Tourismus im Allgäu:"Es geht gar nicht mehr um das Projekt an sich"

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Vor allem aber will Stark "kein Halligalli" am Berg. Damit meint er den von ihm so bezeichneten "Rollglider", den die Familie Hagenauer "Walderlebnisbahn" nennt. So ein Streit um die Deutungshoheit ist ja auch immer ein Kampf um die Begriffe. Die Anlage ist der Kern des Streits um den Grünten: An zwei mehrere Kilometer langen Seilrutschen sausen die Leute teils zwischen den Bäumen hindurch ins Tal.

Anja Hagenauer sagt, der Winterbetrieb alleine rechne sich nicht. "Wir brauchen eine Sommerattraktion, die Leute anzieht." BN-Mann Frey entgegnet: "Das ist nichts anderes als eine Achterbahn mit erheblicher Infrastruktur, und dann sind wir im Freizeitpark." So ein Freizeitzentrum betreiben die Hagenauers bereits in der "Alpsee Bergwelt" bei Immenstadt. Da kommen viele Tagesgäste, da kommen viele Autos. "Das brauchen wir nicht schon wieder", sagt Frey.

Das Problem sei, sagt Anja Hagenauer, dass die Diskussion am Grünten grundsätzlich geworden ist. "Es geht gar nicht mehr um das Projekt an sich." Der Berg eignet sich ja auch gut als Exempel. "Wächter des Allgäus" wird er genannt, wegen seiner exponierten Lage. Und dann hat dort auch noch alles angefangen mit einem der ersten Hotels im Allgäu, dem Grüntenhaus, hinten Richtung Burgberg. Carl Hirnbein, den sie noch heute "Alpkönig" nennen, gründete das Touristenhotel im Jahr 1854. Seinen Gästen bot er Molkekuren und Pferderitte auf den Berg an. Damals gab es keine Proteste. Heute, da gibt Naturschützer Frey den Hagenauers recht, gehe es am Grünten um Grundsätzliches. Aus seiner Sicht um eine "grundsätzliche Fehlentwicklung in den Alpen".

Die große Schlacht am Riedberger Horn ist ja gerade erst geschlagen. Das Riedberger Horn ist die Chiffre für den erbittertsten Streit seit Jahrzehnten zwischen einer Bergbahn und Umweltorganisationen um den Schutz der Berge. Obermaiselstein und Balderschwang wollten mit einer Skischaukel zwei kleine Skigebiete am Riedberger Horn verbinden. Anders als der Konflikt um den Grünten war die Skischaukel ein Tabubruch. Und zwar nicht nur wegen der streng geschützten Birkhühner, die dort leben. Sondern weil sie das erste Projekt war, für das der bayerische Alpenplan geändert wurde.

Er gilt in der Expertenwelt als einzigartiges Instrument für den Erhalt der Bergwelt. Er unterteilt die bayerischen Alpen in die Zonen A, B und C. In Zone C sind Bergbahnen, Schneekanonen und neue Pisten verboten. Für Fachleute ist der Alpenplan der Grund, warum die Bergwelt in Bayern vergleichsweise intakt ist und es hier keine gigantischen Skigebiete und Bergbahnen gibt wie etwa in Tirol.

2017 passten Staatsregierung und CSU den Alpenplan für die Skischaukel an, der Alpenverein, der BN und der Landesbund für Vogelschutz verteidigten ihn mit Zähnen und Klauen. Als der vormalige Heimatminister Markus Söder Ministerpräsident wurde, räumte er die Skischaukel sofort ab. Sogar die Änderung des Alpenplans wurde rückgängig gemacht. Als Entschädigung bekommt die Region ein Naturerlebniszentrum Alpin und ein Förderprogramm für naturnahen Tourismus.

Nun steuern sie um am Riedberger Horn. Unter dem Motto "Berg-Naturerlebnis Grasgehren - Das etwas andere Skigebiet" probieren sie unter Liftchef Tobias Lienemann sanften Wintertourismus aus. Sogar auf viele Schneekanonen haben sie verzichtet, freiwillig. Stattdessen werben sie offensiv für die Beachtung der Schutzzonen für Birkhühner und andere Wildtiere. Und sie locken Winterwanderer, Schneeschuhwanderer und Skitourengeher. "Wir erfinden uns gerade neu", sagt Liftchef Lienemann, "wir wollen ein kleines, feines Skigebiet sein für Gäste, die Entschleunigung und intakte Natur fernab vom Massentourismus haben wollen."

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