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Agnes-Bernauer-Festspiele:Von der Hure zur Volksheldin

Agnes-Bernauer-Festspiele

Letzter Feinschliff auf der Bühne im Hof des Straubinger Herzogschlosses vor der Premiere an diesem Freitag: Kristina Kohlhäufl als Agnes Bernauer (links), Ben Gröschl als Herzog Albrecht sowie Ramona Treintl als Pfalzgräfin Beatrix (Mitte).

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Das neue Stück für die Agnes-Bernauer-Festspiele zeichnet viel mehr die Realität des Spätmittelalters als eine einfache Liebesgeschichte eines ungleichen Paares. Und ein Henker darf auch wieder auf der Bühne stehen.

Menschen von niedriger Herkunft geraten nach ihrem Tod in der Regel bald in Vergessenheit. Auf das Unterschichtenmädchen Agnes Bernauer trifft dies keineswegs zu. Ihr Ruhm ist über Jahrhunderte hinweg nicht zerbröselt, was wohl damit zusammenhängt, dass sie in der Donau ertränkt wurde. Vor allem aber gilt sie als ein Paradeopfer der Politik, ihr Schicksal hat sie zur Volksheldin geradezu prädestiniert.

Als der Journalist Teja Fiedler, 75, vor gut einem Jahr begann, einen neuen Text für das Agnes-Bernauer-Festspiel in Straubing zu schreiben, hatte er weniger die Liebesnöte der Agnes vor Augen als vielmehr ihr dramatisches Ende. "Diese Geschichte", sagt er, "ist hochpolitisch und nicht geeignet, Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben." Hier die Guten, dort die Schlechten, zu denen der Wittelsbacher Herzog Ernst gerechnet wird, der Vater des jungen Albrecht, der sich in die "Badhur" Agnes verliebt hatte. Der Herzog stand damit schwer unter Druck, Fiedler sieht ihn nicht nur als Bösewicht. Vielmehr zeichnete er ihn als gebrochenen Charakter, als Herrscher, der Agnes notgedrungen tötete, um nicht das ganze Reich aufs Spiel zu setzen.

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Der Liebesfunke sprang 1428 bei einem Turnier in Augsburg über, bei dem die Frau dem braven Albrecht dermaßen den Kopf verdrehte, dass er alle staatspolitische Vernunft aus den Augen verlor. Ein Chronist äußerte Verständnis, denn die Baddirn Agnes, die nicht gerade den Idealen der Keuschheit folgte, war seinen Worten zufolge so hübsch, dass man den Wein, den sie trank, die Kehle hinabrinnen sah.

Heutzutage sind Schönheiten dieses Schlags eine sichere Beute von Schauspielern und Fußballern. Damals flogen die Frauenherzen den Turnierreitern zu, und bisweilen entflammten auch nicht standesgemäße Liebschaften wie jene von Albrecht und Agnes. Für einen Autor wie Fiedler ist das freilich nichts, was ihn komplett überrascht hätte. Jahrzehntelang berichtete er als Korrespondent des Magazins Stern aus Rom, Washington, New York und aus Indien über die Wirren dieser Welt. Heute lebt er in Hamburg, aber als gebürtigem Plattlinger ist ihm Bayern keineswegs fremd geworden. Ganz im Gegenteil: Im Ruhestand schrieb er mehrere Bücher über seine Heimat, zuletzt eine viel beachtete "andere" Geschichte Bayerns.

Als er vor gut einem Jahr beauftragt wurde, das Agnes-Bernauer-Stück neu zu schreiben, baute er - im Vergleich zum eher romantischen Vorgängerstück, das vor vier Jahren gezeigt wurde - mehr Dramatik hinein. Natürlich gibt es darin die für ein Volksstück obligatorischen Massenszenen. Und endlich steht auch wieder ein Henker auf der Bühne, den das Publikum zuletzt stark vermisst hatte. Aber Fiedler konzentrierte sich weniger auf das Liebespaar als auf die Realität des Spätmittelalters. Er stützte sich dabei auf Werner Schäfers Buch "Agnes Bernauer und ihre Zeit". "Ohne dieses detailreiche Werk hätte ich das Stück nie schreiben können", sagt er.

Teja Fiedler

Der in Hamburg lebende und aus Plattling stammende Autor Teja Fiedler schrieb das neue Bernauer-Stück.

(Foto: oh)

Der Aufstieg der Agnes Bernauer zur Volksheldin, die ja, wie manche in Straubing sagen, "bloß a kloane Schnoin" war, erweckt Assoziationen zum Hollywood-Kino. Etwa zu der Liebesschnulze "Pretty Women", in der sich ein Geschäftsmann und eine Prostituierte ineinander verlieben. Die Liaison von Agnes und Albrecht rief seinerzeit eine Fassungslosigkeit hervor, die noch im Todesurteil nachschwingt. Es konnte nur Zauberei sein, dass ein Herzogsohn auf eine Baderstochter hereinfällt, ist dort herauszulesen. Sie wurde denn auch 1435 wegen Zauberei verurteilt.

Fiedler schildert Agnes als stolze, hoffärtige Duchessa aus der Unterschicht, als Halbprostituierte, die ihren Aufstieg nicht preisgeben will und der Staatsräson zum Opfer fällt. Die Agnes-Bernauer-Festspiele werden in Straubing bereits seit 1935 aufgeführt, und zwar am Originalschauplatz im Herzogschloss. Ausrichter ist der Agnes-Bernauer-Festspielverein, dessen Laienspielertruppe mit mehreren Akteuren besetzt ist, die imstande sind, absolut professionell zu agieren. Für die künstlerische Umsetzung sorgt neben Teja Fiedler ein weiterer Profi mit niederbayerischen Wurzeln, nämlich der aus Deggendorf stammende Regisseur Andreas Wiedermann.

Premiere ist am Freitag, gespielt wird bis 21. Juli, jeweils Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag. Infos: www.agnes-bernauer-festspiele.de. Das Gäubodenmuseum (Fraunhoferstr. 23) zeigt eine kleine Ausstellung über Agnes Bernauer sowie über den Festspielverein.