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Razzia in Bad Grönenbach:Skandal um Milchviehbetrieb - Ermittlungen gegen neun Personen

Hohe Kälbersterblichkeit in umstrittenem Milchviehbetrieb

In einem Milchviehbetrieb in Bad Grönenbach sollen Milchkühe sehr schlecht behandelt worden sein. Die Ermittlungen laufen.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Nach Tierquälerei-Vorwürfen richtet die Polizei eine Sonderkommission ein. Unter den Verdächtigen, gegen die ermittelt wird, sind auch drei Tierärzte.

Wegen der Vorwürfe der Tierquälerei in einem Milchviehbetrieb im Allgäu haben Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwoch sieben Betriebe, zwei Tierarztpraxen und zwölf Wohnungen durchsucht. Die Staatsanwaltschaft teilte am Mittwoch in Memmingen mit, dass gegen neun Personen wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz ermittelt werde. Neben dem Inhaber stehen fünf Mitarbeiter sowie drei Veterinäre im Fokus der Ermittlungen. Das Polizeipräsidium Schwaben Süd/West hat eine 30-köpfige Sonderkommission eingerichtet. Martina Sedlmayer vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) berichtete, dass bei Kontrollen des Betriebs mit Hauptsitz in Bad Grönenbach etwa die Hälfte der 2800 Rinder Auffälligkeiten gezeigt hätten.

Der Skandal war durch Tierrechtsorganisation "Soko Tierschutz" aufgedeckt worden. Diese hat über vier Wochen hinweg Tierquälereien auf dem Milchvieh-Betrieb dokumentiert. Auf den Aufnahmen sind Mitarbeiter zu sehen, die Kühe am Schwanz reißen und mit Füßen treten. In einer Filmsequenz sieht man, wie eine Kuh an einer Baggerschaufel mit dem Kopf nach unten über ein Gitter gezogen wird - ihr Kopf schlägt auf dem Boden auf.

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"Wir haben am Mittwoch gegen acht Uhr mit den Durchsuchungen begonnen", sagte Thomas Hörmann von der Staatsanwaltschaft Memmingen. Betroffen waren unter anderem Objekte im Unterallgäu, Oberallgäu, in Weilheim-Schongau, Günzburg und Baden-Württemberg. Beteiligt waren 160 Polizisten, elf Staatsanwälte und vier Veterinäre. Es seien umfangreiche Unterlagen gefunden worden, Beamte der Polizei hätten elektronische Datenträger wie Handys, Laptops und Kameras sichergestellt. Etwa zwei Drittel des Videomaterials der Soko Tierschutz mit einem Umfang von 400 Stunden sei bereits ausgewertet, berichtete der Soko-Leiter der Polizei, Michael Haber. Da bei den Aufnahmen weder Metadaten noch Zeitstempel ausgelesen werden könnten, hätten die Durchsuchungen auch den Zweck gehabt, die Aufnahmen den Örtlichkeiten auf den betroffenen Höfen zuzuordnen. Das Videomaterial ist nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft strafrechtlich verwertbar, auch wenn es heimlich aufgenommen wurde.

LGL-Mitarbeiterin Sedlmayer berichtete über die Zustände in dem Milchviehbetrieb, der in vier Untereinheiten aufgeteilt ist. Das LGL habe den Hof am 8. und 11. Juli kontrolliert, kurz nachdem die Vorwürfe bekannt geworden seien. Insgesamt befanden sich zu dem Zeitpunkt 2848 Rinder auf den Höfen, im Hauptbetrieb waren es etwa 2300. "Die Tiere wurden während des Melkens kontrolliert", sagte Sedlmayer, da seien sie in Bewegung und einzeln zuzuordnen. Etwa die Hälfte der Kühe und Kälber hätten Auffälligkeiten gezeigt, die Behörde kontrolliere aber nur Tiere, die mittelgradig lahmen oder offensichtliche Verletzungen aufweisen: 191 Kühe und 46 Kälber seien demnach markiert und anschließend noch einmal genauer kontrolliert worden.

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"Das ist schon ein hoher Wert", sagte Sedlmayer. Die Kontrolleure stellten Gelenkentzündungen, Liegeschwielen, Eutererkrankungen und andere, schwerwiegende Verletzungen fest. Bei der ersten Kontrolle wurden vier Tiere getötet, weil sie in so schlechtem Zustand waren. Tags darauf habe der Inhaber des Betriebs eine weitere Tötung durch einen Veterinär veranlasst. Bei der zweiten Kontrolle seien noch einmal acht Tiere getötet worden, berichtete Sedlmayer. Verstöße gegen das Tierschutzgesetz werden mit Geldstrafen und Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren geahndet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt auch wegen Bedrohungen, Beleidigungen und Sachbeschädigungen, denen sich die Betreiberfamilie der Höfe ausgesetzt sieht. Die Veterinäre, gegen die ermittelt wird, sollen von teils schweren Verletzungen der Tiere auf dem Hof gewusst und dennoch nicht eingegriffen haben.

Bereits vor einer Woche war der Tierschutz-Skandal Thema im Landtag. Umweltminister Thorsten Glauber, der für das Veterinärwesen und damit für das Tierwohl in Bayern zuständig ist, sprach von "bedrückenden" und "nicht hinnehmbaren" Vorkommnissen. "Es ist eine Tierhaltung ohne jegliches Gefühl und ohne jegliches Gewissen." Wegen des überaus schlechten Zustands vieler Rinder habe man den Betriebsleiter suspendiert und einen neuen eingesetzt. Glauber kündigte schärfere Kontrollen für große Rinder- und Schweinestallungen an. Sie sollen in die Zuständigkeit der Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV) überführt werden. Die KBLV erhält dafür 25 neue Planstellen und zwei zusätzliche Dienstsitze in Schwaben und in Franken.

Unterdessen hat erneut ein Unternehmen die Zusammenarbeit mit dem Milchviehbetrieb beendet. Nach Bekanntwerden der Missstände auf dem Hof war von dort Milch nach Italien zu der Lebensmittelfirma Granarolo exportiert worden. Die Firma teilte nun mit, dass man von den Tierquälereien nichts gewusst habe. Von nun an kaufe man keine Milch mehr von dem Betrieb, erklärte eine Sprecherin. Zuvor hatte eine deutsche Käserei ihren Vertrag aus "ethischen und moralischen Gründen" aufgekündigt.