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Kempten:Die B 12 ist der schnellste Weg ins Allgäu

Mit einer Folie verdeutlichten Kritiker des Bundes Naturschutz jüngst, wie viel breiter ein vierspuriger Ausbau der Bundesstraße wäre.

(Foto: Bund Naturschutz)

Und sie verursacht Streit. Die Wirtschaft unterstützt den Ausbau auf vier Spuren, Naturschützer beklagen Flächenfraß und Massentourismus.

Von Florian Fuchs, Kempten

Die B 12 zwischen Buchloe und Kempten ist eine Bundesstraße, sie wird das auch bleiben. Und doch sprechen Kritiker ganz gerne von einer Autobahn, wenn sie über den geplanten Ausbau der Verbindung ins Allgäu reden. Es ist eines der größten Straßenbauprojekte im Bundesverkehrswegeplan in Bayern: Vierspurig soll die Bundesstraße werden, die bislang bereits an vielen Stellen dreispurig ist. Nur gibt es deshalb schon länger Streit.

Vertreter der Wirtschaft unterstützen das Projekt, unverzichtbar sei es und ein bedeutender Wettbewerbsfaktor für die ansässigen Unternehmen. Über eine "rückwärtsgewandte Verkehrspolitik" wettert dagegen der Bund Naturschutz, der nicht nur vor dem aus seiner Sicht immensen Flächenverbrauch, sondern auch vor noch mehr Touristen im ohnehin von Tagesgästen geplagten Allgäu warnt.

Die Planungen sind in sechs Bauabschnitte eingeteilt, für die nördlichsten zehn Kilometer von Buchloe aus gen Süden läuft inzwischen die Bürgerbeteiligung: Ende nächsten Jahres könnten dort die Bagger anrollen. 265 Millionen Euro soll der Ausbau der kompletten, 52 Kilometer langen Strecke kosten, zumindest laut Kalkulation aus dem Jahr 2012. Die allgemeinen Baukostensteigerungen werden den Finanzbedarf wohl auf mehr als 300 Millionen Euro anwachsen lassen.

Laut Bund Naturschutz sind 70 neue Brückenbauwerke geplant, vier neue Rastanlagen und neue Auffahrten. Der Gesamtflächenverbrauch wird demnach bei mehr als 100 Hektar liegen, was auch Projektleiter Thomas Hanrieder vom Staatlichen Bauamt Kempten bestätigt: "Wobei bei Weitem nicht alles davon asphaltiert wird."

"Die wirtschaftliche Stärke des Allgäus resultiert vor allem daraus, dass es gelungen ist, neben dem Tourismus auch die Industrie zu einer strukturprägenden Branche zu entwickeln", sagen etwa die Regionalvorsitzenden der Industrie- und Handelskammer. Dazu brauche es Verkehrswege, der Ausbau der B12 genieße deshalb einen breiten gesellschaftlichen Konsens im Allgäu. Tatsächlich hat der Ausbau auch einen breiten politischen Rückhalt, in einigen Kommunen erhoffen sie sich eine Entlastung vom Durchgangs- und vor allem Schwerlastverkehr. "Diese Straße ist ein Anliegen der Unternehmen aus Produktion, Handel und Dienstleistungen im östlichen und südlichen Allgäu", heißt es bei der IHK.

Und doch gibt es zahlreiche Kritiker. Neben dem Flächenfraß und einem bei einem Ausbau verfehlten Klima- und Artenschutz prangern Grüne und der Bund Naturschutz vor allem die von der Wirtschaft propagierte "Erreichbarkeit der Tourismusregion Allgäu" an. "Das Vorhaben wird den Auto-Tagestourismus in den Allgäuer Alpen noch weiter anfeuern, obwohl die Blechlawinen dort ohnehin schon regelmäßig zu Überlastungen führen", schimpft Josef Kreuzer, Vorsitzender der BN-Kreisgruppe Kaufbeuren-Ostallgäu. Wenn man auf zwei Spuren je Richtung schneller als auf einer normalen Bundesstraße von Augsburg und München aus ins Allgäu fahren könne, würde noch mehr Lebensraum für ruhebedürftige Arten zerstört - und das Allgäu verbaue sich so auch die Basis für einen qualitativ hochwertigen Übernachtungstourismus.

Der Bund Naturschutz hat den von ihm als "Massenansturm" bezeichneten Tourismus in die Allgäuer Alpen erst mit Zahlen aus einer Studie veranschaulicht. Demnach hat sich der Kreis an Personen, die mit dem Auto innerhalb von 2,5 Stunden nach Oberstdorf fahren können, zwischen 1970 und 2020 in etwa verdreizehnfacht - auf 8,5 Millionen Deutsche, die den Urlaubsort nun in dieser Zeit erreichen können. In der Studie heißt es auch, dass die Anzahl der Deutschen, die in weniger als einer Stunde Oberstdorf mit dem Pkw erreichen können, massiv zugenommen hat - von 160 000 auf 470 000. Der Bund Naturschutz betont, dass dies weniger am Bevölkerungswachstum im Einzugsgebiet liege, sondern vor allem an den dort erfolgten Straßenausbauten. Die Anreise- und die Fortbewegung im Urlaubsgebiet müsse stattdessen "überwiegend mit Bahn und Bus erfolgen", schlussfolgert Michael Finger, Vorsitzender der BN-Ortsgruppe Oberstdorf.

Mit seinen Forderungen nach einer Verlagerung der Investitionen auf Bahn und Bus dringen die Kritiker allerdings bislang nicht durch. Stattdessen gehen auch die Planungen für südlichere Bauabschnitte voran. Für die sieben Kilometer zwischen Wildpoldsried und Kempten etwa liegen nun die Vorplanungen bereit. Das Staatliche Bauamt Kempten prognostiziert in diesem Abschnitt aufgrund der allgemeinen Verkehrszunahme bis ins Jahr 2030 mehr als 20 000 Fahrzeuge pro Tag, bislang sind es 16 700. Ein Verkehrswachstum, von dem Kritiker vorrechnen, dass es mit den bislang drei Spuren leicht aufgefangen werden könnte.

© SZ vom 25.08.2020/infu
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