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Alternative für Deutschland:"Mails, die triefen vor Hass und Boshaftigkeit"

Der bayerische Landesverband der AfD gilt mit bisher knapp 3000 Mitgliedern als einer der größten und wichtigsten bundesweit, aber seit Sonntag steht er auf wackeligen Beinen. Das liegt auch am Umgangston mancher Mitglieder.

Von Stefan Mayr, Augsburg/München

Bis vor Kurzem war Thomas Lis noch mächtig stolz auf den Erfolg seiner AfD im Allgemeinen und seines Kreisverbands im Speziellen. 2013 hatte er die Augsburger Dependance der Alternative für Deutschland gegründet, ein Jahr später zog er in den Stadtrat ein. Und das gleich in Fraktionsstärke. "Wir sind die erste Stadtratsfraktion der AfD in ganz Deutschland", tönte der stellvertretende Landesvorsitzende. Im selben Atemzug betonte er: "Wir sind vernünftige Leute aus der Mitte der Gesellschaft, teilweise konservativ, teilweise liberal, aber Rechtsradikales werden Sie weder in unseren Leitlinien noch bei unseren Leuten finden."

Aus und vorbei. Heute, drei Tage nach dem Parteitag in Essen, sagt Lis: "Ich sehe meine Zukunft nicht mehr in dieser Partei." Lis wird aus der AfD austreten - wie auch zwei weitere Mitglieder seiner Fraktion. Und damit sind sie bei Weitem nicht die einzigen. "Wir kriegen einen Austritt nach dem anderen", sagt Lis, "in vielen Bezirks- und Kreisvorständen gehen ganz viele Leute weg."

"Man bekommt Mails, die triefen vor Hass und Boshaftigkeit"

Ein Beispiel: Im Kreisverband München-Nord treten sechs von acht Mitgliedern aus. Das bestätigt Vorstands-Mitglied Katarina Mose. Die 44 Jahre alte Sprach- und Kulturwissenschaftlerin fand es nach eigenen Angaben zu Beginn "gut, dass man bei der AfD einander zugehört hat". Inzwischen musste sie ganz andere Erfahrungen machen: "Man bekommt Mails, die triefen vor Hass und Boshaftigkeit - meistens gegen Parteikollegen." Es gebe Ansichten, "die sind undifferenziert und gruselig". Deshalb habe sie schon länger überlegt, sich zurückzuziehen.

Der Parteitag am Wochenende mit der Abwahl des bisherigen Vorsitzenden Bernd Lucke und der Wahl der neuen Chefin Frauke Petry gab ihr nun den letzten Anstoß. Sie betont, dass die AfD-Leute in Bayern "großteils freundliche Zeitgenossen" seien, es gebe "sehr viele kluge Menschen". Aber unter der neuen Führung will sie nicht mehr mitmachen.

Das gilt auch für den Augsburger Thomas Lis, der den Parteitag in Essen persönlich miterlebt hat. "Welche Beiträge da ausgebuht wurden und welche Themen da bejohlt wurden, da kann ich sicherlich nicht mitgehen", sagt der 52-Jährige. Für Franz Bergmüller, den umtriebigen Wirt und Gaststätten-Funktionär aus Feldkirchen-Westerham (Kreis Rosenheim), kommt ein Austritt dagegen nicht infrage. "Wegen einer Personalentscheidung, die überinterpretiert wird, werfe ich nicht die Flinte ins Korn", sagt er. Er werde sich weiterhin als Euro-Kritiker in der AfD engagieren.

Die AfD in Bayern wackelt

Der bayerische Landesverband der AfD gilt mit bisher knapp 3000 Mitgliedern als einer der größten und wichtigsten bundesweit, aber seit Sonntag steht er auf wackeligen Beinen. Der Landesvorsitzende Andre Wächter, der auch Stadtrat in München ist, überlegt noch, ob er die Partei verlässt. Sein Stadtrats-Kollege Fritz Schmude hat bereits den Abschied angekündigt.

Und die Augsburger AfD-Fraktion wird ebenfalls auseinanderfallen, so viel steht bereits fest. Ob sich die Abtrünnigen einer neuen Vereinigung um Ex-Parteichef Lucke anschließen, ist noch offen. "Es gab in Essen erste Gespräche", berichtet Thomas Lis. Aber spruchreif ist noch nichts. Entscheidungen vor der Sommerpause seien unwahrscheinlich. Lis betont allerdings auch: "Ich denke jedenfalls, wir sollten weitermachen. Als konservative Alternative füllen wir ein Loch, das es nach wie vor gibt."

Katarina Mose und Franz Bergmüller schließen dagegen einen Beitritt in eine neue Lucke-Partei aus. "Auf keinen Fall, eine zweite Partei wäre Wahnsinn", sagt Bergmüller, "ich werde weiterhin auf der liberal-konservativen Seite kämpfen." Katarina Mose geht davon aus, dass im Falle eines Rücktritts des Landesvorsitzenden Andre Wächter "schnell ein Ersatz aus dem national-konservativen Lager" aufrücken werde. Damit wäre der Rechtsruck auch in Bayern vollzogen.

© SZ vom 08.07.2015/infu

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