Es gebe Tage, sagt Clemens Peschel, „da hast du das Gefühl, jemand hat einen Kübel grüner Farbe ins Wasser gekippt“. Der 27-Jährige spricht aus Erfahrung, Peschel arbeitet seit zehn Jahren beim Surfcenter am Altmühlsee, einem Gewässer mit enormem Wachstum gesundheitsschädlicher Blaualgen. Regelmäßig spricht das Gesundheitsamt Badewarnungen aus, manchmal sogar ein Verbot.
Ein Montagnachmittag im August, aus der Ferne wirkt alles in bester Ordnung. Der See glitzert in der Sonne, am Badestrand planschen Familien. Kommt man näher, offenbart sich einem die Farbe des Wassers. Es ist olivgrün. Springt ein Fisch heraus und taucht wieder ein, ist er nach kaum einer Sekunde verschwunden. An den Badestellen weisen Warnschilder auf das „erhöhte Vorkommen an Cyanobakterien“ hin.

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Anders als ihr Name vermuten lässt, handelt es sich bei Blaualgen um Bakterien, die grüne Photosynthese-Farbstoffe enthalten. Einige von ihnen produzieren Giftstoffe, die der Gesundheit von Menschen und Tieren zusetzen können. Für den Altmühlsee warnt das Gesundheitsamt in Gunzenhausen dieser Tage vor Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Atemnot oder Hautreizungen. Wer dennoch baden wolle, solle im knietiefen Wasser zumindest noch seine Füße sehen können, kein Wasser verschlucken und nicht dort schwimmen, wo sich grüne Schlieren abzeichneten. Dort also, wo es aussieht, als habe jemand einen Farbtopf ausgeschüttet.



Neu ist das Problem mit den Blaualgen im Fränkischen Seenland ebenso wenig wie im Rest des Freistaats. Neben Kläranlagen ist die Landwirtschaft der wesentliche Treiber ihrer oftmals explosionsartigen Vermehrung. Vielerorts spülen Hochwasser Dünger von Feldern in die Gewässer, der dort nicht mehr das Wachstum von Getreide fördert, sondern das der Algen. Auch der Altmühlsee, der die Brombachseen speist, dient als Auffangbecken bei Hochwasser, und bei jedem solchen gelangen 15 000 bis 20 000 Kubikmeter Sediment hinein. So ist es seit dem Bau des Seenlandes, beschlossen 1970 zur Wasserversorgung des trockenen Nordbayerns und fertiggestellt im Jahr 2000 nach großen Investitionen des Freistaats.
Aber das Problem verschärft sich – nicht nur wegen der vielen Gänse und ihrer Hinterlassenschaften, die nach Angaben des Wasserwirtschaftsamtes Ansbach (WWA) inzwischen etwa zehn Prozent des gesamten Phosphors in den Altmühlsee bringen. Es sind der Klimawandel, wärmere Frühlinge und heißere Sommer, die die Algen wuchern lassen – besonders im flachen Altmühlsee, der sich in den vergangenen 40 Jahren um vier Grad erwärmt hat. Inzwischen aber auch im tieferen Kleinen Brombachsee. Im Juli sprach das Gesundheitsamt dort erstmals überhaupt ein Badeverbot wegen Blaualgen aus.

Zwei-Meter-Fisch im Brombachsee:„Ein Waller kann einen nicht packen wie ein Haifisch“
Ein circa zwei Meter langer Wels verletzte fünf Badegäste im Brombachsee. Ein Experte erklärt, warum er das tat, weshalb er getötet werden musste und was es im Kontakt mit so großen Fischen zu beachten gilt.
Eingedenk dieser Entwicklung drängen sich Fragen auf: Wer macht Sommerurlaub an Badegewässern, ohne sicher zu sein, ob er dort baden kann? Wer investiert – ob Renovierung oder Neubau – in Gastronomie oder Unterkünfte, wenn die Zahl der Tagesgäste am Ort seit Jahren sinkt? Und die wichtigste: Wie lässt sich dieser Entwicklung Einhalt gebieten?
Einiges ist bereits geschehen in den vergangenen 15 Jahren: Mit Unterstützung des Freistaats bauten die Kommunen im Oberlauf des Altmühlsees Kläranlagen um oder neu. Nach Angaben des WWA fließen deshalb jährlich vier Tonnen weniger Phosphor in die Altmühl, die den gleichnamigen See speist. Überdies siedelte die Behörde Wasserpflanzen an, die das Nahrungsangebot für die Bakterien verringern. Mit Erfolg: Zwischenzeitlich habe sich die Sichttiefe in dem See verdoppelt, heißt es vom WWA. Inzwischen ist der Effekt der Maßnahmen aber verpufft, eine Badewarnung folgt auf die andere, besonders stark vermehrten sich die Algen im vergangenen Jahr.
Für Tagesgäste ist das ärgerlich, für manchen Unternehmer mittelfristig existenzbedrohend. Nach Angaben des Zweckverbandes Fränkisches Seenland ist die Zahl der jährlichen Tagesgäste von 2017 bis 2023 an seinen insgesamt sieben Gewässern um 300 000 gesunken. Hotels und Campingplätze sind von dem Fernbleiben der Tagesbesucher freilich weniger betroffen – Einzelhändler und Gastronomen dagegen umso mehr, ebenso Anbieter von Freizeitaktivitäten wie das Surfcenter.
Abgesagte Kurse seien das eine, sagt Clemens Peschel. Wie viele Menschen aber gar nicht erst kämen, weil sie mal von den Blaualgen am See gelesen hätten, könne er nur mutmaßen. „Natürlich merkst du, dass weniger Tagestouristen kommen.“ Altmühlsee, Algen, das sei „bei vielen irgendwie so drin. Der See hat an Attraktivität eingebüßt“. Er sagt aber auch: „Bei uns weiß man zumindest, dass aktiv an einer Lösung gearbeitet wird.“

