Süddeutsche Zeitung

Familiengeschichte:Daheim ist, wo der Wohnwagen steht

Das Familienleben der Richters findet seit Generationen unterwegs statt. Die Schausteller reisen mit ihrem Kasperltheater von Rummelplatz zu Volksfest - mit Zierdeckchen und Terrier.

Von Hannah Friedrich, Abensberg

Um halb vier am Nachmittag sind auf dem kleinen Volksfest im niederbayerischen Abensberg die meisten Stände geschlossen, die Rollläden noch unten. Richtig geschäftig ist es bloß am Crêpe-Stand von Isabell Richter. Auf Krücken gestützt scheucht sie ihre beiden Mitarbeiterinnen herum und gibt Anweisungen. Aufräumen, bitte, ein Stuhl für die Chefin, Wasser für den Besuch. Richter hat ein Gipsbein, jeder muss anpacken.

Seit 2002 gehört Richter, 54, der Crêpe-Stand, sie ist aber schon ihr ganzes Leben mit Buden von Volksfest zu Volksfest gereist. Ihre Eltern Ingeborg und Alfons entstammen beide alten Schaustellerfamilien. Bis 1713 können die Richters in ihrer Familiengeschichte die Schaustellerei zurückverfolgen: Damals begann alles mit einem Puppentheater.

Eine Gasse weiter stehen ein Schießstand und ein altes Kasperltheater, beide im Familienbesitz. Isabell Richter schlüpft zwischen den beiden Ständen durch und steht vor den Wohnwagen ihrer Eltern und ihres Bruders, der auch Alfons heißt. Ein schwarz-weiß gescheckter Terrier saust ihr zur Begrüßung entgegen und springt bellend auf und ab, bis Alfons Richter junior, 52, ihn zu einer kleinen Runde Gassi mitnimmt.

Die anderen bleiben auf der Terrasse der Eltern sitzen, an drei Seiten von Wohnwägen umringt, auf dem Boden grüner Kunststoffbelag. Eine gestreifte Markise spendet an diesem heißen Sommertag Schatten. Bepflanzte Kästen hängen am Geländer, ein Strauß frischer Blumen steht auf einem Café-Tischchen mit Zierdecke.

Ingeborg Richter, 85, wurde wie ihr Mann, 82, in das Schaustellerleben hineingeboren. "Von Geburt an" ist sie mit ihrer Familie von Ort zu Ort gereist, sagt sie. Erinnern kann sich noch gut an Zeiten, in denen das Wanderleben weniger bequem war: "Es gab kein Telefon, kein Wasser." Sie lässt ihren Blick über ihre Terrasse schweifen. Heute sei das natürlich anders: "Wir haben alles dabei, was wir brauchen."

Wachhund inklusive. Alfons Richter junior kommt vom Spaziergang mit Etzel zurück - der kleine Hund ist benannt nach dem König aus dem Nibelungenlied. Der Terrier ist ruhiger, lässt sich brav an die lange Leine legen und legt sich hechelnd in den Schatten. Vorstadtidylle auf dem Rummelplatz.

Auch Isabell Richter und ihr Bruder Alfons kennen es nicht anders. Beide wurden im Wohnwagen geboren, erzählt Ingeborg Richter. Zur Schule gingen sie als sogenannte Wanderschüler immer dort, wo die Familie gerade Station machte. Was schwierig klingt, sei für sie überhaupt kein Problem gewesen, versichern Isabell Richter und ihr Bruder. Vor allem habe es Spaß gemacht, sagt Richter junior. Die anderen Kinder hätten es damals besonders toll gefunden, hinter die Kulissen auf den Volksfesten schauen zu können. "Ich habe überall gute Freunde", sagt die Schwester. Freunde, die sie noch heute treffe, wenn sie in deren Heimatstädte kommt.

Obwohl sich die Eltern mittlerweile zu Ruhe gesetzt haben, zieht die Familie nach wie vor zusammen von Volksfest zu Volksfest. Im Sommer zumindest. Im Winter leben die Richters in Oberpiebing bei Straubing, alle zusammen in einem Haus. Dann sind die Stände untergestellt. Isabell und Alfons Richter junior treten mit den Handpuppen aus dem Kasperltheater in Schulen und Kindergärten auf. Nach einer langen Saison freue sie sich schon auf das Haus in Oberpiebing, sagt Isabell Richter. Aber: "Im Frühjahr sind wir froh, wenn es wieder auf die Reise geht."

Daheim sei eben nicht nur Oberpiebing, da sind sich alle einig: "Ich bin eigentlich überall zu Hause, wo der Wohnwagen hält", sagt Alfons Richter junior, und seine Mutter ergänzt: "Aber in Abensberg sind wir schon besonders gern." Auf dem Gillamoos macht die Familie Richter gerade Station - wie jedes Jahr: "Ich bin jetzt 52 Jahre alt und war schon als Baby dabei", sagt Alfons Richter junior. Genauso alt wie er ist das Kasperltheater. Das hatte sein Vater damals eigens anfertigen lassen, ganz nach seiner eigenen Vorstellung. Manche Teile sehen noch so aus wie damals: Zwischen blassgrün gestrichenen Wellblechwänden und grauem Segeltuch als Decke herrscht Halbdunkel. Auf den roten Bänken können 60 Kinder sitzen. Hinter der Bühne liegen die Puppen mit handgeschnitzten Köpfen ordentlich nebeneinander. Der Räuber hat einzelne Bartstoppeln aus Leder. Die Kulissen auf der Bühne hat Ingeborg Richters Bruder bemalt: ein Wald in satten Grün- und Brauntönen, durchsetzt mit hellen Birken. "Ein Schausteller muss halt alles können", sagt Isabell Richter stolz.

Obwohl das Kasperltheater altmodisch ist, komme es gut an, sagt sie: "Die, die als Kinder drin waren, haben jetzt selber welche und nehmen die mit." Ihr Kasperltheater würden sie niemals aufgeben, betont Isabell Richter: "Des is a Herzblut und des verkauft man net." Reich wollen die Richters nicht werden, sagen die Geschwister. "Da gehört viel Idealismus dazu", sagt Richter junior. "Wegen des Geldes darf man es nicht machen." Und wie geht es weiter mit der Familientradition, mit Crêperie und Kasperltheater? Kinder haben die Geschwister keine. "Das Leben kommt, wie es kommt", sagt Isabell Richter.

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SZ vom 03.09.2019
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