Auf der Flucht vor den NachrichtenSehnsucht nach dem Funkloch

Lesezeit: 2 Min.

Der Obersee in den Berchtesgadener Alpen wäre der richtige Ort, digitalem Input entsagen zu können.
Der Obersee in den Berchtesgadener Alpen wäre der richtige Ort, digitalem Input entsagen zu können.
Foto: Imago

Die Debatten über den Aufstieg der AfD und sonstige Krisen haben inzwischen ein Ausmaß angenommen, dass man sich für ein paar Tage einen Zustand ohne Meinungen und Nachrichten wünscht.

Kolumne von Sebastian Beck

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Bayerns größte Sehnsuchtsorte in diesen Tagen sind die Funklöcher. Zum Glück gibt es noch ein paar von ihnen, aber sie sind inzwischen so selten wie Feldhamster oder Waldrapp. Ganz im Süden, rund um den Königssee zum Beispiel, da beträgt die Netzabdeckung weniger als 70 Prozent. Oder in Oberstaufen: Immerhin 18,7 Prozent des Gemeindegebiets sind ohne Empfang. Kein Netz, kein Balken, das Handy tot – wie beruhigend. Das müssen Paradiese sein. Man wünscht sich speziell als Journalist für ein paar Tage, gern auch für einige Wochen dorthin.

Dann würde man nicht gefühlt jede Minute und auf allen Kanälen mit den immer gleichen Fragen bombardiert: Soll die AfD verboten werden oder nicht? Sind die Wähler der AfD Nazis oder nicht? Wird die AfD die Demokratie zerstören oder nicht? Tragen die woken Eliten Schuld am Aufstieg der AfD oder nicht? Wird die AfD die Wirtschaft ruinieren oder nicht? Muss man Ossis verstehen oder nicht? Darf man als Wessi auf Ossis auch mal sauer sein oder nicht? Sind die Ausländer schuld am Aufstieg der AfD oder nicht? Darf ich überhaupt das Wort Ausländer noch benutzen oder nicht? Werden in drei Jahren die Russen einmarschieren oder nicht? Muss man nicht endlich ...?

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Stopp.

Es ist schwer, hier noch die Aus-Taste zu finden. Schaltet man beim Kochen das Radiogerät ein, dauert es gefühlt fünf Sekunden bis zur Klimakrise, Rassismus, rechten Netzwerken und der Frage, ob uns die KI nicht eventuell schon 2030 umbringt. Vielleicht sollte man vorher die ETFs umschichten? Und all das endlose Podcast-Gelaber: Du, wie ging’s dann weiter? – Ich hab’ dann noch mal versucht, mit ihrem Vater Kontakt aufzunehmen. - Und wie war das für dich? - Echt spooky, weil ich ...

Stopp.

Mal ehrlich: Es reicht. Journalisten sollen für die Leserschaft das Geschehen auf der Welt filtern und in verdaubare Häppchen zerlegen. Die Medienwissenschaft nennt das Reduktion von Komplexität. Aber inzwischen hat der Ausstoß von Nachrichten, Meinungen und Weltdeutungen selbst ein Ausmaß angenommen, dass einem schwindelig wird. Soll also die AfD verboten werden oder nicht? Na, wird’s bald? Raus mit der Antwort, aber zack!

So ein Zustand ohne Input und jegliche Meinung, völlig frei von Haltung, ganz hinten am Obersee, wenn auch nur für ein paar Tage: Das muss ein Traum sein. Man könnte Haikus verfassen und sich in radikaler Akzeptanz üben. Es ist eben, wie es ist und es kommt, wie es kommt. Und das war schon immer so.

Ende.

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