Vor dem Landesparteitag in Passau„Lügen“, „Vetternwirtschaft“ und eine Rolex: Bayern-AfD zerlegt sich selbst

Lesezeit: 3 Min.

„Hoppala, das kommt ja aus meinem Landesvorstand“: Bayerns AfD-Chef Stephan Protschka bangt um sein Amt. Er spricht von Intrigen gegen sich.
„Hoppala, das kommt ja aus meinem Landesvorstand“: Bayerns AfD-Chef Stephan Protschka bangt um sein Amt. Er spricht von Intrigen gegen sich.
Foto: Daniel Löb/dpa
  • Bei der bayerischen AfD entbrennt vor dem Parteitag am Wochenende in Passau ein heftiger Machtkampf zwischen dem Landesvorsitzenden Stephan Protschka und seinem Herausforderer Reinhard Mixl.
  • Protschka wirft eigenen Parteikollegen vor, von externen Netzwerken mit Geld und Geschenken wie Urlauben oder einer Rolex gelockt worden zu sein.
  • Beide Kandidaten gelten als Vertreter des völkisch-nationalistischen Flügels und sind wegen radikaler Äußerungen vom Verfassungsschutz beobachtet worden.
Von der Redaktion überprüft

Diese Zusammenfassung wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Am Wochenende wählt die Rechtsaußen-Partei eine neue Spitze. Die zwei Bundestagsabgeordneten Stephan Protschka und Reinhard Mixl treten gegeneinander an. Über einen Machtkampf auf offener Bühne.

Von Thomas Balbierer

SZ bei Google bevorzugen

Kurz vor dem Parteitag der bayerischen AfD an diesem Wochenende in Passau ist ein heftiger Machtkampf auf offener Bühne entbrannt. Bei der Wahl des Landesvorstands stehen sich zwei Lager gegenüber, die sich hinter den Kulissen und öffentlich mit Vorwürfen überziehen. Im Zentrum stehen der amtierende AfD-Landesvorsitzende Stephan Protschka und sein Herausforderer Reinhard Mixl.

Mitglieder der AfD stimmen bei einem Landesparteitag ab. 
Mitglieder der AfD stimmen bei einem Landesparteitag ab. 
Stefan Sauer

Beide sitzen für die AfD im Bundestag und vertreten völkisch-nationalistische Positionen, Protschka betont immer wieder seine Verbindungen zum rechtsextremen Thüringer AfD-Chef Björn Höcke. In Bayern wird die AfD von den Behörden als rechtsextremer Verdachtsfall geführt und vom Verfassungsschutz beobachtet. Die Beobachtung wurde erst in dieser Woche erneut juristisch bestätigt.

SZ Bayern auf Whatsapp
:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnieren

Von Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.

Der Streit zwischen Protschka und Mixl dreht sich also nicht um Mäßigung oder Radikalisierung, sondern in erster Linie um die Frage, wer künftig die Strippen zieht. In einem Brief an die AfD-Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla warnte Protschka vor dem gezielten „Versuch externer Netzwerke“, den Landesverband „zu kapern“.

In mehreren Social-Media-Videos legte der Landesvorsitzende dieser Tage nach und deutete an, dass AfD-Leute mit Geld oder Geschenken gelockt worden seien, um ihn zu stürzen. „Es gibt Gerüchte darüber, dass da Urlaube bezahlt werden“, oder man AfD-Abgeordnete „auf einmal mit einer Rolex rumlaufen sieht und mit maßgeschneiderten Anzügen“.

Dass ein amtierender Vorsitzender in der Öffentlichkeit so massive Vorwürfe gegen eigene Parteikollegen erhebt, ist selbst in der chronisch zerstrittenen AfD bemerkenswert. Es ist ein Hinweis darauf, dass Protschka offenbar große Sorgen um sein Amt hat. Auf dem letzten Parteitag konnte er einen Abwahlantrag noch abwehren.

Dass der Parteitag statt wie gewohnt in Greding diesmal im niederbayerischen Passau stattfindet, sieht Protschka ebenfalls als Teil eines Komplotts gegen sich. „Mit Passau haben’s mich vollkommen überrascht“, sagt er. „Die haben die Halle schon angeschaut, vorabgesprochen, bevor ich überhaupt davon wusste.“ Ihm seien „Lügen“ erzählt worden, was er allerdings erst spät bemerkt haben will: „Hoppala, das kommt ja aus meinem Landesvorstand.“ Als Kopf des Ganzen benannte Protschka einen dubiosen Politikberater, der seit vielen Jahren versucht, Einfluss auf Parteien zu nehmen. Erst vor wenigen Tagen hatte die AfD eine Zusammenarbeit mit dem Mann verboten.

ExklusivVor dem Bundesparteitag
:Wer ist das „Phantom“ der AfD?

Tom Rohrböck gilt als Strippenzieher in der Partei. Nun verordnet Alice Weidel ihren Leuten Distanz zu ihm. Dabei soll sie einst selbst zu seinem Netzwerk gehört haben.

