Rotwild im VoralpenlandMuss man den Hirsch durch den Winter füttern?

Lesezeit: 5 Min.

Ein Rothirsch im Schnee.
Ein Rothirsch im Schnee. Konrad Wothe/Imago
  • Jagdminister Aiwanger will per Verordnung die Winterfütterung von Rotwild von November bis April als ordnungsgemäß festlegen.
  • Am Tegernsee ist ein Streit um die Winterfütterung entbrannt, weil Waldbesitzer wegen Fraßschäden die Fütterung einstellten.
  • Förster kritisieren zu hohe Rotwildbestände und fordern schärfere Jagd statt Winterfütterung zur Lösung der Waldschäden.
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Darüber ist am Tegernsee ein erbitterter Streit entbrannt. Jagdminister Aiwanger möchte den Konflikt zwischen Förstern und Jägern jetzt ein für alle Mal abstellen – mit einer Verordnung.

Von Christian Sebald

Majestätisch, elegant, imposant: Wenn es um das Rotwild geht, greifen Jäger und Förster meist zu starken Vokabeln. Die Hirsche werden gerne „Könige des Waldes“ genannt. Der Hintergrund: Das Rotwild, dessen Namen sich vom rötlich gefärbten Sommerfell der Tiere herleitet, ist die größte heimische Wildart in Bayern wie in Deutschland.

So ein ausgewachsener Hirsch kann es gut und gerne auf 1,6 Meter Schulterhöhe bringen und wiegt vier bis fünf Zentner. Besonders eindrucksvoll ist das oft stark verzweigte Geweih, das die Rothirsche jedes Jahr aufs Neue ausbilden, nachdem sie es zuvor abgeworfen haben. So ein Hirschgeweih, das bis zu 20 Enden haben kann und in Ausnahmen sogar mehr, gilt in Jagdkreisen als besondere Trophäe.

Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler), der nicht nur leidenschaftlicher Jäger ist, sondern außerdem Jagdminister, liegt das Wohl des Rotwilds sehr am Herzen. Dazu zählt für Aiwanger insbesondere, dass die Tiere gut durch den Winter kommen. Vor allem in den bayerischen Bergen, ihrem Hauptlebensraum in Bayern. Deshalb will Aiwanger die sogenannte Winterfütterung des Rotwilds stärken.

Die Winterfütterung ist eine weithin verbreitete, aber immer wieder heftig umstrittene Praxis in der kalten, vegetationsarmen Jahreszeit, bei den Staatsforsten genauso wie in privaten Revieren. Dabei bekommen die Tiere an festen Plätzen in Futterraufen und auf Fresstischen Heu, Silage, Rüben, Apfeltrester und anderes zum Fressen.  Und zwar jede Menge und das ganze Winterhalbjahr über. So ein Hirsch verdrückt vier bis fünf Kilogramm Winterfutter am Tag. Die Futtervorräte werden schon im Herbst in Schuppen, Scheunen und bisweilen sogar Silos an den Fütterungen eingelagert.

Auf einer Jagdmesse in Salzburg kündigte Aiwanger jetzt eine spezielle Verordnung zur Winterfütterung an. Darin möchte er festlegen, dass sie von 1. November bis Ende April „ordnungsgemäß ist und nicht infrage gestellt werden kann“. Die Verordnung soll vom nächsten Winter an in Kraft sein. In Jagdkreisen wird das sehr begrüßt.

Aiwanger reagiert damit auf einen bizarren Streit um das Rotwild in einem Jagdrevier am Tegernsee, genau gesagt zwischen Wallberg und Peißenberg. Das ist der Bergrücken, auf dem einst der legendäre Wildschütz Jennerwein gestorben ist, nachdem ihm der Jagdgehilfe Pföderl mit einem Schuss verletzt hatte.

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger in Jägerkluft, hier im Frühjahr 2023 auf einer Alm im Landkreis Rosenheim, damals war er noch nicht Jagdminister.
Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger in Jägerkluft, hier im Frühjahr 2023 auf einer Alm im Landkreis Rosenheim, damals war er noch nicht Jagdminister. Peter Kneffel/dpa

Im Kern geht es darum, dass nach Überzeugung einiger Waldbesitzer viel zu viel Rotwild in dem Revier lebt und die Fraßschäden in den Wäldern ein nicht länger hinnehmbares Ausmaß erreicht haben. Rotwild ist bei Waldbauern gefürchtet, weil es die Rinde von den Bäumen abnagt oder abzieht. Im Rottach-Egerner Jagdrevier haben sie deshalb die Winterfütterung eingestellt und eine scharfe Jagd ausgerufen. Viele Jäger, aber auch Tierschützer sehen vor allem im Ende der Winterfütterung einen Verstoß gegen das Wohl des Rotwilds und den Tierschutz.

Aiwanger nennt den Streit „beschämend und peinlich“. In Rottach-Egern fehle „offenbar der gesunde Menschenverstand so zu handeln, wie es Natur und Tierwelt erfordern“.  Deshalb lässt Aiwanger derzeit  „ein Fütterungskonzept vorbereiten, das in der Notzeit funktioniert“ – und zwar überall in den bayerischen Bergen. Notzeit ist in der Jägersprache das Wort für den Winter und meint die Minusgrade und den Schneefall, die dem Rotwild, aber auch den Gämsen, Füchsen und anderen Wildtieren das Leben und bisweilen das Überleben schwer machen.

