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Berghütten:DAV-Gruppe: "Für uns ist eine Grenze erreicht"

Sonja Schütz und Philipp Monden waren noch nicht auf der neuen Höllentalangerhütte. Wahrscheinlich würden sie sich dort nicht wohlfühlen. Ihnen ist es ein Rätsel, warum Menschen das, was sie ständig im Alltag haben, auch in die Berge mitnehmen wollen. Beide gehen häufig Ski-Hochtouren, klettern, übernachten gerne auf Hütten. Aber das ist in den vergangenen Jahren schwieriger geworden. Wo sie früher noch Touren je nach Schwierigkeitsgrad heraussuchen und dann erst die Hütte wählen konnten, können sie heute froh sein, wenn sie mit ein paar Tagen Vorlauf überhaupt eine Übernachtungsmöglichkeit ergattern können. Bis vor zwei Jahren mussten Hütten des Deutschen Alpenvereins (DAV) ein Viertel ihrer Schlafplätze für spontane Gäste freihalten, das hat sich auch auf Wunsch der Wirte geändert. Inzwischen müssen nur noch zehn Prozent vorgehalten werden.

"Für uns ist eine Grenze erreicht", sagt Sonja Schütz. Mit "uns" meint sie die Gruppe "Vorsicht friends" der Münchner DAV-Sektion, in der sie und Monden aktiv sind. Die Mitglieder kennen sich seit Jahren, lieben das einfache Naturerlebnis im Gebirge, und irgendwann drehten sich ihre Debatten immer mehr um ein Thema: Da läuft etwas falsch in den Bergen. Das war der Moment, in dem sie eine Arbeitsgruppe ins Leben riefen. "Quo vadis?" heißt sie. Wohin gehst du, Alpinismus? Das Ziel der Gruppe: Die Berge nicht dem Ansturm der Massen und dem zunehmenden Anspruchsdenken zu überlassen. Denn die Entwicklung der Höllentalangerhütte ist keine Ausnahme. Sie steht symptomatisch für den gesamten Alpenraum.

Höllentalangerhütte, 2015

Das Wirtspaar Thomas und Silvia Auer betreibt seit drei Jahren die damals komplett neu gebaute Höllentalangerhütte.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Dilemma der Berge: Sie sind Opfer ihrer eigenen Schönheit geworden. Bergsteigen ist ein Trend, jedes Jahr zieht es immer mehr Menschen ins Gebirge. Auf Autobahnen bilden sich an schönen Tagen lange Staus, Wanderparkplätze quellen über, neue Klettersteige werden in Ortsnähe angelegt und als "TÜV-zertifiziert" beworben, Hütten können online reserviert werden und sind Wochen im Voraus ausgebucht. Gleichzeitig gibt es immer weniger Schlafplätze, neue Hütten werden nicht mehr gebaut, um die Alpen nicht noch mehr zu erschließen, und Matratzenlager werden durch Mehrbettzimmer ersetzt. An dieser Entwicklung haben wachsende Städte wie München ebenso Anteil wie die Outdoor-Industrie und beeindruckende, aber oft inszenierte Fotos in sozialen Netzwerken. Sie lösen auch bei denjenigen Sehnsüchte aus, die Wildnis, Freiheit und Abenteuer erleben wollen, die damit verbundene Einfachheit und Abgeschiedenheit aber nicht.

Philipp Monden hatte nicht gedacht, dass es viele Bergsteiger gibt, denen die Entwicklung in den Alpen ähnlich viel Kummer bereitet wie ihm. Doch dann stellte "Vorsicht friends" einen Antrag an die Mitgliedsversammlung des Münchner DAV, dass es keine Ladestationen für E-Bikes auf sektionseigenen Hütten geben soll. Und setzte sich durch. Der Beschluss ist ein deutliches Signal der größten Sektion im Alpenverein, etwa jedes zehnte DAV-Mitglied stammt aus München. Die Gruppe bekommt seither viel Zuspruch. Der Kampf der ursprünglich zehnköpfigen Gruppe, so scheint es, ist mehr als der Aufstand eines kleinen gallischen Dorfs gegen die vermeintliche Übermacht, er trifft den Nerv vieler Bergsteiger. Andere Sektionen haben bereits Kontakt zu der Gruppe aufgenommen und planen ähnliche Abstimmungen. Im November soll es in einem Symposium gemeinsam mit dem deutschen, österreichischen, Schweizer, italienischen und Südtiroler Alpenverein darum gehen, wie der Ansturm auf die Berge gesteuert werden kann.

Richtungskämpfe hat es im Bergsport immer wieder gegeben, etwa beim Klettern in den Siebzigerjahren. Es entstand damals ein Bewusstsein dafür, dass nicht das Ankommen am Gipfel das alleinige Ziel ist - sondern auch der Weg dorthin. Nur wer ohne Hilfsmittel den Berg hinaufkommt, hat dort etwas zu suchen, so der Anspruch. Wie viel Aufstiegshilfe ist legitim? Die Frage ist bis heute geblieben. Das Stück Traubenzucker als Energieschub für die letzten Höhenmeter dürften wohl nicht darunterfallen. Aber das Mountainbike mit Elektroantrieb? Oder der Gepäcktransport zur Hütte?

Hüttenwirt Thomas Auer ist über eine Materialseilbahn direkt mit dem Tal verbunden, für ihn ist es nicht ungewöhnlich, frische Salate, Wein oder eben einen Kaffee-Vollautomaten auf die Höllentalangerhütte zu bringen. Einschränkungen gibt es für ihn eher im Detail. Burger, sagt er, will er auf der Hütte nicht anbieten, ebenso wenig Pommes, das Fett versaut die ganze Küche. Auch Handy-Ladestationen lehnt er ab. Wer sein Smartphone aufladen will, "der soll unter den Tisch kriechen". Dass die Entwicklung in den Bergen noch aufzuhalten ist, glaubt er nicht. Er will es auch gar nicht, denn schließlich geht es um seine Gäste, denen er etwas bieten will. Sie werden weiter ins Höllental drängen, Ansprüche formulieren, Komfort einfordern. Thomas Auer findet das nicht schlimm: "Die Berge sind dafür da, dass sie dem Menschen dienen."

© SZ vom 10.08.2018/baso
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