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Forschende von vier Hochschulen untersuchen zurzeit Sedimente und Blaualgen am Altmühlsee. Denn, so erklärt Thomas Keller, Chef des Wasserwirtschaftsamtes, am Telefon: Blaualgen gebe es weltweit, trotzdem sei noch immer nicht endgültig geklärt, was „ihr Trigger“ sei, ihnen zu gewissen Zeiten also im Vergleich zu anderen Algen einen „Entwicklungsvorsprung“ verschaffe. Welchen Einfluss die Hitze dieser Tage auf die Algen habe? Keller ist da zurückhaltend, er wagt keine Prognosen mehr. Fest stehe nur, dass steigende Luft- und Wassertemperaturen das Wachstum grundsätzlich förderten. Und dass mehr Nährstoffe in einem Gewässer mehr Algen bedeuten.
Untersuchungen hätten ergeben, dass der Zulauf solcher Stoffe in den Altmühlsee langsam abnehme, sagt Keller, ein gutes Zeichen, es tue sich etwas in der Landwirtschaft, die Kläranlagen funktionierten besser. Allerdings fließe mittlerweile weniger Sediment ab. In tieferen Seen sei dieses Problem besser beherrschbar, die hineingeschwemmten Nährstoffe lagerten sich dort am Grund ab. Der Altmühlsee dagegen ist nur zwei- bis zweieinhalb Meter tief, wegen Aufwirbelungen durch Wind und Fische stünde daher nahezu fast der gesamte Phosphor als Algendünger zur Verfügung – entsprechend gedeihen die Bakterien. „Wir müssen uns also mehr um die Sedimente im See kümmern“, sagt Keller.
Nur wie? Ausbaggern sei nicht so einfach, wie es klinge, 800 000 Kubikmeter Sedimente – so viel sind es im Altmühlsee – seien „eine Menge Holz“. Zudem sei ungewiss, ob sie die Situation durch das Aufwirbeln der Sedimente nicht noch verschlimmerten. Aus Kellers Sicht braucht es ohnehin einen allumfassenden Ansatz – vom Acker bis zum See. Etwa zu gleichen Maßen gelangten die Nährstoffe aus Kläranlagen und der Landwirtschaft in das Wasser, schätzt er. Als alleinverantwortlich sieht er die Bauern deshalb nicht, wenngleich sie großes Verbesserungspotenzial haben.

Auf einer Fachtagung des WWA im Juli hat der Bauernverband denn auch selbst Vorschläge eingebracht, damit weniger Düngemittel in die Gewässer gelangt. Zu den wichtigsten zählen aus Kellers Sicht Methoden wie der Zwischenfruchtanbau, also die abwechselnde Aussaat verschiedener Feldfrüchte, durch die Äcker bei Regen mehr Wasser aufnehmen können, oder das gezielte Pflügen von Gräben, um es zurückzuhalten. Wenn mehr Wasser im Boden bleibe, profitiere davon ja auch der Landwirt. „Aber das muss halt erst mal in Köpfe rein. Das ist eine Generationsfrage.“ Ob der Wandel allein mit Freiwilligkeit gelingt oder es strengere Auflagen braucht, bleibt abzuwarten.
Schneller gehen andere Maßnahmen, seit vergangenem Jahr dienen etwa breitere Uferstreifen an der Altmühl als Stickstofffilter. Und mehr Wasserpflanzen könnten helfen, wenngleich auch sie Zeit zum Wachsen bräuchten, sagt Keller. Ein Patentrezept gebe es eben nicht.
Um den Besuchern künftig trotzdem ein Bad im Altmühlsee zu ermöglichen, entsteht gerade eine Art Pool im See. Folien sollen das saubere vom Algenwasser trennen, damit Touristen in dem abgegrenzten Bereich bedenkenlos schwimmen können. Dieter Rampe wird das Experiment genauestens verfolgen. Er ist Bürgermeister der Gemeinde Muhr am See, in der die Anlage entsteht – und hoffnungsvoll. Was bleibt ihm auch anderes übrig? „So wie jetzt“, sagt er, „ist der Badebetrieb unberechenbar.“

