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Abensberg:Wahlnachlese im Bierzelt

Beim politischen Frühschoppen am Gillamoos-Volksfest geht es um Verluste und Gewinne, aber auch um Befindlichkeiten: Kevin Kühnert verspürt Heimatgefühle in Niederbayern, Markus Söder umgarnt die Bauern und Hubert Aiwanger träumt von der Alleinherrschaft

Von Andreas Glas, Johann Osel, Helena Ott und Wolfgang Wittl, Abensberg

Die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg wirken nach. Beim traditionellen politischen Frühschoppen am Gillamoos-Volksfest im niederbayerischen Abensberg kommt kaum ein Redner ohne einen Verweis auf die Ergebnisse aus. Und natürlich nicht ohne markige Sprüche. Die Auftritte im Überblick:

So manches hat sich verändert in Bayern, aber im Abensberger Hofbräu ist die Welt für die CSU noch in Ordnung. Es ist halb neun Uhr am Morgen - eine Zeit, zu der andere Parteien ihre Gäste mit Handschlag begrüßen könnten. Bei der CSU ist das Zelt schon jetzt fast voll. Um kurz vor zehn zieht der Ministerpräsident mit dem Defiliermarsch ein. Beim Aubinger Herbstfest war er am Samstag von betrunkenen Pöblern angespuckt worden. Der Empfang in Abensberg fällt ungleich freundlicher aus. Fans recken Söder ihre Hände entgegen, auf der Bühne trällert der Kelheimer Landrat Martin Neumeyer eine Variation aus dem Musical "My fair Lady": "Es grünt so grün, wenn Bayerns Wiesen blühen. Die mäht der Markus, die mäht der Markus." Der Ton ist gesetzt.

Im Jungbräuzelt gibt es eine Premiere. Juso-Chef Kevin Kühnert hält sein erste Bierzeltrede. "Wie in der U-Bahn in Berlin", sagt er mit Blick in ein Publikum, das schon vormittags Bier trinkt. Der Spruch sitzt, die Leute lachen. Geht gut los für den Berliner. Kühnert, 30, ist SPD-Hauptredner beim Gillamoos. Obwohl er kein Minister ist, nicht mal Abgeordneter. Er ist Chef der Jusos, des Parteinachwuchses. Vor allem aber ist er: Hoffnungsträger. "Einer, der dieser Partei wieder Leben einhaucht", sagt der Abensberger SPD-Chef Thomas Schug. Bevor er die Wiederbelebungsmaßnahmen einleitet, hat Kühnert eine Bitte, auch an die Genossen im gut gefüllten Jungbräuzelt: "Lasst uns mit diesem politischen Gaffertum aufhören. Wir betrachten die Entwicklung im Osten wie einen Autounfall, wo alle vorbeifahren und traurig sind, was da passiert ist. Aber keiner kommt auf die Idee mal anzuhalten, auszusteigen und nachzufragen."

Direkt neben dem SPD-Zelt haben sich die Grünen einquartiert, im viel kleineren Weinzelt. Vorbei die Gillamoos-Zeiten, in denen die Zeltmaße die Größe der Parteien gespiegelt haben. Im Weinzelt sitzen und stehen die Leute dicht gequetscht, die Menschenschlange reicht bis vor den Eingang. Am Rednerpult: Katharina Schulze, Fraktionschefin der Landtags-Grünen, die Söders Klimakurs als unglaubwürdig kritisiert. Er gebe neuerdings gerne den Öko. Aber: "Wer nimmt ihm ernsthaft die Fotos "Söder neben einem Baum" ab?" Der Ministerpräsident komme einem vor wie ein Heiratsschwindler, spottet Schulze. Vielmehr nutze Söder seine "grüne Tarnung, um das Überleben der eigenen Art, der CSU, zu sichern". Aber die Lage sei zu ernst: Das Klima könne nicht warten, bis der Ministerpräsident "Umweltschutz aus Überzeugung tut". Und Anton Hofreiter, Fraktionschef der Bundestags-Grünen, sagt, man dürfe in der Klimadebatte nicht "auf die Pessimisten hören, die sagen: Es ist schon zu spät". Zwar dränge die Zeit, aber noch gebe es "für alles technische Möglichkeiten", um die Dinge "in den Griff" zu bekommen.

