bedeckt München
vgwortpixel

Schloss Kronburg:Neue Ideen im alten Gemäuer

Es kommt nicht oft vor, dass ein Schloss im Privatbesitz so gut gepflegt ist.

(Foto: Philip Koschel)

Seit 400 Jahren ist das Schloss im Besitz der Familie von Vequel-Westernach. Nun übernimmt die junge Generation die Verantwortung - und steht vor großen Herausforderungen.

Allein der Ausblick ist gigantisch, gerade bei Föhn: Blickt man aus einem Fenster der Südseite von Schloss Kronburg in der Nähe von Memmingen, sieht man die gesamte Alpenkette, vom Säntis am Bodensee bis zur Zugspitze. "Nagelfluhkette, Grünten, Hochvogel, Mädelegabel", Maximilian von Vequel-Westernach, der junge Schlossherr, zeigt die einzelnen Berge. So eine Aussicht gibt es selten, dabei ist die Kronburg ja selbst eine Sehenswürdigkeit, da braucht es den Blick aus dem Fenster gar nicht: Etwa 500 Jahre alt ist das Bauwerk, eines der schönsten Schlösser im an schönen Schlössern nicht unbedingt armen Allgäu.

Die Familie Vequel-Westernach lebt hier, gerade übernimmt mit Maximilian und seiner Schwester Carolin die junge Generation die Verantwortung fürs Erbe. Und es ist nicht so, dass die jungen Schlossbesitzer heute noch ein Leben führen, wie man es aus alten Märchen kennt. Carolin von Vequel-Westernach sagt: "In High Heels sieht man mich nicht durch den Ort stöckeln. Eher in Gummistiefeln." Vor ein paar Jahrzehnten, da gab es auch auf der Kronburg noch Köche, Förster und Gärtner, heute ist Personal für die Familie kaum noch zu finanzieren. Der Wald hat viel abgeworfen, aber die Zeiten sind vorbei. Um so ein Schloss in Schuss zu halten, braucht es neue Wege: Hochzeiten etwa, einen über die Grenzen des Allgäu hinaus bekannten Weihnachtsmarkt im Schlosshof, ein Gästehaus. Theodor Freiherr von Vequel-Westernach, so lautet der Adelstitel korrekt, und seine Frau Ulrike haben das Schloss in den Achtzigerjahren von der Verwandtschaft übernommen, sie haben es renoviert und neue Geschäftsfelder erschlossen. "Wir spüren schon die Verantwortung der Familiengeschichte", sagen die Nachfolger Maximilian und Carolin. Der 26-Jährige und die 28-Jährige wollen das Schloss erhalten und in der Familie behalten, auch wenn das nicht einfach ist.

Die Wappensammlung im Schloss Kronburg.

(Foto: Philip Koschel)

500 Jahre alt ist das kastellförmige Burgschloss in seiner heutigen Form mit seinen vier Rundtürmen, die Historie des Bauwerks aber reicht noch deutlich länger zurück. Die Römer hatten hier auf der Anhöhe über der Iller bereits einen Wachturm, bei Grabungen wurde eine Münze aus dem Jahr 233 nach Christus gefunden. Um das Jahr 1200 wurde die "Burg im Grünen", wovon sich der Name Kronburg ableitet, von einem Staufischen Dienstmannengeschlecht erbaut. Die Habsburger vergaben die Burg bald als Pfandlehen, sie hatte wechselnde Besitzer, bis zum 16. Dezember 1619: Da erhielt der kaiserliche Berater und spätere Hochmeister des Deutschen Ritterordens Johann Eustachius von Westernach die Herrschaft über das Schloss. Die Familie Westernach gehört zum schwäbischen Uradel, der Doppelname mit Vequel entstand 1852 durch Heirat - die Linie Westernach war 1841 männlicherseits ausgestorben.

Es kommt nicht oft vor, dass ein solches Bauwerk so lange Zeit in der Hand einer Familie bleibt. Es kommt auch nicht oft vor, dass solch ein Privatbesitz so gut gepflegt ist wie Schloss Kronburg. Von außen sieht es makellos aus mit seinem ockergelben Farbton und den rot gestreiften Fensterläden. Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass es an mehr als 40 Stellen durch das Dach regnete. "Der Großonkel war Jurist", sagt Carolin von Vequel-Westernach. Mit dem Erhalt von denkmalgeschützten Bauwerken kannte er sich lange nicht so gut aus wie ihr Vater, ein gelernter Schreiner und Holzingenieur. Theodor Verquel-Westernach restaurierte in den Neunzigerjahren erst einmal das 3500 Quadratmeter große Dach und machte es sturmfest, das ist wichtig hier oben auf exakt 752 Metern. "Zwei Millionen Mark hat das gekostet", sagt Maximilian von Vequel-Westernach. Der Kredit wird noch heute abbezahlt.

