Tierrechtsaktivist schildert Zustände in Bad Grönenbach„Kranke Tiere mit Seilwinden verladen“

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Der Milchviehskandal von Bad Grönenbach zählt in den Augen von Tierrechtlern zu den schlimmsten Tierschutzstraftaten in Deutschland. Derzeit müssen sich deshalb zwei Bauern vor dem Landgericht Memmingen verantworten.
Der Milchviehskandal von Bad Grönenbach zählt in den Augen von Tierrechtlern zu den schlimmsten Tierschutzstraftaten in Deutschland. Derzeit müssen sich deshalb zwei Bauern vor dem Landgericht Memmingen verantworten. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
  • Tierrechtsaktivist Philipp Hörmann sagte als Hauptbelastungszeuge im Tierschutzprozess gegen zwei Bauern aus Bad Grönenbach aus.
  • Hörmann dokumentierte mit versteckten Kameras brutale Misshandlungen von Rindern, darunter das Verladen kranker Tiere mit Radladern und Seilwinden.
  • Vater und Sohn müssen sich wegen 58 Verstößen gegen das Tierschutzgesetz verantworten und drohen Geld- oder Freiheitsstrafen bis drei Jahre.
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Philipp Hörmann hat den Allgäuer Tierschutzskandal mit versteckten Kameras öffentlich gemacht.  Jetzt sagt er als Hauptbelastungszeuge im Prozess aus und macht den Angeklagten schwere Vorwürfe.

Von Florian Fuchs und Christian Sebald

Der Radlader, so schildert es der Zeuge, sei mit der Ecke der Schaufel mehrmals in das Rind hineingefahren, mit Anlauf. Das kalbende Rind habe nicht aufstehen können, offensichtlich habe es aber dazu bewegt werden sollen. Schließlich sei es mit einer Hüftklammer und mithilfe des Radladers in die Luft gehoben, das Kalb sei aus dem Mutterleib „herausgerissen“ worden. „Die Geburt wurde erzwungen, die Kuh blieb nahezu regungslos liegen“, sagt Philipp Hörmann. Bevor sie frei hängend über ein Gitter hinüber in die Krankenbucht gezogen worden sei.

Es ist der vierte Monat in dem zurzeit bundesweit wohl bedeutendsten Tierschutzprozess über den Tierrechtsskandal in Bad Grönenbach. Und es ist der Tag, an dem der Hauptbelastungszeuge aussagt: Tierrechtsaktivist Philipp Hörmann hat den Tierschutzskandal damals mithilfe von versteckten Kameras öffentlich gemacht. Sechs Jahre, nachdem die Vorwürfe publik wurden und Polizei und Veterinärkontrolleure anrückten, müssen sich die Angeklagten, Betreiber des mutmaßlich größten Milchviehbetriebs Bayerns, nun wegen Verstößen gegen Paragraf 17 des Tierschutzgesetzes verantworten – und mit einer Geldstrafe oder Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren rechnen.

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Seit Januar läuft der Prozess gegen Vater und Sohn. Auch zwei Mitarbeiter waren angeklagt, diese Verfahren wurden jedoch bereits am zweiten Prozesstag eingestellt. Bei einem der Mitarbeiter aufgrund eines Strafbefehls des Amtsgerichts Memmingen, da die zu erwartende Strafe im laufenden Prozess im Vergleich zum Strafbefehl kaum ins Gewicht gefallen wäre. Der andere Mitarbeiter erklärte sich bereit, eine Geldauflage von 1800 Euro zu zahlen.

Die Anwälte der beiden Landwirte bestreiten seit Beginn des Prozesses die vorgeworfenen Verstöße. Laut Anklage sollen Franz und Martin E. in insgesamt 58 Fällen Tiere unsachgemäß mit dem Radlader verladen haben, sie sollen kranke und behandlungsbedürftige Kühe nicht tierärztlich versorgt haben. Durch all dies sollen Vater und Sohn dafür verantwortlich sein, den Tieren länger anhaltende, erhebliche Schmerzen und Leiden zugefügt zu haben. Obwohl sie dies erkannt hätten, davon ist die Staatsanwältin überzeugt, hätten sie die Schmerzen und Leiden billigend in Kauf genommen, um sich die Zeit und die Kosten für die Behandlungen der Tiere zu sparen.

