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70 Jahre SZ:Gewählt für alle Ewigkeit

CSU-Parteitag

Ein Mann befestigt ein CSU-Logo.

(Foto: dpa)

CSU, CSU, CSU - wie man sich als bayerischer Journalist ein Leben lang an einer einzigen Partei abarbeitet. Und weshalb sich daran wohl auch für nachfolgende Journalisten so bald nichts ändern wird.

Vielleicht sollte man die Geschichte über die CSU erst einmal mit der SPD beginnen. Deren Abgeordneten V. bekam die Lektüre des SZ-Bayernteils beim Frühstücken mitunter schlecht. Im Maximilianeum steuerte er dann auf den Landtagskorrespondenten zu und baute sich vor ihm auf: "Sie mögen uns nicht!", schleuderte er dem Journalisten ins Gesicht. "Ihre Fragestellung beim Interview mit dem Fraktionschef ist so was von aggressiv. Da ist keinerlei Sympathie erkennbar!" Der Journalist antwortete sinngemäß, dass ihm - rein beruflich betrachtet - das Schicksal der bayerischen SPD völlig wurscht sei und Sympathie keine journalistische Kategorie. Der Abgeordnete V. zeigte sich entsetzt und sagte: "Und wir haben gedacht, dass die SZ uns hilft." Das war 2003, im 46. Regierungsjahr der CSU.

Zwei Generationen von Journalisten haben sich bereits an der CSU abgearbeitet

Im Frühchristentum gab es die Vorstellung der Naherwartung; dass also bald der Heiland wieder erscheinen und dem schrecklichen Treiben auf Erden ein Ende bereiten möge. Auch die damals noch jungen Grünen lebten Anfang der Achtzigerjahre im Zustand der Naherwartung: Wahrlich, das Ende des schwarzen Filzes ist nah! Die bayerische SPD hatte zu dem Zeitpunkt bereits von der Naherwartung auf eine eher mittelfristige Perspektive umgeschaltet. Nach der Jahrtausendwende erodierten Nah- und Mittel- und Fernerwartung langsam zu einer allgemeinen Erwartungslosigkeit. Im Jahr 2015 regiert die CSU immer noch. Ununterbrochen seit dem 16. Oktober 1957.

Rückschläge

Der Scheiterhaufen der CSU

Manchmal fragen Kollegen aus Norddeutschland, vorzugsweise aus der Hauptstadt Berlin, wie das denn sei, wenn man dauernd über diese provinzielle, populistische, dialektverseuchte Partei schreiben müsse. Sie grinsen dabei mit einer Mischung aus Häme und Mitleid: Ihr seid doch alle rückständige CSU-Kasperl da unten in München! Man hört sich dann selbst plötzlich sagen: Angenommen, dass die Provinz in Wirklichkeit ein innerer Zustand ist, dann ist es doch möglich, dass die provinziellsten Deppen in den größten Städten sitzen. Das klingt dann schon fast wie eine Verteidigungsrede auf bayerische Verhältnisse. Andererseits stimmt es ja auch: Zwei Generationen von Journalisten haben sich bereits an der CSU abgearbeitet. Und sie liegt immer noch wie ein riesiger schwarzer Betonblock in der Landschaft. Meteoritenhaft. Ewiglich.

Zwei Weißbier und ein Schweizer Wurstsalat gratis, das ließ sich cool an

Einer seiner ersten Termine führte den jungen Journalisten im September 1986 - was sonst - auf eine CSU-Versammlung im Landkreis Erding. Weltanschaulich konnte er sich damals nicht recht zwischen seinem Sechszylinder-BMW und der Naherwartungspartei entscheiden, weshalb er sich und sein Fahrzeug mit einem "Tempo 100 dem Wald zuliebe"-Aufkleber folterte. Die Strauß-CSU repräsentierte für ihn aber innerpsychisch eine autoritäre Vaterfigur, die es schon deshalb zu bekämpfen galt. Der Ortsvorsitzende begrüßte ihn geradezu devot als "Herrn von der Presse", der selbstverständlich zu Speis und Trank eingeladen sei. Das ließ sich schon mal ziemlich cool an mit dem Journalismus und der CSU. Zwei Weißbier und ein Schweizer Wurstsalat gratis!

Zwei Tage später rief der CSU-Mensch in der Redaktion an und beschwerte sich: "Da frisst und sauft er sich auf unsere Kosten durch und schreibt so einen Mist!" Es hätte CSU Oberding heißen müssen und nicht CSU Niederding. Und drei von fünf Namen waren falsch geschrieben. Immerhin, ein publizistischer Anfang war gemacht, auch im Verhältnis zur CSU.

