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Alternative Energie:Trotz Krise aufgetankt

Geplantes Klimaschutz-Paket - Wasserstoff als Energieträger

Investitionen in Wasserstoff sind auch als Versuch zu sehen, Wissen im Land zu generieren, zu halten und in neue Arbeitsplätze umzuwandeln.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Wasserstoff gilt als Technologie für die Zukunft, da er nachhaltig produziert und genutzt werden kann. Und im Corona-Jahr 2020 sind neue Ideen, Pläne und Finanzierungspakete für den Ausbau entstanden. Doch ein Problem bleibt: Es fehlt am ganz großen Konzept

Von Maximilian Gerl

Wem immer wieder der große Durchbruch prophezeit wird, ohne dass dieser sich einstellen mag, gilt irgendwann als ehemaliges vielversprechendes Talent. Umso erstaunlicher ist das jüngste Comeback: Trotz Corona-Krise ging beim Wasserstoff in Bayern so viel voran wie seit Jahrzehnten nicht. Doch was ist eigentlich das Ziel der Mühen? Wo liegen Chancen, wo Herausforderungen? Und wie könnte es 2021 weitergehen? Ein Zwischenstand.

Was ist 2020 passiert?

Zugegeben: Außer Ideen lässt sich beim Thema Wasserstoff wenig vorzeigen. MAN arbeitet an einem Lkw mit Brennstoffzellenantrieb und BMW an einer Wasserstoff-Kleinserie fürs Werk Landshut. Siemens will in Wunsiedel eine Wasserstofffabrik errichten, ebenso die Messe Nürnberg auf ihrem Gelände. Und die Stadtwerke Aschaffenburg sehen den Bayerischen Untermain als künftiges Zentrum der Wasserstofflogistik, als erster Schritt ist der Bau von Tankstellen geplant. Manche dieser Vorhaben werden oder dürften gefördert werden; so ist für Tankstellenvorhaben die rund 50 Millionen Euro umfassende "Wasserstoff-Strategie" der Staatsregierung interessant. Ein weiter gefasstes Paket mit einem Volumen von mehreren Milliarden Euro hat der Bund versprochen. Als vielleicht prominentester Fan gilt hierzulande Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler). Er ließ in den vergangenen Monaten immer wieder durchblicken, den Wasserstoff notfalls "zum Erfolg" zu schleppen, wie er es einmal formulierte. Denn nicht die Technik ist das Problem - sondern sie zu verkaufen. Dazu braucht es Erfahrungswerte, zum Beispiel, wie viel Wartung Wasserstofffabriken benötigen und in welchen Größenordnungen sich das Ganze lohnt. Nur wo sich Kosten und Nutzen realistisch abschätzen lassen, werden Unternehmen bereit sein, mehr in neue Technologien zu investieren.

Rentieren sich die Mühen?

Das lässt sich noch nicht sagen - außer, dass keine Investitionen sicher nichts bringen werden. Grundsätzlich wird Wasserstoff Potenzial beschieden, etwa als Antriebsart im Schwerlastverkehr und als Stromspeicher in der Energiewirtschaft. Da er nachhaltig produziert und genutzt werden kann, hilft er beim Klimaschutz. Und während in anderen Zukunftsfeldern wie Künstlicher Intelligenz oder Akkuforschung die internationale Konkurrenz enteilt ist, scheint beim Wasserstoff das Rennen offen zu sein. Doch insbesondere in Fernost haben Staaten in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie in kurzer Zeit große Ressourcen für die Forschung mobilisieren können. Deshalb sind die bayerischen und deutschen Investitionen in den Wasserstoff auch als Standortpolitik zu sehen; als Versuch, Wissen im Land zu generieren, zu halten und bestenfalls in neue Arbeitsplätze umzuwandeln. Vor allem im Fränkischen hat sich ein Netzwerk aus Wirtschaft und Forschung gebildet, weshalb Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König (CSU) schon von einer "Wasserstoff-Chancenregion" sprach. In Augsburg hofft man, dass Wasserstoff der krisengeschüttelten Stadt eine neue Perspektive eröffnet. Vonseiten des Wirtschaftsministeriums heißt es, man setze vor allem Hoffnungen auf den Nutzfahrzeugbereich.

Welche Probleme gibt es?

Der Wille ist da und ein wenig Geld auch. Was fehlt, ist ein Konzept für die ganz großen Baustellen: Woher soll der Wasserstoff mal kommen? Und wie bringt man ihn dann dorthin, wo er gebraucht wird? Bislang gibt es in Deutschland weder eine breite Wasserstofferzeugungsindustrie noch eine Transport- und Tankinfrastruktur. Diese wären aber nötig, um Wasserstoffanwendungen für den Markt attraktiver zu machen. Gemeinsam senken sie die Einstiegskosten für Unternehmen und bauen Hemmungen bei Verbrauchern ab. Auch E-Autos wollten nur wenige Menschen kaufen, solange es nur vereinzelt Stromtankstellen gab. Doch Rahmenbedingungen zu schaffen, ist immer teuer. Erschwerend kommt hinzu, dass Bayern viele Probleme nicht alleine lösen kann. Ohne den Bund, vielleicht sogar ohne europäische Initiative, könnten die Mühen unvollendet bleiben. Was nicht bedeutet, dass sich nicht im Kleinen viel bewirken ließe. Um hierzulande Wasserstoff in großem Stil grün zu produzieren, bräuchte es mehr erneuerbare Energien. Doch aufgrund strikter Abstandsregelungen wurde im ersten Halbjahr 2020 bayernweit kein einziges neues Windrad genehmigt. Auch beim Einsatz von Wasserstoffzügen könnte der Freistaat vorangehen, wenn er wollte: Er bestellt den Regionalverkehr auf der Schiene. Bislang ist nur ein Pilotprojekt in Mühldorf für 2024 geplant. In Niedersachsen dagegen sollen schon von 2022 an 14 Züge mit Brennstoffzelle im Regelbetrieb pendeln.

Wie geht es 2021 weiter?

Bislang scheint die Corona-Krise die Wasserstoffbranche einigermaßen verschont zu haben. Ob das so bleibt? Die öffentliche Hand ist verschuldet, viele Firmen müssen sparen. Ausgaben in Forschung und Entwicklung stehen oft als Erstes zur Disposition. Die Finanzierung der Wasserstofffabrik in Nürnberg etwa ist mit einem "Corona-Vorbehalt" versehen. Auch ein für Mitte Dezember geplantes Koordinierungsgespräch zwischen Aiwanger und Industrievertretern musste wegen der Corona-Lage kurzfristig abgesagt werden. Konkrete Zahlen zum seit Oktober laufenden Tankstellen-Förderprogramm sind derzeit fürs Frühjahr zu erwarten; die Resonanz sei groß, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. Weiter wachsen soll zudem das 2019 gegründete Wasserstoffbündnis, dem zuletzt 134 Mitglieder aus Wirtschaft und Forschung angehörten. Daneben will sich der Freistaat für das Bundesförderprogramm bewerben und bestenfalls ein Kompetenzzentrum für Mobilitätsanwendungen nach Bayern holen.

© SZ vom 30.12.2020
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