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Allgäuer Tierschutz-Skandal:Anklage gegen weitere Bauern

Bericht über Details im Allgäuer Tierschutz-Skandal

Im Allgäuer Tierschutz-Skandal sind sechs weitere Bauern angeklagt worden.

(Foto: dpa)

Im Sommer war der Skandal um Tierquälerei bekannt geworden. Jetzt zieht er größere Kreise: Sechs weitere Personen stehen im Verdacht, Rindern Schmerzen und Leiden zugefügt zu haben.

Von Christian Sebald

Es waren erschütternde Bilder: Drei Männer wollen eine Kuh in einen Anhänger verladen. Erst versuchen sie, das Tier mit einem Seil am Kopf nach vorne zu ziehen. Dann schlagen sie ihm in die Seite, ziehen es am Schwanz, damit es sich bewegt. Doch die Kuh rührt sich nicht. Da lässt sich einer der Männer ein spitzes Werkzeug bringen und rammt es der Kuh in die Flanke. Die Bilder stammen aus dem Jahr 2019, aufgenommen hatte sie die Tierrechtsorganisation Soko Tierschutz auf dem damals größten Milchviehbetrieb in Bayern. Der Hof steht in Bad Grönenbach (Landkreis Unterallgäu). Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Memmingen Anklage gegen den 63-jährigen Landwirt und dessen 30-jährigen Sohn sowie vier leitende Angestellte der Betriebs erhoben. Sie legt ihnen zur Last, sich nach dem Tierschutzgesetz strafbar gemacht zu haben.

Im Detail wirft die Staatsanwaltschaft den sechs Beschuldigten vor, im Zeitraum zwischen März und Oktober des vergangenen Jahres 58 Rindern nicht die notwendige tierärztliche Versorgung zukommen gelassen zu haben. Der 30-jährige Sohn und die vier leitenden Mitarbeiter - drei Männer im Alter von 47, 44 und 31 Jahren sowie eine 29 Jahre alte Frau - sollen zudem im gleichen Zeitraum zehn Rindern aktiv und wiederholt erhebliche Schmerzen und Leiden zugefügt haben, indem sie die Tiere zum Beispiel mit einem Radlader durch den Stall schleiften. Laut Staatsanwaltschaft handelten die Angeschuldigten in den Fällen zum Teil gemeinschaftlich. Das Tierschutzgesetz sieht für jeden einzelnen solchen Fall eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren vor. Nun muss das Landgericht Memmingen über die Zulassung der Anklage zu Hauptverhandlung entscheiden.

Der Fall war der erste im sogenannten Allgäuer Tierschutzskandal. Insgesamt stehen in der Region seit gut einem Jahr fünf große Milchviehbetriebe im Fokus der Ermittlungsbehörden, drei in Bad Grönenbach und zwei in der Gegend um Dietmannsried (Landkreis Oberallgäu). Die nun beschuldigten Landwirte hielten auf ihrem Hof und dessen Außenstellen insgesamt 2800 Rinder. Ihr Betrieb galt in der bayerischen Milchbauernszene lange Zeit als Vorzeigehof für eine hochmoderne Landwirtschaft - ganze Busladungen Bauern von überall im Freistaat besuchten den Großbetrieb und ließen sich von den beiden Inhabern auf Führungen erklären, wie sie ihn managen.

Der zweite Bad Grönenbacher Betrieb, gegen dessen Betreiber ermittelt wird, hatte etwa 1800 Tiere in seinen Ställen stehen, beim dritten und kleinsten waren es knapp 500. Gegen dessen 66-jährigen Inhaber und seinen 23 Jahre alten Sohn hat die Staatsanwaltschaft bereits im August Anklage erhoben. Den Vorwürfen zufolge haben die beiden im Zeitraum zwischen Juli und November 2019 nicht dafür gesorgt, dass 54 erkrankte Rinder tierärztlich behandelt wurden. Die Zulassung dieser Anklage zur Hauptverhandlung steht ebenfalls noch aus. Die Ermittlungen gegen die beiden Betriebe in Dietmannsried dauern an. Der eine hat etwa hundert Rinder gehalten, der andere 600. Von ihnen hatte etwa die Hälfte der Tiere so massive Entzündungen und andere Probleme an den Klauen, dass sie kaum noch humpeln konnten und sofort in tiermedizinische Behandlung mussten.

In aktuellen Fall in Bad Grönenbach richteten sich die Ermittlungen ursprünglich gegen einen deutlich größeren Personenkreis. Darunter waren ein weiterer Betriebsleiter und fünf Angestellte. Gegen den 34-jährigen Betriebsleiter, drei 67, 63 und 31 Jahre alter Mitarbeiter und eine 37-jährige Mitarbeiterin hat die Staatsanwaltschaft beim Amtsgericht Memmingen den Erlass von Strafbefehlen mit Geldstrafen zwischen 40 und 90 Tagessätzen beantragt - ebenfalls wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz. Auch diese fünf Beschuldigten haben laut Staatsanwaltschaft Rindern erhebliche Schmerzen und Leiden zugefügt.

Das Ermittlungsverfahren gegen einen 21-jährigen Angestellten wurde dagegen eingestellt. Letzteres gilt auch für vier freiberufliche Tierärzte, die auf dem Hof zugange waren. Die Ermittlungen gegen sie wurden beendet, weil sich der Tatverdacht gegen sie nicht hinreichend erhärtet hatte.

Der Tierrechtler Friedrich Mülln, der mit seiner Organisation Soko Tierschutz den Allgäuer Tierschutzskandal ins Rollen gebracht hatte, begrüßte die Anklageerhebung. "Staatsanwaltschaft und Landgericht Memmingen können jetzt zeigen, dass sie es ernst meinen mit der Anwendung des Tierschutzgesetzes", sagte er. Aus Müllns Sicht werden nämlich selbst schwerste Verstöße gegen das Tierschutzgesetz viel zu lax geahndet. Die meisten Beschuldigten kämen zu glimpflich davon. "Mit dieser schlechten Tradition könnte nun gebrochen werden", sagte Mülln. "Angesichts der Schwere der vielen Verstöße der Angeklagten sind für mich Haftstrafen die einzige Option." Auch Umweltminister Thorsten Glauber (FW), der für den Tierschutz in Bayern zuständig ist, und Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU) hatten sich in der Vergangenheit mehrfach für eine konsequente Aufklärung und Strafen in dem Tierschutzskandal ausgesprochen, sollten sich die Vorwürfe erhärten.

© SZde/dpa/lot/van
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