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Alois Glück über den Atomausstieg:"Nur dagegen sein hilft nicht"

Deutschland muss schnellstmöglich aus der Atomenergie aussteigen, findet Alois Glück. Der CSU-Grande über die künftige Energieversorgung und mehr Ehrlichkeit in der Politik.

Am Montag tagt erstmals die Ethik-Kommission der Bundesregierung, die über den Ausstieg aus der Atomenergie beraten soll. Alois Glück, Präsident des Zentralkomittes der Katholiken, warnt vor unrealistischen Zielen.

Empfang zum 70. Geburtstag von Alois Glueck

Alois Glück: "Wir werden auch zu einen anderen Lebensstil finden müssen."

(Foto: ddp)

SZ: Mit welcher Erwartung fahren Sie zu diesem Treffen?

Glück: Ich hoffe, dass die Kommission einen wesentlichen Beitrag zur Verständigung darüber leisten kann, wie unsere künftige Energieversorgung aussehen kann, welche Maßstäbe dort gelten sollen. Da kann es nicht nur um technische und juristische Details gehen. Es geht um die Frage, wie wir künftig leben wollen, im Zeitalter nach der Atomenergie.

SZ: Die meisten Bürger erwarten, dass Sie der Regierung sagen, dass sie schnell aus der Atomenergie aussteigen muss.

Glück: Ja, wir müssen so schnell wie möglich aus der Atomenergie aussteigen. Das reicht aber nicht. Unser Auftrag ist es auch, über eine sichere Energieversorgung nachzudenken, und Sicherheit hat verschiedene Dimensionen. Sie umfasst die Gesundheit der Menschen, den Umweltschutz, die Abwägung der jeweiligen Risiken, aber auch eine sichere Strom- und Energieversorgung. Wir müssen uns also auch Gedanken darüber machen, wie wir eine stabile Energieversorgung gewährleisten, wie sehr wir Kohle, Öl und Gas nutzen wollen, was das für das Klima und an Abhängigkeit von anderen Ländern bedeutet, welche Konsequenzen es hat, alternative Energieformen zu verwirklichen, Strom zu sparen.

SZ: Nicht nur die Politik muss sich ändern - auch unser Lebensstil?

Glück: Da wünsche ich mir mehr Ehrlichkeit. Wir können nicht mehr sagen: Weiter so. Es hilft aber auch nicht, nur dagegen zu sein. Das Umsetzen von Alternativen braucht eine so stabile gesellschaftliche Mehrheit, dass einmal getroffene Entscheidungen nicht mit der nächsten Wahl wieder in Frage gestellt sind. Welches Unternehmen bindet Kapital über Jahrzehnte, wenn es nicht wissen kann, welche Politik in zwei Jahren gilt?

SZ: Deshalb waren Sie unglücklich, als die schwarz-gelbe Regierung die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängerte.

Glück: Ja, ich habe Bundeskanzlerin Angela Merkel geschrieben: Wir brauchen ein Gesamtkonzept. Wir müssen wissen, welchen Energiemix wir im Jahr 2040 haben wollen. Und nur, wenn es mit diesen langfristigen Zielen vereinbar ist, kann die Laufzeit von Atomkraftwerken verlängert werden. Leider wurde aus Bayern und Baden-Württemberg erheblicher Druck ausgeübt. Die Vorabentscheidung für die Laufzeitverlängerung hat sehr polarisiert. Auf der Basis von Polarisierungen ist aber kein Energiekonzept realisierbar.

SZ: Was kommt auf uns zu, wenn wir nun in alternative Energie investieren?

Glück: Die meiste Windenergie wird zum Beispiel in Norddeutschland gewonnen, dort muss es also einen Konsens geben, dass viele Windräder gebaut werden und nicht gegen jede Anlage eine Bürgerinitiative entsteht. Dann braucht es ein neues Stromleitungssystem mit geringem Energieverlust, auch das muss gebaut werden, ohne dass alle sagen, finde ich großartig, aber bitte nicht bei mir. Wenn wir einstehen für den Umstieg, müssen wir auch für die Konsequenzen einstehen.

SZ: Wie sollte diese künftige Energieversorgung aussehen?

Glück: Sie muss dezentral werden. In sich vernetzte kleinere Lösungen sind flexibler als die großen Zentralstrukturen der Gegenwart. Es kann ja niemand voraussehen, wie die Welt, die Gesellschaft, die Wirtschaft in 20 bis 30 Jahren aussehen wird. Das war ja einer der großen Fehler der Kernkraft-Pläne. Wir brauchen Strukturen, die in sich korrekturfähig sind. Aber wir werden auch zu einen anderen Lebensstil finden müssen.

SZ: Sie sind Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken - was haben Christen in einem Gremium zur Energieversorgung zu suchen?

Glück: Wir reden von den Grenzen des Wachstums und davon, dass der Mensch sich nicht selber zum Maßstab machen darf. Es gibt eine christliche Tradition der Askese, der Selbstbegrenzung. Das bringen wir zum Nutzen der Allgemeinheit in die Debatte ein.