SZ PlusVon Tim Frehler

Mixls Unterstützer werfen Protschka hingegen Unprofessionalität vor und versprechen „frischen Wind“. In den sozialen Medien unterstellen zum Beispiel die bayerischen Landtagsabgeordneten Rene Dierkes und Ralf Stadler der aktuellen Führung „Vetternwirtschaft“ oder unbelegte „Verdächtigungen“. Die AfD könne in Bayern stärkste Kraft werden, so Dierkes, wenn man „geschlossen nach außen“ auftrete und „die sozialen Medien pflegt“. Da gebe es „sehr viel Handlungsbedarf“. Der größte Feind der AfD, sagt der Münchner Abgeordnete, „ist nur noch man selbst“.

Dierkes gilt als wichtiger Strippenzieher in der bayerischen AfD-Fraktion mit Verbindungen in rechtsextreme Kreise, etwa zur Identitären Bewegung. Er wird vom Verfassungsschutz beobachtet, der ihm Äußerungen zuordnet, „in denen ein gegen die Menschenwürde gerichteter ethnischer Volksbegriff propagiert wird“. Er selbst bezeichnete die Beobachtung durch den Verfassungsschutz als „Ritterschlag“.

„Sie führen Krieg gegen uns“: Der AfD-Bundestagsabgeordnete Reinhard Mixl will Chef der Bayern-AfD werden.
„Sie führen Krieg gegen uns“: Der AfD-Bundestagsabgeordnete Reinhard Mixl will Chef der Bayern-AfD werden.
Foto: Carsten Koall/dpa

Mixl selbst hielt sich aus der Schlammschlacht heraus, jedenfalls öffentlich. „Die Mitglieder wollen Geschlossenheit, Professionalität und eine Partei, die ihre Energie auf den politischen Gegner konzentriert“, teilte er am Donnerstag auf Instagram mit. Aber auch der 65-Jährige ist in der Vergangenheit mit radikalen Äußerungen aufgefallen. Anfang Juni sprach er laut Berichten auf einer AfD-Veranstaltung in der Oberpfalz von einer „Umvolkung“, die er beenden wolle. Der Begriff wurde bereits von den Nationalsozialisten politisch verwendet.

Die Demokratie sei „bereits vor langer Zeit abgeschafft und durch eine Klimadiktatur ersetzt worden“

Mixl spielt auch eine Rolle bei der Beobachtung der bayerischen AfD durch den Verfassungsschutz. Die Behörde bezog sich bei der Begründung für die Maßnahme unter anderem auf Äußerungen des AfD-Kreisvorsitzenden von Schwandorf-Cham. Auf einer Demonstration im September 2022 behauptete er, die Demokratie sei „bereits vor langer Zeit abgeschafft und durch eine Klimadiktatur ersetzt worden“. Mixl legte nahe, der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) könnte auf Demonstranten schießen lassen. Die Regierung bestehe aus „Volksverrätern und Verbrechern“, wetterte er. „Die Regierung führt nun seit Jahren Krieg gegen uns Bürger und das meine ich wirklich ernst. Sie führen Krieg gegen uns.“

Bayerischer Landtag
:Zerstrittene AfD-Fraktion einigt sich auf Doppelspitze

Katrin Ebner-Steiner wird die AfD im Landtag künftig mit Ulrich Singer führen. Neu gewählt wurde auch ein riesiger Gesamtvorstand mit fünf Vize-Chefs. Nur so konnten die internen Konflikte übertüncht werden.

Von Johann Osel und Thomas Balbierer

Die Partei ging intern gegen Mixl vor, ein Parteiausschluss stand im Raum. Der verantwortliche Vorsitzende hieß damals: Stephan Protschka. Einen Rauswurf gab es am Ende nicht, stattdessen eine Entschuldigung Mixls an die Partei sowie eine Abmahnung. So geht es aus einem Urteil des bayerischen Verwaltungsgerichts München hervor.

Im vergangenen Jahr zog der 65-Jährige für die AfD in den Bundestag ein, nun will er also Chef der Bayern-AfD werden. Zu den Äußerungen von 2022 stehe er auch weiterhin, sagte er der Abendzeitung.

Wie das Duell am Wochenende ausgeht, ist offen. AfD-Parteitage sind unberechenbar, weil nicht, wie in anderen Parteien, gewählte Delegierte entscheiden, sondern alle Mitglieder, die kommen. Die Frage ist deshalb auch, wer an der Basis stärker mobilisiert.

Um Mobilisierung an diesem erwarteten Hitzesamstag geht es auch für die Gegner der AfD, die in Passau zu mehreren Demonstrationen aufrufen. Acht Versammlungen sind bei der Stadt angemeldet worden, es wird mit insgesamt 5000 Teilnehmenden gerechnet.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

AfD in Bayern
:„Wir können uns über nix beklagen“. Trotzdem wählen sie AfD.

In Bayern geht es den Menschen gut: Es gibt Jobs und Gemeinden, die sich neue Schwimmbäder und Feuerwehrhäuser leisten können. Und dennoch werden viele die AfD wählen. Warum ist das so? Eine Erkundung.

SZ PlusVon Andreas Glas (Text) und Johannes Simon (Fotos)

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: