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Abenteurer:Wenn Bayern eine Reise tun

Abenteuerserie Hans Schiltberger

Die Abenteuerserie Hans Schiltberger: Rache an den Gefangenen der Schlacht bei Nikopolis.

Die Liste der Deutschen, die sich in die Annalen der großen Entdecker und Abenteurer eingetragen haben, ist recht respektabel. Aber wo sind die Bayern?

Von Hans Holzhaider

Wenn man ein Buch schreiben wollte über Engländer und Schotten, die große, abenteuerliche Reisen unternommen haben, dann müsste es ein sehr dickes Buch werden. Oder besser: eine ganze Enzyklopädie. Die Weltumsegler James Cook und Francis Drake, Mungo Park, der große Afrikaforscher, Alexander Selkirk, das Vorbild für Robinson Crusoe, Robert Scott und Ernest Shackleton, die Helden der Antarktis, David Livingstone, der schottische Missionar, der die Victoriafälle entdeckte, und Henry Morton Stanley, der den verschollenen Livingstone am Tanganjikasee fand - die Liste ließe sich endlos verlängern. Im Nationalcharakter der Briten scheint die Sucht zu liegen, Wüsten zu durchqueren und sich durch Urwälder zu kämpfen, sich von Eisbergen zerquetschen oder von Kannibalen massakrieren zu lassen.

Die Liste der Deutschen, die sich in die Annalen der großen Entdecker und Abenteurer eingetragen haben, ist nicht ganz so lang, aber immer noch respektabel. Aber es fällt auf, wie groß unter ihnen das Übergewicht der Norddeutschen ist. Die Afrikaforscher Heinrich Barth und Gerhard Rohlfs - ein Hamburger und ein Bremer. Georg Forster, der Begleiter James Cooks - ein Berliner. Der Polarforscher Carl Coldewey - ein Bremer. Hans Meyer, der Erstbesteiger des Kilimandscharo - ein Hamburger. Der große Naturforscher Alexander von Humboldt - ein Berliner. Erich von Drygalski, der Leiter der ersten deutschen Antarktisexpedition - ein Ostpreuße. Wo, bitte, sind die Bayern?

Entdecker

Von Bayern aus in die Welt

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Bewohner von Küstenregionen und Hafenstädten mehr dazu neigen, die Welt zu bereisen als die Binnenländer. Wer täglich Schiffe auslaufen sieht, wer in den Hafenkneipen die wilden Geschichten der Seeleute hört, der wird eher vom Fernweh gepackt als der Bauernsohn im Voralpenland, der nie in seinem Leben Salzwasser zu riechen bekommt. Bayern war immer ein Bauernland, und was ein rechter Bauer ist, der verlässt nicht einfach seine Felder und sein Vieh, um die Quellen des Nils zu entdecken oder die Nordwestpassage zu erforschen. "Pleibt gern daheim, raist nit vast auß in frembde Land", schreibt Johann Turmair, genannt Aventinus, in seinen Annalen über die Bayern.

Aber einige gab es doch, die es aus Bayern in die Welt zog. Es lebten ja nicht nur Bauern in Bayern. Es gab Ritter und Söldner, es gab Kaufleute, und es gab Kirchenmänner. Denn das waren, in der Zeit, als das Reisen noch kein selbstverständliches Freizeitvergnügen für den Durchschnittsbürger war, die Triebfedern für Fahrten in die weite Welt: der Krieg. Der Handel. Die Mission. Erst später, im 18. und 19. Jahrhundert, kam die Wissenschaft dazu, und die pure Entdeckerlust.

In dieser Serie werden bayerische Abenteurer aus fünf Jahrhunderten vorgestellt. Genauer: zehn Abenteurer und eine Abenteurerin. Nicht alle waren es aus freiem Willen. Der Münchner Hans Schiltberger hat es sich nicht ausgesucht, dass er als Kriegsgefangener zuerst der Türken und dann der Mongolen 33 Jahre lang kreuz und quer durch Asien geschleppt wurde. Joseph Deifel, königlich bayerischer Infanterist, hätte viel lieber friedlich zu Hause im Altmühltal gelebt, statt mit Napoleons Armee in Russland zu hungern und zu frieren.

Und nicht alle waren Abenteurer im eigentlichen Sinne. Der Jesuit Ignaz Kögler aus Landsberg zum Beispiel, der dem Kaiser von China als Hofastronom diente, hat seine Heimat sicher nicht aus reiner Abenteuerlust, sondern zur höheren Ehre Gottes verlassen. Aber alle kehrten als klügere, weisere Menschen in ihre Heimat zurück. Wenn sie zurückkehrten, und nicht, wie Ignaz Kögler, in Peking einem Schlaganfall oder wie der Münchner Adolf Schlagintweit im hintersten Turkestan der Laune eines bekifften Kriegsherrn zum Opfer fielen.

© SZ vom 10.10.2016/jey
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