Bevor Söder zu mehr als 3000 CSU-Anhängern spricht, ist der Lokalmatador an der Reihe. Parteivize Manfred Weber wohnt nur wenige Kilometer entfernt in Wildenberg. Vor Wochen musste er seinen Traum begraben, Präsident der EU-Kommission zu werden. Eine Niederlage sei erst dann eine Niederlage, wenn man nach einem Genickschlag nicht mehr aufstehe, ruft Weber trotzig. "Ich sage Ihnen: Ich, Manfred Weber, stehe wieder auf." Um das nächste Mal am Gillamoos reden zu dürfen, werde er wohl als Kanzler kandidieren müssen. Da jubelt die Heimatbasis. Weber tritt erstmals mit Vollbart auf, ein äußeres Zeichen für den Neubeginn. Politiker bräuchten ein dickes Fell, sagt Söder: "Du hast ja im Gesicht schon zugelegt."

Die AfD muss ihren Frühschoppen in einem Ausweichquartier auf einer Wiese abhalten, bei der Reservierung des Schlossgartens war die Linke in diesem Jahr schneller. Gut 350 Besucher sind da, Bier aus Plastikbechern, Sitzplätze werden rar. Das liegt auch daran, dass die meisten Leute eine stolzgeschwellte Brust haben: nach dem "Erdbeben", wie Fraktionschefin Katrin Ebner-Steiner mit Blick auf die Wahlen in Brandenburg und Sachsen sagt, die AfD sei "die neue Volkspartei". Markus Söder dagegen sei "benebelt von der "grünen Schülersprecherin Katha Schulze", und "die Benebelung geht so weit, dass er in uns eine neue NPD wittert". Dabei sei es Söder, der sich von den Idealen "meines Vorbilds" Franz Josef Strauß entfernt habe - und sich ihm allenfalls "optisch annähert".

Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger träumt derweil von der Alleinherrschaft. Die Zusammenarbeit mit der CSU sei zwar gut, aber: "Vielleicht schaffen wir es aber künftig irgendwann ohne Koalitionspartner. Aber jetzt in der Übergangszeit brauchen wir halt die CSU." Von den Oppositionsparteien hat es Aiwanger vor allem auf die Grünen abgesehen: "Wir müssen die grüne Ideologie stoppen, bevor die noch mehr Unheil anrichten", sagt der Wirtschaftsminister. Politiker der Grünen nennt Aiwanger "Großstadt-Ökologen" und Mitglieder einer "Kifferpartei". In den Bundesländern, in denen die Grünen mitregieren, sei die Partei eine Enttäuschung und setze ihre eigenen Forderungen nicht um. Der SPD rund um Juso-Chef Kevin Kühnert wirft Aiwanger vor, "Enteignungen von Firmen" zu fordern. Rot-grüne Politiker seien "Deutschland-Vernichter". Aiwangers Analyse der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg: AfD-Wähler hätten eine "Afghanistan-Koalition" aus CDU, SPD und Grüne "herbeigewählt".

Im SPD-Zelt hat Kevin Kühnert den Bogen aus Sachsen nach Bayern geschlagen. Die Menschen, sagt er, seien "abgehängt worden, das soll es auch in Niederbayern geben." Schuld sei eine "neoliberale Politik", die nur tue, "was sich rechnet", statt die Bedürfnisse der Menschen in den Blick zu nehmen. Fehlende Ärzte, ÖPNV-Mängel, teure Mieten - "das alles könnte anders sein", sagt Kühnert, wenn die "Verbetriebswirtschaftlichung unseres Zusammenlebens" aufhöre. Es dürfe nicht sein, dass eine reiche Minderheit "den großen Reibach auf Kosten der Mehrheit" mache, sagt der Juso-Chef - und fordert einmal mehr eine Vermögenssteuer. "Lassen wir uns nicht einreden, dass die Geschichte dieser Partei am Ende ist, sondern schöpfen wir Kraft aus dem Widerstand, der uns entgegengebracht wird", ruft Mutmacher Kühnert. Dann stehen die Leute auf, klatschen und schwenken SPD-Fähnchen.

