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Overtourismus:"Viele Staus, viele Falschparker"

Auto-Ausflügler in den Bergen

Parkplatz Fellhornbahn, Oberstdorf: Wenn es so zugeht wie hier im Juli vergangenen Jahres, soll künftig ein digitales Parkraummanagement helfen, dass nicht noch mehr Autos anrollen.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Das Allgäu ist bei Urlaubern und Ausflüglern sehr beliebt. Im Corona-Sommer 2020 erlebte die Region einen regelrechten Ansturm. Ein neues Mobilitätskonzept soll die Menschenmassen leiten und kanalisieren.

Von Florian Fuchs, Augsburg

Die Mehrheit findet dann doch, dass der Ausflugsverkehr im Allgäu ein Segen ist. Mehr als 70 Allgäuer haben sich zugeschaltet zum digitalen Auftakt des neuen Förderprojekts "Mobilitätskonzept Allgäu", knapp 70 Prozent von ihnen freuen sich über Tagesausflügler - die aber eben trotzdem die Straßen verstopfen und den Parkraum zustellen. Ob der Tourismus vor allem in Hotspots des südlichen Allgäus überhand nimmt, darüber diskutieren Politiker, Touristiker, Gastronomen und Hoteliers schon lange. Die zentrale Tourismusvereinigung "Allgäu GmbH" will deshalb nun im Zuge des Förderprojekts ein integriertes Mobilitätskonzept für die gesamte Region erstellen. Erster Schritt dorthin soll ein digitales Parkraummanagement werden, um gerade die Verkehrssituation in Hotspots zu entschärfen.

"Es geht um das Wohlbefinden der Allgäuer, um die Willkommenskultur für die Gäste, und natürlich um die Umwelt unseres wunderschönen Allgäus", sagt Maria Rita Zinnecker zur Begrüßung. Gerade der Corona-Sommer des vergangenen Jahres, erinnert die Ostallgäuer Landrätin und Aufsichtsratsvorsitzende der Allgäu GmbH, habe gezeigt, wo sich die Region noch verbessern müsse: "Viele Staus, viele Falschparker, auch wenn das nur zu einigen Zeiten an wenigen Orten der Fall war." Tatsächlich drängten die Leute nach dem Lockdown im Frühjahr mit so großer Wucht in die Natur, dass einige Orte wie Oberstdorf Rekordzahlen im Tourismus zu verzeichnen hatten. Das befeuerte die Diskussion um die Notwendigkeit verbesserter Besucherlenkung noch einmal. "Der besondere Blick", sagt auch Zinnecker, "muss sich dabei auf die verkehrlichen Anforderungen richten."

Und deshalb leiten das Projekt nicht nur Experten von den Organisationen "Green City Experience", "The Urban Institute" und "Fraunhofer IML". Deshalb spricht Zinnecker auch mit mehr als 70 Teilnehmern bei der Auftaktveranstaltung am Montag: Mobilitätsexperten, Vertreter von Ministerien und Behörden, Bürgermeister der Hotspots von Schwangau bis Lindau, sie alle sollen ihr Know-how einbringen, um der Besucherströme besser Herr zu werden. Der Zeitplan dafür ist ehrgeizig: Bereits Ende April sollen die drei bis fünf größten Hotspots des Allgäu identifiziert und Sofortmaßnahmen eingeleitet werden. Bis Ende des Jahres soll dann ein integriertes Mobilitätskonzept für die gesamte Region stehen.

Zunächst steht eine Analyse lokaler Daten an, Experteninterviews mit Betroffenen aus den Urlaubsregionen folgen. Auch Gäste, fordert die Geschäftsführerin des Verbunds der großen Allgäuer Hotels, Sybille Wiedenmann, sollten nach ihren Ansichten befragt werden. "Wir müssen erreichen, dass die Menschen, die kommen, auch mitmachen." Eine eingehende Analyse des Verkehrs und der Besucherströme ist deshalb vorgesehen: Teils anhand von Mobilfunkdaten sollen der Quell-Ziel-Verkehr, auch bis nach Österreich, aber ebenso die Situation auf Zufahrten und in Parkräumen vor Reisezielen wie Schloss Neuschwanstein exakt erhoben werden. Das angestrebte Parkraummanagement soll dann so konzipiert sein, dass möglichst viele Leute erreicht werden: unter anderem über Apps, aber auch durch Rundfunkdurchsagen.

Im Tourismus sind im Allgäu laut Berechnungen des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts für Fremdenverkehr mehr als 58 500 Menschen beschäftigt - in 40 verschiedenen Berufen. Laut Bundesagentur für Arbeit, erläutern die Projektleiter, ist der Tourismus die fünftgrößte Beschäftigungsbranche der Region. Das zeigt, warum das Thema Besucherlenkung unter dem Oberbegriff "Overtourismus" im Allgäu so hoch gehandelt wird. Und nicht nur im Allgäu: Die meisten Urlauber dort sind Deutsche, ihr Anteil am Besucheraufkommen liegt in normalen Jahren bei knapp 90 Prozent, im Corona-Sommer 2020 lag er sogar über 90 Prozent.

Die Touristen kommen wegen der Natur, sie finden vor Ort aber auch Probleme. Die Teilnehmer aus Tourismus und Mobilität sollten bei der Auftaktveranstaltung interaktiv auflisten, welche Stärken und welche Schwächen die Region habe: Die Experten priesen die Bergwelt und die touristischen Sehenswürdigkeiten genauso wie das gute Radwege- und Wandernetz. Sie kritisierten aber vor allem die starke Fokussierung auf das Kfz, den mangelnden Fahrradtransport der Bahn und ein fehlendes übergreifendes Ticketsystem. All das sind Punkte, die bei der Ausgestaltung eines integrierten Mobilitätskonzept eine Rolle spielen werden. Eine Verzahnung der Bedürfnisse der Einheimischen und der Gäste wünschen sich die Touristiker, einige der Teilnehmer sprachen sich auch für eine "Vorfahrt für Klimaschutz" aus.

Testläufer für Konzepte zur Besucherlenkung gibt es seit Jahren im Allgäu. Erst im vergangenen Sommer stellte sich ein Forschungsprojekt vor, das Informationen über freie Parkplätze, verstopfte Straßen, geöffnete Hütten und gesperrte Wanderwege künftig leichter zugänglich machen soll. Das Mobilitätskonzept Allgäu will nun alle kommunalen Initiativen mit einbinden. "Die Aufgabe ist ambitioniert", sagt Landrätin Zinnecker.

© SZ vom 02.03.2021/syn
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