Betriebsunfälle der Münchner CSU

Lust zur Selbstzerfleischung

Die nächsten 13 Jahre führten den Journalisten durch Dutzende Stadt- und Gemeinderäte im Umland von München. Es war stets das gleiche Bild: Wenn alle Bauanträge duschgenuschelt waren, wenn es zur Abstimmung kam, gewannen immer die Schwarzen. Überall. Ausnahmslos. Dabei war die Kommunalpolitik der CSU so völlig frei von jeglicher neuen Idee, doch gerade darin bestand ja ihr Konzept. Bewahren, erhalten, betonieren. Solaranlagen fürs Neubaugebiet? Wenn SPDler oder Grüne so etwas Ende der Achtzigerjahre vorschlugen, dann bekamen sie in der Regel ein paar höhnische Bemerkungen nachgeworfen. Nächster Punkt auf der Tagesordnung: Zuschuss für den Sportverein.

Im journalistischen Alltag führte dies dazu, dass all die chronischen Verlierer der bayerischen Politik Obdach und menschliche Wärme bei der SZ suchten. Die Zeitung war zum Sprachrohr der Opposition geworden. Die CSU unterschied nicht mehr zwischen Presse und den paar Hanseln, die im Sitzungssaal auf der anderen Seite des Tisches saßen. "Ich bin im Bayerischen Wald aufgewachsen", brüllte ein Gemeinderat den Berichterstatter der SZ an. "Wir haben nicht einmal Strom gehabt. Und ihr wollt uns des alles wieder nehmen!"

In den Achtzigerjahren galten SZ-Journalisten als Kommunisten

Auch in der CSU-lastigen Verwandtschaft herrschte eine gewisse Skepsis gegenüber dem Handwerk des Journalisten, was sich in Kommentaren entlud: "Ha Schreiberling, lügst no jeden Tag dein Blattl voll?" Oder: "Ihr bei der Süddeutschen, ihr seid doch lauter Kommunisten." Ja, die SZ war tatsächlich ziemlich links in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Das hatte sich die CSU auch redlich verdient.

Kürzlich war Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer zu einem sogenannten Hintergrundgespräch in der SZ-Redaktion. In Hintergrundgesprächen reden Politiker manchmal wie normale Menschen, was man dann aber nicht schreiben darf. Wenn man es doch schreibt, dann nur so, dass keiner merkt, von wem die Information stammt. Seehofer hat in dem Gespräch ein paar Äußerungen über sich und die CSU gemacht, die von der Intonierung stark an ein Wochenende vor zwölf Jahren mit dem Meyer Franz im Landkreis Passau erinnerten.

Die CSU ist keine Partei, sondern eine Löschgemeinschaft

Der Franze aus Hirnschnell hatte bei seiner Nominierung als CSU-Landtagskandidat damals 100 Prozent erhalten, was selbst für CSU-Verhältnisse ein recht ordentliches Ergebnis darstellte. Am Wochenende zog er mit dem SZ-Reporter von Feuerwehrfest zu Feuerwehrfest. Und in seinem Wahlkreis gab es immerhin 161 Feuerwehren. Die CSU, das wurde dort einmal mehr klar und gilt bis heute, ist keine Partei, sondern eine Löschgemeinschaft. Franze ließ sich als Superstar feiern, in München hingegen hieß es in der CSU-Spitze: ein netter Kerl, aber fürs Kabinett ein bisserl zu schlicht gestrickt.

Franz Josef Strauß Ein Leben mit Strauß Video
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Karikaturist Hanitzsch

Ein Leben mit Strauß

"Einen Politiker als Nilpferd zu zeichnen ist nicht so selbstverständlich - aber bei Strauß war das einfach möglich": SZ-Karikaturist Dieter Hanitzsch über die Figur seines Lebens.

Als der Artikel auf der Seite Drei erschienen war, stornierte der CSU-Landrat von Passau Anzeigen in der SZ mit der Begründung, man habe den Meyer Franze und damit die gesamte Region in den Dreck gezogen. Der CSU-Bürgermeister der Stadt X. sagte dem SZ-Journalisten, er sei im Grunde ein "Dreckhammel". Ein späterer CSU-Fraktionschef hingegen, der gerne ungefragt duzte, war neidisch: "Mogsch ned au mal über mi in Schwaben so was schreiben? Des wär doch a Sach."