Vor einem Jahr hat Markus Söder sich hier neu erfunden. Es war am Gillamoos, als er kurz vor der Landtagswahl einen Relaunch hinlegte und die AfD frontal attackierte. Er habe seitdem keinen Grund gehabt, an diesem Kurs zu zweifeln, ruft Söder. Die Erfolge der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg schreibt er auch dem Versagen der Bundesregierung zu, insbesondere der SPD: Die Berliner Politik dürfe nicht ständig um sich selbst kreisen, sie müsse sich "endlich den Fragen der Zukunft zuwenden". Auf scharfe Angriffe verzichtet Söder diesmal. Seine Rolle ist die des Staatsmannes, der alte Entscheidungen verteidigt und neue einleitet. Um Bayerns Platz an der Weltspitze zu erhalten, brauche es Geld für Innovationen - das ist eine verklausulierte Abkehr von der Schuldentilgung bis 2030. Fast beiläufig kündigt er an, dass die Staatsregierung die Empfehlungen einer Expertenkommission zum umstrittenen Polizeiaufgabengesetz "eins zu eins" umsetzen werde. Die Bauern umgarnt er mit den Worten, "unsere Landwirtschaft erfährt viel zu wenig Respekt".

Die AfD kommt zum Flüchtlingsthema. Der niederbayerische AfD-Bezirkschef Stephan Protschka fordert eine "Remigration", "mit uns wird es auch keinen Islam mehr geben". Landesvorsitzender Martin Sichert rechnet die "alte Oma im bayerischen Wald", die kein Geld zum Heizen habe, mit den Asylbewerbern auf, für die man "unser Steuergeld mit beiden Händen zum Fenster" rauswerfe. Sicherts Rede ist schärfer als gewohnt. Und massiv islamkritisch: Er will in gut zwei Wochen wieder als Landeschef gewählt werden. Hauptredner ist der Bundestagsabgeordnete Gottfried Curio, der wegen seiner kantigen Reden zur Migration in den AfD-Filterblasen im Netz mitunter als Kanzlerkandidat ausgerufen wird. Katastrophale Zustände beim "Migrationsunheil" und der "Anti-Abschiebe-Industrie" blühten in Deutschland. Angela Merkel "im Walfischspeck des Desinteresses" lasse das geschehen, ebenso AKK, was bedeute: "Alle Kanonen kaputt." Die "Kanzlerin und ihr Klon gehören abgewählt." Großer Jubel. Wobei einer im Trachtenjanker in seiner Tischgruppe raunt: "So an Saupreißn mog i eigentlich a ned."

Die Linke feiert ihren Coup, der AfD den Schlossgarten weggeschnappt zu haben. Es ihr erstes Mal am Gillamoos, gleich mit einem prominenten Redner: Bodo Ramelow, Thüringens Ministerpräsident. Es schmerze ihn, wie seine Partei in Sachsen und Brandenburg abgeschnitten hat. Mehr als das Ergebnis beunruhige ihn aber, dass Deutschland wieder in Ost- und West eingeteilt würde, statt in diejenigen, die Nationalsozialismus verherrlichen und "originale Faschisten in ihren Reihen haben" und in Demokraten, sagt Ramelow. Er will am 27. Oktober wiedergewählt werden, aktuellen Umfragen zufolge liegt die Linke mit 26 Prozent vor CDU und AfD.

© SZ vom 03.09.2019

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