Wie Verantwortliche und Mitarbeiter auf dem Haupthof und den Außenstellen zum Entsetzen von Tierschützer mit Rindern umgingen, schildert Tierrechtsaktivist Philipp Hörmann detailliert vor Gericht. Er habe zunächst von einer Bekannten von Tierrechtsverstößen auf einem Hof nahe Bad Grönenbach erfahren. Der dortige Eigentümer habe der Familie E. seinen Hof aus gesundheitlichen Gründen verpachtet, sei jedoch selbst schockiert gewesen, was den Tieren dort widerfuhr. In Absprache mit Hörmann intervenierte er bei den Betreibern, doch nichts änderte sich. Er stellte Anzeigen und informierte Behörden, die den Mann jedoch laut Hörmann abwimmelten.

„Es passierte einfach nichts“, so schildert es Hörmann vor Gericht. Der Aktivist war früher Metzger und bei der Freiwilligen Feuerwehr in Bad Grönenbach, deshalb kennt er auch Martin und Franz E. Er platzierte Kameras an der Nebenstelle des Haupthofs, wo er laut seinen Aussagen eine überbelegte Box mit etwa 20 Jungtieren entdeckte, von denen sieben nur auf drei Beinen laufen konnten. Er dokumentierte auch ein Tier, „nur noch Haut und Knochen“, das mit Schaum vor dem Mund in der Ecke gelegen habe, dem aber offensichtlich nicht geholfen worden sei.

Tiere seien regelmäßig misshandelt worden, sagt der Zeuge

Noch drastischer war laut den Schilderungen eine Verladeaktion eines Tiers am 26. Mai 2019, das mit abgespreizten Beinen im Hof lag. Das Tier sei nicht zum Aufstehen zu bewegen gewesen, auch nicht, indem Arbeiter es am Schwanz rissen. Martin E. habe die Leitung der Aktion übernommen und das Tier mit starken Kicks mit dem Knie und einem spitzen Gegenstand traktiert, das Tier sei am Kopf und Hals gerissen worden. Eine Kuh, so sei es auf den Videobildern zu sehen gewesen, sagt Hörmann, wurde mit einem Seil an den Hinterläufen zusammengebunden und mit einem Radlader über ein Gitter gezogen, sodass schließlich der Kopf aus der Höhe auf den Asphalt knallte.

Hörmann installierte letztlich auch in einer Krankenbox auf dem großen Hof der Familie in Bad Grönenbach Kameras. „Ich bin zunächst davon ausgegangen, dass es sich um einen Schlachtskandal handelt, weil kranke Tiere mit Seilwinden verladen und in menschlichen Verzehr gebracht werden“, sagt Hörmann. Tiere seien „auf brutalste Weise verladen worden, da geht es auf Schlachthöfen sanft zu dagegen“. Er habe zahlreiche Bolzenschüsse zur Betäubung von Tieren gesehen, jedoch ohne darauffolgenden Entblutungsschnitt. Mithilfe der versteckten Kameras ist Hörmann, wie er über mehrere Stunden ausführt, dann offensichtlich bewusst geworden, dass Tiere in dem Betrieb regelmäßig misshandelt und nicht ausreichend versorgt würden.

Martin E., den Hörmann besonders belastet, weil seiner Aussage nach der Vater Franz E. kaum auf dem Hof gewesen sei, hat inzwischen von der Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen KBLV ein Tierhaltungs- und Betreuungsverbot auferlegt bekommen. Solch ein Verbot gilt als letztes Mittel von Kontrollbehörden bei besonders gravierenden Verstößen. Dass auf dem Hof offenbar große Missstände herrschen, zeigt demnach nicht nur der aktuelle Prozess.

Die Soko Tierschutz hatte erst vergangenes Jahr einen Arbeiter in den Betrieb eingeschleust, dessen verdeckte Recherchen unter anderem dokumentierten, wie ein Arbeiter einem Kalb mit Wucht auf den Kopf tritt, wie Kühe geschlagen werden, auch mit Stäben, oder wie sie mit Elektroschockern traktiert werden. Experten sprachen von „roher Gewalt gegenüber hilflosen Tieren“ und davon, dass „Tieren absichtlich große Schmerzen und Leiden zugefügt“ würden.

Der Prozess wird fortgeführt. Das Gericht hat Verhandlungstage bis Oktober angesetzt. Es sind noch zahlreiche Zeugen und Sachverständige geladen.

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