Bad GrönenbachAllgäuer Tierschutz-Skandal: Landwirt darf keine Rinder mehr halten

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Brutale Bilder: Die Aufnahmen der Soko Tierschutz vom Milchviehbetrieb der Familie E. zeigen beispielsweise, wie ein Arbeiter einem Kalb mit dem Fuß in den Nacken tritt.
Brutale Bilder: Die Aufnahmen der Soko Tierschutz vom Milchviehbetrieb der Familie E. zeigen beispielsweise, wie ein Arbeiter einem Kalb mit dem Fuß in den Nacken tritt. Soko Tierschutz

Der Geschäftsführer von Bayerns größtem Milchviehbetrieb darf fortan keine Tiere mehr halten und betreuen. Das hat jetzt die zuständige Kontrollbehörde angeordnet. Der Grund sind die Vorwürfe von Tierquälereien auf dem Hof.

Von Christian Sebald

Der neue Allgäuer Tierschutz-Skandal auf dem Milchviehbetrieb der Familie E. hat Mitte März 2025 zu Aufsehen und Entsetzen weit über Bayern hinaus geführt. Nun hat die Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV), die für die Überwachung des Milchviehbetriebs zuständig ist, ein Tierhaltungs-und Betreuungsverbot gegen den Geschäftsführer des Hofs, Martin E., erlassen. Das bedeutet, dass der Mann künftig keine Tiere mehr halten und betreuen darf, er darf auch aus dem Hintergrund keinerlei Einfluss auf das Geschehen rund um die Rinder auf dem Milchviehbetrieb nehmen und muss in Konsequenz die Führung des Betriebs an eine andere Person abgeben.

Das Tierhaltungs- und Betreuungsverbot ist eine drakonische Entscheidung der KBLV. Denn es stellt einen schweren Eingriff in die grundgesetzlich geschützte Berufsfreiheit dar. Es wird denn auch eher selten ausgesprochen und gilt unter Experten als gleichsam letztes Mittel in besonders gravierenden Fällen. Der Anwalt der Familie E. antwortete bis zum Nachmittag nicht auf eine Anfrage. In einer früheren Stellungnahme zu den Vorwürfen teilte er mit, die Familie E. distanziere sich „mit Nachdruck“ von den Vorwürfen.  „Ihre Tiere und der Tierschutz liegen unserer Mandantin sehr am Herzen“, hieß es in dem Schreiben. „Denn nur gesunde Kühe, die sich wohl fühlen, geben gute Milch!“

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Die KBLV begründet ihr Verbot mit der Schwere der Tierquälereien auf dem Betrieb. „Der Mann hat unter anderem unerlaubt Elektrotreiber bei Kühen eingesetzt, Tiere unsachgemäß transportiert und an ihnen medizinische Eingriffe ohne vorherige Betäubung selbst ausgeführt“, erklärte ein KBLV-Sprecher, die „anhaltenden Schmerzen und Leiden“, die er dadurch den Tieren zugefügt habe, rechtfertigten die Aussprache des Verbots. Rechtliche Basis dafür ist Paragraf 16 des Tierschutzgesetzes. Die KBLV hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Das vorgeschaltete Prüfverfahren, in dessen Rahmen Martin E. angehört und Stellung beziehen konnte, dauerte mehrere Monate.

Der Milchviehbetrieb der Familie E. steht seit inzwischen sechs Jahren im Fokus von Kontrollbehörden und Tierrechtlern. Mit ungefähr 2200 Rindern allein am Standort Bad Grönenbach ist er der mit Abstand größte Milchviehbetrieb in Bayern. Lange Zeit galt er als Vorzeigehof. Im Frühsommer 2019 dokumentierte die Tierrechtsorganisation „Soko Tierschutz“ mit versteckter Kamera erstmals so gravierende Missstände in dem Betrieb, dass ihr Sprecher Friedrich Mülln später von „Abgründen der Milchwirtschaft“ sprach.

