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80 Jahre Straubinger Zoo:Geht ein Schimpanse ins Café

Der Tiergarten Straubing wird 80 Jahre alt: Zoodirektor Hans Schäfer und der Schimpanse Jimmy

In den 1950ern ging Zoodirektor Hans Schäfer mit Schimpanse Jimmy zum Kaffeetrinken.

(Foto: Stadtarchiv Straubing)

Anekdoten wie diese zeichnen den Zoo im niederbayerischen Straubing aus. Nun feiert er 80. Geburtstag. Dass die kleine Stadt einen eigenen Tierpark hat, hat auch viel mit dem Engagement der Bürger zu tun.

Das Ungeheuer schwimmt direkt auf Wolfgang Peter zu. Es öffnet sein furchtbares Maul, dann dreht es ab, kurz vor der Scheibe. Peter, 61, schaut dem Waller nach. Er ist ganz nah ans Aquarium gerückt. "Das ist doch der Hammer, dieses Urviech", sagt er. Der Waller ist der größte Süßwasserfisch Europas. Bis zu drei Meter lang, bis zu 150 Kilo schwer. Er haust auch in Badeseen, das ist nicht jedem bewusst, vielleicht besser so. "Jeder weiß, wie ein Löwe ausschaut", sagt Peter, "aber die wenigsten wissen, was der Waller für eine imposante Erscheinung ist."

Auch Wolfgang Peter kennt das Gefühl, trotz stattlicher Größe übersehen zu werden. Er ist Direktor des Straubinger Tiergartens; das Gelände ist so groß wie 25 Fußballfelder. Den Münchner Tierpark kennt jeder, den in Nürnberg die Mehrheit. Aber Straubing? Was im Umkreis von 100 Kilometern alle wissen, ist in Rest-Bayern nicht überall bekannt: Die 48 000 Einwohner kleine Stadt hat, Überraschung: einen Tierpark. Seit 80 Jahren. Einen echten Tierpark, mit Schimpansen, Löwen, Tigern, Zebras. Auch wenn "man uns manchmal gar nicht so wahrnimmt", sagt Peter.

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Als die Lokalzeitung 1937 erstmals über die Zoo-Pläne berichtete, hielten das auch die Straubinger für einen Witz. "Straubing und ein Tierpark! Eine hellichte Narretei!", befand Stadthistoriker Hanns Rohrmayr. Beim Faschingsumzug 1937 gab es Menschen, die sich in Affenkostümen über die Pläne lustig machten. Selbst 1968 noch schrieb der oberbayerische Schriftsteller Josef Martin Bauer über den Tiergarten, dass "man meinen möchte, er sprenge die Möglichkeiten einer Stadt in der Provinz". Doch während einige Oberbayern, Schwaben oder Franken heute noch staunen, wenn sie hören, dass es in Straubing einen Tierpark gibt, gehört er für Niederbayern und Oberpfälzer längst zu den beliebtesten Ausflugszielen.

Mehr als 300 000 Besucher kommen jedes Jahr. 200 Arten leben hier, 1700 Tiere insgesamt. "Wir sind kein kleiner Zoo", sagt Tiergartenchef Peter. Mit den runden Brillengläsern sieht er aus wie Udo Walz, der Berliner Promifriseur. Nur das weiße Haupthaar, Bart und Augenbrauen sind buschiger, auch aus seinem Hemd quellen die Brusthaare. Ein Biologe eben, ein Naturmensch. Einer, der gut damit lebt, wenn ein Münchner irrtümlich meint, dass sein Tiergarten nur ein Streichelzoo sei. Er weiß ja, dass sie in Regensburg oder Ingolstadt neidisch sind. Dort gibt es keine Löwen und Tiger, obwohl diese Städte um einiges größer sind als Straubing. "Wir haben ein Alleinstellungsmerkmal, das andere nicht haben", sagt Peter.

Der Tiergarten in Straubing in Niederbayern feiert 80. Geburtstag

In den 1950ern löst ein Kamel Begeisterung und Interesse bei einer Schulklasse aus.

(Foto: Stadtarchiv Straubing)

Aber wie kam es dazu, dass eine relativ kleine Stadt eine relativ große Attraktion bekam? Alles begann mit einem Mann, der "für Tiere ein Herz hatte, aber für Menschen nicht", sagt Peter. Der Mann hieß Josef Reiter, er war in der Nazizeit Oberbürgermeister in Straubing und baute das "Mooshäusl" im Stadtpark zum Tierpark um. Dort gab es Schwäne, Enten, Ponys. Das "Mooshäusl" war bereits ein Ausflugsort für die Straubinger, als OB Reiter dort um 1938 drei kleine Affen ansiedelte.

Zu Weihnachten 1940 kamen drei Löwen dazu, ein Geschenk des Hamburger Tierparks Hagenbeck. Dass der Straubinger Zoo gegründet wurde, hat also mit einem fanatischen Tierliebhaber und ebenso fanatischen Nazi zu tun. Dass der Tiergarten die Nazizeit überdauerte, ist dem Sachsen Johannes Lange zu verdanken. Sein Künstlername: Rocasimi.

Der Tiergarten in Straubing in Niederbayern feiert 80. Geburtstag

Über die Jahre wurde der Tiergarten immer weiter ausgebaut. In der Afrika-Anlage leben Zebras, Watussirinder und Strauße nebeneinander.

(Foto: Tiergarten/OH)

Eigentlich war es nur eine Etappe auf seiner Tournee, als es ihn im Juli 1941 nach Straubing verschlug. Mit dem Zirkus Europa und seinen Löwen Romeo, Caesar, Simba und Michel trat der Dompteur mal hier, mal dort auf. In Straubing aber kam es nicht dazu, weil "ein Löwe eingegangen und ein zweiter erblindet ist", schrieb damals das Straubinger Tagblatt. Zwar organisierte Lange Ersatz, doch wusste er, dass es dauern würde, bis er die Dressur-Show mit neuen Löwen eingeübt haben würde.

Also holte er sich bei OB Reiter die Erlaubnis, für das Löwentraining vorübergehend in Straubing zu bleiben - und verpflichtete sich im Gegenzug, den Tierpark auszubauen. Bereits im September 1941 trafen "große und kleine Kisten und Körbe mit schnatterndem, brüllendem und heulendem Inhalt" am Straubinger Bahnhof ein, steht in alten Texten. "Wie ein Lauffeuer ging es durch unsere Stadt: junge Löwen, Wölfe, Damhirsche, Zebus, Ziergänse und -enten, Kormorane und farbenprächtige Gold- und Diamantfasane werden unseren Straubinger Tiergarten bereichern."