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Comedy:"Dass die auf so einen Schmarrn abfahren!"

Der aus Gaißach bei Bad Tölz stammende Thomas Willibald ist gelernter Schmied. Seitdem er in die Figur des Addnfahrers geschlüpft ist und dem Publikum dessen Sicht auf die Welt erklärt, ist er in kurzer Zeit ein Star im Internet und ein gefeierter Bühnenheld geworden.

(Foto: Privat)

Als Addnfahrer hat Thomas Willibald in den vergangenen zwei Jahren einen raketenhaften Aufstieg in der Comedy-Szene hingelegt. Mit seinem oft derben Humor zieht er sich im Internet viele Feinde zu - was ihm ziemlich wurscht ist.

Von Hans Kratzer

"Das ist unser Rudi", hat der Addnfahrer neulich breit grinsend in einem Video erklärt, während sich die gleichnamige Sau ganz ruhig neben ihm am Spieß drehte. Zusammen mit einigen Freunden briet der Addnfahrer am offenen Feuer im Garten ein Spanferkel. "Der Rudi ist heute in seinem natürlichen Lebensraum", fuhr er augenzwinkernd fort, "am Rudi taugt's wia d'Sau." Man muss an dieser Stelle erwähnen, dass der Addnfahrer seit einiger Zeit als neue Gaudirakete das Internet bereichert, auf den dortigen Social-Media-Kanälen folgen ihm Hunderttausende, seine Videos werden von einer Millionenschar gierig aufgesogen.

Aber die Gegenwart ist hoch kompliziert, die Menschen ebenso, weshalb es auch für einen gefeierten Helden wie den Addnfahrer toxische Folgen hat, Bilder einer Grillsau ins Netz zu stellen. "Es ist a bissl ausgeartet", gibt er zu, Hunderte Fleischfeinde wollten ihn, nachdem sie das Filmchen gesehen hatten, in die Hölle stoßen, eine Frau teilte ihm allerliebst mit: "Wie kann man nur ein Schweinekind rektal pfählen und über dem Feuer verbrennen. Was machst du Asozialer als nächstes, setzt du dich neben eine Hexenverbrennung mit Messer und Gabel und wartest, bis das Fleisch fertig ist?"

So klingt die Gesprächskultur in jener schönen neuen Welt, in die der Addnfahrer quasi von einem Tag auf den anderen hineingespült worden ist. Vor fünf Jahren hatte ein Freund nach einem Kuhglockenstreit in Oberbayern gaudihalber ein Video ins Netz gestellt, in dem der Addnfahrer kraftmeierisch eben jene "Sauschädel" attackierte, die das alte Kulturgut verbieten wollten. "Ja sog amoi, seids es eigentlich ned ganz sauber!", polterte der junge Mann und begeisterte mit seiner derben Direktheit die Massen. In wenigen Tagen erreichte der Clip fast 100 000 Menschen.

Der Addnfahrer war auf einen Schlag eine schillernde Größe im Reich der sozialen Medien. Endlich, freuten sich viele, redet hier einer Klartext, der nicht jener Kaste von studierten Obergscheidhaferln angehört, die normalerweise im öffentlichen Diskurs den Ton angeben. Schon sein Äußeres erregte Aufsehen. Auf dem Kopf ein verschwitzter Arbeitshut, dazu ein Holzarbeiterhemd und die signalfarbenen Hosenträger, sofort war er eine unverwechselbare Marke. Nicht zu vergessen der Name, den bis dahin kaum einer gehört hatte. Addn sagt man im Tölzer Land zur Egge. Ein Addnfahrer sitzt auf dem Bulldog und zieht eine Egge über den Acker. In einem alten Video sieht man ihn, wie er voller Lebenslust mit einer Addn übers Feld fährt. "Addnfahren, geil, Frühling ist's, auf geht's!", hört man ihn juchzen.

Auch figürlich setzt der Addnfahrer einen Kontrapunkt zu den üblichen Klappergestellen auf den Comedy- und Kabarettbühnen. Zwei Zentner bringt er bei seiner überschaubaren Körpergröße jederzeit auf die Waage. Freilich, als Dürrling wäre ein Kraftbolzen wie er, geformt von Bier und Fleisch, nicht vorstellbar. Er selber macht natürlich einen Jux daraus. Die Oma habe gesagt: "Bua, iss, dass du groß und stark wirst, jetz bin i kloa und fett."