Die Kapelle ist ein Schmuckstück des Schlosses bei Memmingen.

(Foto: Privat)

Bei so einem Schloss muss man ja gleich in anderen Dimensionen denken als bei einem Einfamilienhaus. Da ist allein die Feuchtigkeit, nur wenige Räume sind beheizt. In der Kapelle etwa müssen die Maler alle zwei Jahre anrücken. Ist man auf der Südseite mit den Fensterläden fertig, geht es auf der Westseite weiter. "So kommt eigentlich jedes Jahr eine andere Seite dran, bis es wieder von vorne los geht", sagt Carolin von Vequel-Westernach. Für ihr denkmalgeschütztes Schloss kann die Familie nichts von der Stange kaufen, die Fenster haben je nach Raum andere Maße. "Wir brauchen meistens Spezialanfertigungen", sagen die Erben, so kommt ein Fenster auch mal auf einen Preis von 2500 Euro.

Carolin und Maximilian von Vequel-Westernach jammern nicht, wenn sie das erzählen: Sie könnten sich nicht vorstellen, woanders zu arbeiten. Aber dieses Bild in den Köpfen vieler Menschen, dass der alte Adel noch immer oben auf dem Schloss sitzt und sich ein mondänes Leben macht, das wollen sie so auch nicht stehen lassen. Maximilian von Vequel-Westernach veranschaulicht an einem Beispiel, warum herrschaftliches Eigentum heute nicht mehr Reichtum, sondern auch Last bedeutet: "Früher gab es 200 Mark für den Festmeter Holz, ein Handwerker hat 20 Mark die Stunde bekommen. Heute kriegen wir 60 Euro fürs Holz und ein Handwerker kostet 70 Euro die Stunde."

Carolin und Maximilian von Vequel-Westernach kümmern sich mit ihren Eltern um das 100-Zimmer-Schloss. Davon sind nur knapp zehn Zimmer 
bewohnt â€" der rote Saal gehört zum Museum.

Carolin und Maximilian von Vequel-Westernach kümmern sich mit ihren Eltern um das 100-Zimmer-Schloss.

(Foto: Privat)

Der Satz von den Gummistiefeln statt den High Heels ist deshalb schon wörtlich zu nehmen. Die beiden Erben müssen gemeinsam mit ihren Eltern das meiste selbst erledigen, es gibt nur Putzfrauen für die Ferienwohnungen und einen Helfer, der ab und an mit anpackt. Der Forst, das Schloss - das alles beackert die Familie fast alleine. Die junge Schlossherrin kümmert sich um die Ferienwohnungen und die Events auf dem Schloss, die Führungen durchs Museum, die Konzerte, gerade im Sommer ist durch Hochzeiten viel los. Sie hat Tourismus-Management studiert, und sie steigt schon mal in den Traktor und schleppt Bierbänke in den Schlosshof. Ihr Bruder ist für den Forst zuständig, neben seinem Teilzeitjob als Biologe kämpft er gegen den Borkenkäfer, kümmert sich um die Jagd und die neuen Pflanzungen.

Sie sind da so hineingewachsen, ihre Eltern haben ihnen nicht rein geredet, was sie studieren sollen. "Aber das passt natürlich perfekt", sagt Carolin von Vequel-Westernach. Schon als Kinder haben sie viel geholfen, wer beim Weihnachtsmarkt an die Kasse darf, darum haben sich die Geschwister fast geprügelt. Etwa 100 Räume hat das Schloss, bewohnt sind weniger als zehn. In einigen Zimmern, erzählen die Erben, steht nur Gerümpel, in anderen kommen die Decken herunter. Es wäre ein großer finanzieller Kraftakt, diesen Teil des Schlosses zu ertüchtigen, das ist im Moment nicht zu leisten. Sie müssen ja schon immer schauen, dass sie die Mittel auftreiben, um das Haus in den zugänglichen Teilen in Schuss zu halten.

Nur knapp zehn Zimmer des Schlosses sind bewohnt - der rote Saal gehört zum Museum.

(Foto: Philip Koschel)

So sind sie inzwischen auf Touristen und Eventgäste angewiesen, sie wollen nicht erleben, was in den Fünfzigerjahren passierte: Da versteigerten die Vorfahren Teile des historischen Schlossinventars, um finanziellen Verpflichtungen nachzukommen: fast die gesamte Bibliothek, fast die gesamte Waffenkammer. "Unsere Eltern haben uns beigebracht, hier alles zusammenzuhalten", sagt Carolin von Vequel-Westernach. Das Schloss, das ist ihr Wunsch, soll auch in ein paar hundert Jahren noch im Besitz der Familie sein.

© SZ vom 30.12.2019/vewo
Zur SZ-Startseite