Dieser Bahnhof ist nicht irgendeine Haltestelle, sondern laut Verkehrsministerin Kerstin Schreyer "ein Schmuckstück im Bahnland Bayern". Und weil sich sogar die Ministerin für den Bahnhof begeistern kann, ist Altötting nun um eine Auszeichnung reicher: Deutschlands Bahnhof des Jahres 2020.

Zwar wird in der Würdigung der Jury auch die schöne Architektur gelobt, ausschlaggebend war aber anscheinend der Service für Radfahrer: "Mit hochwertigen Stellplätzen, abschließbaren Fahrradboxen mit Stromanschluss, mit einem Aufenthaltsraum samt Umkleidekabine, einer Werkbank zur Reparatur und einem barrierefreien Zugang zu den Gleisen bietet Altötting alles, was die Herzen der Radfahrer - egal ob Pendler oder Ausflügler - höherschlagen lässt."

Besonders die Umkleide wird auch andere Leute erfreuen, ist der Geruch der Radler nach einer langen Tour für die Mitreisenden ja oft etwas anstrengend. Aber was, wenn der Klamottentausch allein nicht hilft? Eine Dusche - wie auf Raststätten - könnte noch Abhilfe schaffen. Das wäre auch etwas für radelnde Pendler, die im Sommer nicht müffelnd im Büro sitzen wollen. Oder für Pilger, die den letzten Zug verpasst haben und deshalb am Bahnhof übernachten müssen.

Andere bayerische Bahnhöfe können da jedenfalls nicht mithalten - nicht einmal Murnau (Bahnhof des Jahres 2013) oder Bayerisch Eisenstein (2017). Gemein haben aber alle drei, dass die Deutsche Bahn nur bedingt zuständig ist. Die Stadt Altötting, der Naturpark Bayrischer Wald und ein privater Investor zeigen sich für die Sanierungen der vergangenen 20 Jahre verantwortlich. Vielleicht ist das der Grund, warum es in den prämierten Bahnhöfen etwas Anständiges zu essen gibt und nicht nur halb leere Automaten mit Süßigkeiten oder Instantkaffee. Übrigens: Die bayerischen Preisträger 2006 (Oberstdorf) und 2007 (Landsberg) sind noch im Besitz der Bahn. Damals gab es wohl noch mehr Geld für die Regionen.

© SZ vom 29.09.2020

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