Im Dezember 2020 wurden Vater Franz E., der nach wie vor Inhaber des Betriebs ist, und sein Sohn Martin zusammen mit weiteren damaligen Mitarbeitern wegen des Verdachts auf massive Verstöße gegen den Tierschutz angeklagt. Seither kam es immer wieder zu Verzögerungen. Wann der Prozess gegen Vater und Sohn E. stattfinden soll, ist offen. Bisher wurden nur zwei damalige Mitarbeiter zu Geldstrafen verurteilt.

Dieses Frühjahr hat die Soko Tierschutz abermals Bilder von dem Hof der Familie E. veröffentlicht. Sie sind teils brutal und schwer zu ertragen. Die Aufnahmen zeigen unter anderem einen Arbeiter, der ein Kalb zu Boden drückt und ihm mit Wucht auf den Kopf tritt.  Auf anderen sieht man, wie Kühe, die offensichtlich zu schwach sind, um sich aufzurichten, an Gurten mit einem Radlader durch den Stall geschleift werden. Auf wieder anderen Bildern werden Rinder mit Elektrotreibern traktiert.

Schwer zu verkraftende Aufnahmen: Eine Kuh, die zu schwach ist, um sich alleine aufzurichten, wird mit Gurten und einem Radlader durch den Stall geschleift.
Schwer zu verkraftende Aufnahmen: Eine Kuh, die zu schwach ist, um sich alleine aufzurichten, wird mit Gurten und einem Radlader durch den Stall geschleift. Soko Tierschutz

Die Aufnahmen stammen vom vergangenen Jahr und wurden von einem Mitarbeiter der Soko Tierschutz gemacht, der mehrere Wochen verdeckt in dem Betrieb gearbeitet hat. Die Organisation hatte den Mann in den Betrieb eingeschleust. Aus der Sicht von Mülln zeigen die Bilder, „dass der Betrieb E. ein Regime der Gewalt, der Vernachlässigung und der Ausnutzung betreibt, nicht nur gegen die Rinder auf dem Hof, sondern auch gegen Menschen“.

Das jetzige Tierhaltungs- und Betreuungsverbot für Martin E. ist nach den Worten von Mülln „überfällig und ein wichtiger Schritt zur Gerechtigkeit“. Zudem zeige es, dass in solchen Fällen „nicht nur kleine Arbeiter mit Konsequenzen zu rechnen haben, sondern auch die reichen Chefs“. Mülln kritisiert, dass der Prozess gegen Vater und Sohn E. bis jetzt nicht stattgefunden hat. „Die schrecklichen Taten, die unser Undercover-Ermittler letztes Jahr dokumentierte, die Gewalt, Vernachlässigung, das Sterben, hätten verhindert werden können, wenn sich die Justiz nicht so viel Zeit ließe“, sagte er.

Zugleich greift Mülln die Staatsanwaltschaft Memmingen scharf an. Grund ist ein Ermittlungsverfahren der Behörde gegen den Undercover-Ermittler, der die Aufnahmen von den Tierquälereien gemacht hat. Die Tatvorwürfe betreffen nach Angaben einer Sprecherin der Staatsanwaltschaft „Verstöße gegen das Kunsturheberschutzgesetz, Verstöße gegen das Tierschutzgesetz, die Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes und die Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs und von Persönlichkeitsrechten durch Bildaufnahmen“. Weitere Auskünfte verweigerte die Sprecherin wegen der laufenden Ermittlungen. Zugleich wies sie aber auf die Unschuldsvermutung gegenüber dem Mann hin.

Mülln nennt die Vorwürfe „unfassbar und einen Schlag ins Gesicht von allen Whistleblowern“. So mache man „Menschen mundtot, die gegen Tierquälerei kämpfen“. Das Tierhaltungs- und Betreuungsverbot für Martin E. ist nicht das Einzige im neuen Tierschutz-Skandal von Bad Grönenbach. Insgesamt hat die KBLV sechs solche Verfahren eingeleitet. Das Verfahren gegen Martin E. ist das zweite, das mit einem Verbot abgeschlossen wurde. Das andere Verbot betrifft einen Arbeiter und wurde schon vor einigen Wochen ausgesprochen. Die vier weiteren Verfahren, darunter das gegen den Betriebsinhaber und Vater von Martin E., laufen noch.

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