Die Geschichte Aichachs, „unserer schönen, altbayerischen Stadt“, so formuliert es Bürgermeister Klaus Habermann, sei „unglaublich vielfältig und spannend“. Das würden andere Bürgermeister für ihre Städte und Gemeinden ebenfalls unterschreiben, nur haben die im Gegensatz zu Habermann den Nachteil, dass bei ihnen kein Ortsteil „Oberwittelsbach“ heißt.
Die Wiege der bayerischen Monarchie steht in Aichach, mit dem Stammsitz der Wittelsbacher, auch wenn die dazugehörige Burg bereits im Jahr 1209 geschleift wurde, eines Wittelsbacher Königsmörders wegen.

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Aichach ist eng verbunden mit der Geschichte der Wittelsbacher, gerade mit dem Ahnherrn, Herzog, König und Kaiser Ludwig dem Bayern. Aber natürlich ist die Geschichte Aichachs nicht nur eine Geschichte der Wittelsbacher, lange nicht. Es ist das Verdienst der neuesten Publikation „Aichach. Geschichte einer Stadt in Bayern“, den Einfluss der Wittelsbacher auf Aichach zu skizzieren, dabei aber auch die anderen Meilensteine und lesenswerte Nebensächlichkeiten nicht aus dem Blick zu verlieren: die prominenten und weniger prominenten Kinder der Stadt, die Kriegszeiten und den wirtschaftlichen Aufschwung bis zur Gebietsreform in den 1970er-Jahren.
Es kam nicht von ungefähr, dass in Aichach vor fünf Jahren eine Landesausstellung stattfand, die sich dem Entstehen der bayerischen Städtelandschaft und dem Leben in der mittelalterlichen Stadt widmete. Aichach, mit seinem mittelalterlichen Grundriss und seinen jahrhundertealten Einrichtungen wie dem Spital, der Stadtpfarrkirche, dem Rathaus und den Verteidigungsanlagen, sei dabei selbst zum Ausstellungsobjekt geworden, schreibt der schwäbische Heimatpfleger Christoph Lange, einer der Herausgeber des Buchs.
Dabei war das heutige Stadtgebiet schon vor den Römern besiedelt, von einer keltisch geprägten Bevölkerung. Mit den Römern selbst und der Provinzhauptstadt Augusta Vindelicum erfuhr auch das Umland einen Aufschwung. Auf Luftbildern sind noch heute Spuren römischer Landgüter auf Wiesen und Feldern sichtbar.

Dennoch blieb der Landstrich wenig besiedelt. Auf „Eihhahi“, also Eichenwald oder Eichenhain, geht der Name „Aichach“ zurück. Von der Siedlung zur Stadt wurde Aichach erst mit den Wittelsbachern.
Kaiser Heinrich V. schenkte wohl am 15. November 1115 seinem Vasallen Graf Otto IV. von Scheyern ein königliches Besitztum im Herzogtum Bayern. Auf 1120 ist die erste Nennung Ottos als Pfalzgraf datiert, der sich wie seine Söhne nach Wittelsbach benannte, wo die Burg Wittelsbach fortan wohl als Amtsburg diente – weshalb man hier von den Anfängen der Wittelsbacher sprechen kann, die bald zu Herzögen aufstiegen.
Die Burg selbst allerdings stand nicht mehr lange, da Otto VIII. im Jahr 1208 König Philipp in Bamberg ermordete – der König hatte ihm trotz anderslautender Versprechen doch nicht eine seiner Töchter zur Gemahlin geben wollen. Der Königsmörder wurde gefasst und hingerichtet, die Burg niedergerissen. Reichslehen und Amtsgüter erhielt stattdessen Ottos Cousin Ludwig I.

Das im Verlag Friedrich Pustet erschienene, 452 Seiten dicke Buch ist in Aufsätze verschiedener Autoren gegliedert. Dem Einfluss von Ludwig dem Bayern, der zeitlebens mit verschiedenen Päpsten über Kreuz lag, und auch von Ludwig im Barte – der Herzog hatte, nach damaliger französischer Mode, viel Haar im Gesicht – kann man sich einzeln und kapitelweise nähern. Genau wie den Prominenten der Stadt, dem Astronom Johannes Engel, dem Komponisten Mathias Greiter. Oder dem Franziskaner Theodor Krump, der auf Missionsreise nach Afrika ging.
Es ist eine Stärke des Buchs, dass sich jeder Leser der Aufsätze bedienen kann, deren Themen ihn interessieren – sei es aus Wirtschafts-, Gesellschafts-, Politik- oder Kirchengeschichte. So ist zum Beispiel auch die Eisengewinnung im Mittelalter beschrieben. Etwa vom siebten Jahrhundert bis 1000 n. Ch. bauten die Menschen hier Erz ab – die Spuren im hügeligen Waldboden sind noch heute deutlich sichtbar. Von Hand gruben Arbeiter im Wald etwa 3500 Gruben aus, mit sogenannten Rennöfen verhütteten sie das Erz an Ort und Stelle.
Das Stadtgebiet vergrößerte sich auf einen Schlag um das 15-fache
Und dennoch bauen die Aufsätze im Buch aufeinander auf und zeigen Stück für Stück, wie Aichach zum heutigen Zentrum im Landkreis Aichach-Friedberg mit mehr als zwanzigtausend Einwohnern wurde. So entstand die Stadt am Schnittpunkt der Reichsstraße zwischen Augsburg und Regensburg mit der Salz- und Weinstraße, die entlang der Achse München, Dachau, Rain und Donauwörth verlief. Nach der Zerstörung der Pfalzgrafenburg im Jahr 1209 mauserte sich Aichach zum Mittelpunkt der Region – der Sage nach wurde die Stadt mit den Steinen der Burg erbaut, deren erste gesicherte schriftliche Erwähnung aus dem Jahr 1291 stammt.
Der Anschluss an die Eisenbahnlinie zwischen Augsburg und Ingolstadt im Jahr 1875, der Bau der heutigen Frauenstrafanstalt im Jahr 1908 waren wichtige Wegmarken. Nichts jedoch vergrößerte Aichach so sehr und auf einen Schlag wie die Gebietsreform in den 1970er-Jahren, als sich das relativ kleine Stadtgebiet von 631 auf 9298 Hektar vervielfachte – ein fast 15-facher Zugewinn durch die Eingemeindung zahlreicher angrenzender Ortschaften, unter anderem von Oberwittelsbach. Statt der Burg steht am Stammsitz der Wittelsbacher heute die Burgkirche Oberwittelsbach.

Und es steht dort seit dem Jahr 1834 das Wittelsbacher Nationaldenkmal, mit dem die Herrscher ihren royalen Machtanspruch in die Landschaft einzuschreiben versuchten – und sich dabei bis zurück auf Ludwig den Bayern beriefen. Es ist ein Ausdruck bayerischen Staatsbewusstseins mitten in Aichach.
Christoph Lang / Wilhelm Liebhart / Sarah Schormair / Klaus Wolf (Hgg.): Aichach. Geschichte einer Stadt in Bayern. 452 Seiten. Verlag Friedrich Pustet.

