Sie leben ganz gut von den Touristen, trotzdem erhebt sich auch im Allgäu regelmäßig Unmut, falls es zu viele Auswärtige werden, die die Berge und Seen bevölkern, womöglich noch als Tagesgäste, die mit ihren Autos die Straßen verstopfen und nicht einmal Geld für eine Übernachtung zurücklassen – und dann auch noch frech werden. Dass die Großstädter aber schon vor 100 Jahren eingefallen sind und frech wurden, zum verständlichen Unmut der Einheimischen, das lehrt das Alpenstadtmuseum Sonthofen.
Am 12. September 1926 hat der Kurgast Kurt Stockhausen aus Stuttgart-Canstatt einen Brief an den Bürgermeister geschrieben, er ist im Original ausgestellt. Der Tourist beschwert sich bitterlich über „den monotonen Lärm der Glocken“, man solle sie dem Vieh doch bitte abnehmen, er habe ein Anrecht auf ärztlich verordnete Liegekur. Der Bürgermeister, als Allgäuer von Natur aus nicht zimperlich, macht sich sogar die Mühe, dem Herren ausführlich zu antworten: Es war wohl, zu beiderseitigem Vorteil, der letzte Besuch des Kurgastes in der Allgäuer Idylle.
Man hätte Herrn Stockhausen aus Stuttgart gewünscht, er hätte zur Erholung vom Schellengeläut das Alpenstadtmuseum besuchen können. Doch selbst das Heimathaus als Vorläufer des Neubaus von 2023 wurde erst 1930 eröffnet. Wäre er also 100 Jahre später auf Kur gewesen, hätte der Tourist im Museum gelernt, dass das Allgäu ohne Herdengeläut nicht vorstellbar ist, ihm wären auch die Eigenheiten von Flachschelle, Rundschelle und Froschmaulschelle nähergebracht worden. Vor allem aber hätte er ein hochdekoriertes, hochmodernes Museum kennengelernt, das in seinen Inhalten weit über Allgäuer Klischees vom Schellengeläut hinausgeht.
Es sind inzwischen so viele Preise, die die Einrichtung abgeräumt hat in den wenigen Jahren nach der Neueröffnung, dass Mechthild Fischer selbst gar nicht mehr alle auswendig aufsagen kann. Mehrere Preise für Architektur sind darunter, für die Innengestaltung, Design, Konzept, Vermittlung – und jetzt auch noch eine Auszeichnung beim European Museum of the Year Award, einem der bekanntesten und angesehensten europäischen Museumspreise, verliehen von einer internationalen Jury unter der Schirmherrschaft des Europarats. Fischer nahm den „Silleto Prize for Community Participation and Engagement“ kürzlich in Bilbao entgegen. Sie sagt: „Es war ein bisschen wie bei den Oscars.“
Als Plattform für gemeinsames Gestalten und Austausch sei das Museum inzwischen tief im sozialen und kulturellen Leben der Sonthofer Gemeinschaft verankert, urteilte die Jury. Das Museum verbinde Kulturerbe mit aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen und arbeite vorbildlich mit Menschen und Vereinen vor Ort, vor allem auch mit jungen Menschen zusammen.
Das gelingt in der Dauerausstellung unter anderem mit einem Hörspiel im alten Bauernhaus im Allgäuer Dialekt, schriftliche Übersetzung für Auswärtige inklusive. Und es gelingt bei den zahlreichen Sonderaktionen und -ausstellungen des Museums, zu Wildkräutern, zu Fair Fashion, zur Bergwacht – oder bei Projekten wie „Sonthofen – Stadt der Zukunft“. Da hat Projektleiterin Alexandra Konda mit den Jugendlichen der Stadt auf ihren Heimatort geschaut: Was fehlt, was gefällt, was braucht es noch, und die Ergebnisse wiederum ans Rathaus durchgegeben. Auch hierfür gab es einen Förderpreis, der schönste Preis aber war: den von den Jugendlichen erdachten Hängemattenwald, den haben sie tatsächlich umgesetzt.