Das Rotwild hat gegen den Winter eigentlich eine besondere Strategie. Die Tiere ziehen heraus aus den Bergen in flachere Gebiete. Zumindest haben sie das jahrhundertelang getan. Denn das geht längst nicht mehr. Die einst freie Landschaft ist zersiedelt, zerschnitten oder zugebaut. Deshalb brauche es die Winterfütterung, sagen ihre Befürworter. Aiwanger sagt: „Entweder wir wollen das Rotwild im Berg erhalten, dann müssen wir es vernünftig füttern. Oder wir wollen es eliminieren – dann müssen wir ihm das Futter entziehen.“

Rotwild an einer Winterfütterung.
Rotwild an einer Winterfütterung. Konrad Wothe/Imago

Ein anderer Grund der Winterfütterungen ist, dass das Rotwild dort unter Kontrolle ist. Im Frühjahr, wenn die Tage länger und wärmer werden, drängt es die Tiere eigentlich hinauf in die Berge. Und zwar oft so schnell, dass sie dort nicht ausreichend Gräser und andere Nahrung finden. Dann machen sich die Tiere über die Bäume her, sie nagen Rinden und Äste ab. Das sollen die Fütterungen verhindern. In Aiwangers Worten: „Das Rotwild könnte vielleicht auf Fütterung verzichten – würde dann aber Fichtenrinde fressen. Das wollen wir nicht.“

Experten wie Stefan Kramer teilen Aiwangers Überzeugungen nicht. Sie reagieren – vorsichtig gesagt – sehr irritiert auf die Ankündigung des Jagdministers. Kramer, 61, ist Förster im Landkreis Miesbach. Er kennt die Bergwälder am Tegernsee sehr genau. Kramer sagt: „Das Hautproblem ist ganz einfach, dass es dort immer mehr Rotwild gibt. An manchen Orten beträgt die Population inzwischen ein Vielfaches dessen, was die Bergwälder verkraften.“

Wobei die Höhe der Population nicht wirklich klar ist. Im Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten von Ministerin Michaela Kaniber (CSU) gehen sie davon aus, dass im Freistaat etwa 30 000 Stück Rotwild leben – Tendenz steigend. So kann man es auf dem Wildtierportal des Ministeriums im Internet nachlesen. Und an der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft haben sie in den Jahren nach 2017 in einem aufwendigen Forschungsprojekt die Rotwildbestände an der Kampenwand und im Karwendel analysiert.

Dabei haben die Forscher im Untersuchungsgebiet an der Kampenwand eine Population von vier Stück Rotwild auf 100 Hektar Fläche ermittelt. Im Karwendel waren es sogar sechs Tiere auf 100 Hektar Fläche. Das sind durchaus starke Populationen. Vor allem, wenn man eine alte Försterregel zum Vergleich heranzieht. Sie besagt, dass ein Bergwald maximal ein bis zwei Stück Rotwild auf 100 Hektar Fläche verträgt.

„Größere Populationen gehen zwangsläufig zulasten des Bergwalds“, sagt Kramer. „Dann werden die Fraßschäden an den Bäumen immens.“ Dazu muss man freilich wissen, dass die Försterregel umstritten ist. Und zwar in jeder Hinsicht. Es gibt Experten, die sagen, sie sei viel zu hoch angesetzt, andere sind überzeugt, dass die Bergwälder auch mit drei Stück Rotwild oder mehr auf 100 Hektar Fläche zurechtkommen.

Bäume mit  alten, vernarbten Schälschäden, die das Rotwild angerichtet hat.
Bäume mit  alten, vernarbten Schälschäden, die das Rotwild angerichtet hat. Reiner Bernhardt/Mauritius Images

Die immensen Fraßschäden in den Bergwäldern hingegen sind in den forstlichen Gutachten dokumentiert, die alle drei Jahre erscheinen. Nach dem aktuellen Gutachten von 2024 haben sie sich im Vergleich zu 2021 verschlimmert, vor allem bei der Tanne. Eine der wenigen Ausnahmen ist der östliche Chiemgau. Aber selbst dort empfehlen die Gutachter, die Jagd zu verschärfen, damit sich der Zustand der Wälder zumindest nicht verschlechtert.

Eine sehr viel schärfere Jagd als bisher üblich ist denn auch die zentrale Forderung des Försters Kramer, der die forstlichen Gutachten in der Region am Tegernsee verantwortet. „Wenn wir die Rotwild-Bestände endlich auf ein waldverträgliches Maß bringen, können wir uns den immensen Aufwand und den wiederkehrenden Ärger mit den Fütterungen sparen und sie auf echte Notzeiten mit wirklich hohem Schnee und extremer Kälte beschränken“, sagt er.

Zumal das Rotwild von seiner Biologie eigentlich keine Probleme mit dem Winterhalbjahr in den Bergen hat, wie Kramer betont. Wie alle Wildtiere fressen sich Hirsche, Hirschkühe und Jungtiere in der warmen Jahreszeit Fettreserven an, von denen sie in den kalten Monaten lange zehren können. Außerdem stellen sie ihren Stoffwechsel zu Beginn der vegetationsarmen Jahreszeit auf die energieärmere Winternahrung um und sind sehr viel weniger aktiv.

„All das hilft dem Rotwild gut durch den Winter“, sagt Kramer, „auch wenn in der freien Natur immer mal wieder einzelne Tiere nicht überleben.“  Auch weil die Winter selbst wegen des Klimawandels immer milder und schneeärmer werden. Und zwar immer öfter auch in den Bergen.

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