Die Aggressionen des Netzes prallen wirkungslos an ihm ab

Der 29-jährige Thomas Willibald, wie er im richtigen Leben heißt, stammt aus Gaißach bei Bad Tölz, er ist gelernter Schmied. Dass er jetzt ein gefeierter Promi ist, "verdankt" er einem schweren Arbeitsunfall. Ein Kollege drückte ihn damals versehentlich mit einem Stapler gegen eine Wand. Viele Knochen und Weichteile waren kaputt, in zahllosen Operationen wurde sein Körper wieder zusammengeflickt.

In den alten Beruf konnte er mit seinem lädierten Körper nicht mehr zurückkehren. "Aber es geht immer weiter", sagt der Addnfahrer wenige Tage nach dem Spanferkelfest im Veranstaltungsforum Fürstenfeldbruck. Kurz bevor er dort sein Programm "S'Lem is koa Nudlsubbn" darbietet, erklärt er dem Reporter, er denke stets positiv, "alles ist immer für etwas gut, selbst so ein Unfall." Sein Opa, sagt er, habe ihm, dem lebhaften Buben, der den Lehrern den letzten Nerv raubte, prophezeit, er werde mal im Platzl auftreten. "Es war alles Vorsehung", sagt der Addnfahrer, "es hat so kommen miassn."

Deshalb lasse er auch die Aggressionen im Netz wirkungslos an sich abprallen, sagt er jedenfalls. "Wenn a halbe Million Leut' a Video anschauen, da san natürlich welche dabei, die kannst ned für voll nehmen." Für ihn zählen die Zahlen: 234 000 Follower hat er auf Instagram, 773 000 auf Facebook, obwohl er erst seit zwei Jahren auf der Bühne steht. Nicht einmal Showgrößen wie Harry G. und Monika Gruber können da mengenmäßig mithalten. Aber dann sagt er noch, es ärgere ihn schon, dass es in Deutschland so viel Neid und Hass gebe, "manchmal muss ich mich sehr zammreißen, dass ich mein Maul halte."

In Fürstenfeldbruck tritt der Addnfahrer unter freiem Himmel auf. Vor Corona hat er sämtliche Säle gerockt, immer war alles ausverkauft, an diesem kühlen Sonntagabend führt da aber kein Weg hin. Mehr als hundert Besucher hören ihm diesmal nicht zu, verdammt wenig für ihn, der vor allem dann zur Hochform aufläuft, wenn die Massen toben. "Im Freien ist es anstrengend, die Leute auf Touren zu bringen", sagt der Addnfahrer. Früher führten Typen wie er in den Wirtshäusern das große Wort. Heute erreicht der Addnfahrer mit seinem Programm "S'Lem is koa Nudlsubbn" im Netz ein riesiges Publikum und seine Tournee führt ihn durch ganz Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Dabei bringt er überwiegend Erlebnisse aus einem eigenen Leben zum Besten, ohne Scheu vor Derbheiten. Sein Stil erinnert an Günter Grünwald und an Monika Gruber, wenn diese sich in exzessiven Wortkaskaden über Kuriositäten aus der bayerischen Provinz ergießen. In ähnlicher Weise dampft, stinkt und rasselt es beim Addnfahrer. Einer gendergerechten Sprache bedient er sich nicht, vielmehr lässt er keine Chance verstreichen, die politische Korrektheit nicht zu beachten.

Regelmäßig betont er, dass er nur Hauptschüler sei, dass ihn Politik nicht interessiere. Seine Meinung bilde er sich ganz allein. Das verhindert nicht, dass sich auch jede Menge akademisches und gehobenes städtisches Publikum seinen Auftritten beiwohnt. "Ich bin immer wieder überrascht, wer alles da ist", sagt er. Eines steht fest: Niveauvolle Unterhaltung im Sinne der Feuilletons hört sich ein bisserl anders an. Darauf zielen seine Hater im Internet ganz besonders ab. "Für mich", schrieb kürzlich einer, "ist der einfach nur primitiv, da steckt ned viel dahinter."

Wer sich mit dem Addnfahrer länger unterhält, könnte aber auch auf den Verdacht kommen, dass er bloß austestet, wie stark die Generation Facebook spinnt. Manchmal, sagt er, komme ihm der Zuspruch auf seine Derbheit selber komisch vor. "Dass die auf so einen Schmarrn so abfahren!" Was der Addnfahrer am Ende seines Programms noch mitteilt, ist aber kein Schmarrn. "Leit", sagt er, "seids freundlicher, schauts aufeinander, glaubt nicht an Social Media, glaubt an euch selber!"

© SZ vom 05.09.2020/lfr
Thomas Hermanns

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