Dass Fischers Idee mit dem „Dritten Ort, wo man sich trifft und austauscht, für Stadtgesellschaft wie Touristen“, so gut funktioniert, liegt auch an der Architektur des Hauses: Der Neubau ist verbunden mit dem alten Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert, einem der ältesten Sonthofens. Das Café mit dem Biergarten kommt gut an, gerade Touristen, das verraten die Kommentare, die sie hinterlassen, sind überrascht, in solch einer kleinen Stadt ein so modernes Museum mit Wohlfühlcharakter zu finden – mit viel Holz aus dem Stadtwald, und Vorhängen, gewebt nach alter, regionaler Webtechnik.
Natürlich interessieren Besucher aber vor allem die Exponate, angefangen beim Bauernhaus und seinem Kräutergarten. Auch bei der Zeitreise durch die Jahrmillionen, von der Entstehung der Allgäuer Alpen mit den fossilen Seesternen über die Siedlungsgeschichte. Das Haus zeigt den Übergang vom blauen zum grünen Allgäu, vom Flachsanbau (und der Verarbeitung von Eisenerz in den Nagelschmieden) zur Weidewirtschaft, Viehhaltung und Käseproduktion. Es zeigt auch die Geschichte der sogenannten Burg Sonthofen – einst als Schulungsanlage für den NSDAP-Nachwuchs errichtet, thront die riesige Anlage noch heute als Generaloberst-Beck-Kaserne über Sonthofen.
Das Museum ist abwechslungsreich gestaltet, digital, zum Mitmachen, zum Lernen, zum Spaß haben. Der Schlitten, auf dem man virtuell über eine Leinwand den Berg hinab rodelt, rüttelt und schaukelt, als würde es gleich wirklich losgehen. Das Museum zeigt zahlreiche alte Fotografien, teils mehr als 100 Jahre alt. „Das Oberallgäu ist eine der geschlossensten, historisch durchfotografierten Gegenden Europas“, sagt Museumsleiterin Fischer.
Wo alte Postkarten ausgestellt sind, dürfen Besucher digital aus verschiedenen Vorlagen eigene kreieren. Wo kuriose Allgäuer Erfindungen, allesamt patentiert, gezeigt werden, eine vollautomatische Kopfwaschanlage zum Beispiel oder ein zusammenlegbarer Sarg für den leichteren Transport im Zug, dürfen Kinder und Erwachsene sich an einer Mitmachstation eigene Erfindungen ausdenken.

Das Fahrrad mit Spiralfedern statt Reifen ist eher aus der Kriegsnot heraus geboren. Wirkmächtiger ist da eine andere Erfindung aus Sonthofen: Wintersportpionier Fritz Heimhuber erhielt nicht nur ein Patent für eine Spannvorrichtung für abnehmbare Seehundsfelle an Schneeschuhen. Um 1904 entwickelte er Metallteller für die Enden von Skistöcken, die verhinderten, dass die Stecken tief in den Schnee einsanken – bis dahin waren Skifahrer mit einer Alpenstange als Hilfe für Schwünge die Hänge hinab gefahren.
Die Touristen aber, sie sind fürs Allgäu Segen und manchmal auch Fluch geblieben. Neben dem schwäbischen Beschwerdeführer erzählt Museumsleiterin Fischer auch gerne von einem Touristen aus Sachsen, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ganz eigene Vorstellungen vom Süden hatte. Per Brief fragte er beim Bürgermeister an, ob er für eine gewisse Zeit bei einer Allgäuer Familie unterkommen könne, um sich mal wieder so richtig satt zu essen. Kühe und Landwirtschaft, das setzten offenbar einige schon damals mit einem Land gleich, in dem Milch und Honig fließen. Auch der zu dieser Zeit amtierende Bürgermeister fand die passende Antwort – der Bittsteller dagegen wohl keine Unterkunft im Schlaraffenland.


