20. Februar 2014, 09:38 Klimawandel Sechs Stufen bis zum Desaster

Mit "Tracy" hat alles angefangen: Die Münchener Rück dokumentiert alle Naturkatastrophen der Welt. Inzwischen verwaltet das Unternehmen einen wahren Schatz für Wissenschaftler, Journalisten oder Politiker. Denn die Sammlung zeigt auch die Folgen des Klimawandels.

Von Kassian Stroh

Die globale Lage an diesem Donnerstag? Ruhig, sagt Thomas Stöhr. "Heute haben wir relativ wenig." Er blickt auf einen kleinen Stapel Blätter vor sich: Ein paar Tornados in den USA - kaum Schaden. Dort auch ein paar Waldbrände, kleinere aber nur. In Marokko sind drei Menschen bei Überflutungen gestorben. Und, nun ja, Überschwemmungen in Nigeria zum Ende der Regenzeit, 148 Tote. Dieser Tag, der 4. Oktober, passt ins Bild: "2012 ist Gott sei Dank im Vergleich zu den Vorjahren entspannt, keine Großkatastrophen", sagt Petra Löw, Stöhrs Chefin. Und wenige dürften dies besser beurteilen können als sie. Löw ist die stellvertretende Leiterin des "NatCatServices" der Münchener Rück. Das ist nicht weniger als die weltgrößte Datenbank für Naturkatastrophen.

Und dass an diesem Tag keine unbemerkt bleibt, ist Stöhrs Aufgabe. Er studiert Wassermanagement, für sechs Monate ist er Praktikant bei dem Konzern, der sich seit 2009 offiziell Munich Re nennt. Stöhr sichtet am Morgen Nachrichtenagenturen und Informationsdienste, alle möglichen Medien, das Internet. Alles, was er als ein Ereignis definiert, bekommt einen Eintrag in der Datenbank. Und über Wochen, Monate, manchmal Jahre hinweg wird dann in Handarbeit zusammengetragen und ergänzt, was es an Informationen zu diesem Ereignis gibt, vor allem zum Schaden. Das ist ja letztlich das, was Versicherungsunternehmen am meisten interessiert.

In die höchste Stufe, "GREAT disaster" genannt, schaffen es Wirbelstürme wie Katrina.

(Foto: REUTERS)

Die Daten stammen nicht nur von den 60 Außenstellen der Münchener Rück, sondern auch von anderen Versicherern, aus der Presse, von Institutionen der jeweiligen Länder oder Entwicklungsbanken. Alle Naturkatastrophen zu erheben und zu jeder so viel wie möglich an Information zu sammeln, das sei ihr Auftrag, sagt Löw.

Ein Schatz aus 30.000 Datensätzen

So ist auf den Servern in Schwabing ein Schatz herangewachsen, der längst nicht mehr nur Versicherer interessiert, sondern auch Wissenschaftler, Journalisten oder Politiker. Eben erst sei sie wieder in Brüssel gewesen, sagt Löw, bei einer Expertenrunde der EU.

Petra Löw untersucht und speichert mit Kollegen bei der Münchener Rück Naturkatastrophen in der ganzen Welt. Das Unternehmen hat die weltweit größte Datenbank.

(Foto: Jakob Berr)

Der Meteorologe Gerhard Berz, der bei der Münchener Rück die Abteilung Georisikoforschung und von 1974 an die Datenbank aufbaute, warnte schon früh vor den gefährlichen Folgen des Klimawandels; sein Nachfolger Peter Höppe tut das heute nicht minder. Denn aus den mittlerweile 30.000 Datensätzen des NatCatServices liest Löws Vorgesetzter eindeutig heraus, dass Zahl und Intensität der wetterbedingten Katastrophen in den vergangenen 30 Jahren stark angestiegen sind. Die Atmosphäre und die Meeresoberfläche heizen sich auf, so nehmen Wetterextreme wie Stürme oder Starkregen zu.

"Wir waren mit die ersten, die das Thema Klimawandel diskutiert und gesellschaftsfähig gemacht haben", sagt Löw. Freilich stellen dies Klimawandel-Skeptiker immer wieder in Frage und argumentieren: Die Zunahme der Schäden liege zum Beispiel an der höheren Bevölkerungsdichte und wachsendem Wohlstand. Das stimme, sagt Löw, ändere aber nichts an der Tatsache, dass es mehr Katastrophen gebe.

Das liege daran, so argumentieren die Kritiker, dass die Ereignisse heute viel eher bekannt und damit feiner erfasst würden. Von Dürren vielleicht abgesehen, könne sie das "komplett ausschließen", meint Löw. Heute gebe es zwar mehr Informationen zu allen Katastrophen, doch die Kriterien, nach denen sie erfasst würden, seien seit vier Jahrzehnten dieselben.

So füttern Löw und ihre Leute Tag für Tag den Computer mit den Schrecknissen der Welt. Und tun dies von recht sicherer Warte, von München aus. Wie es aus Sicht der Datenbank ist, hier zu leben? "Gut", sagt Löw und lacht, "sehr gut." Freilich, ein paar Unwetter oder Hagel, auch Überschwemmungen habe es immer wieder gegeben - "normale Dinge" nennt die Geografin das.

Auf einem Bildschirm einer Münchener-Rück-Mitarbeiterin zeigt eine Kurve die Entwicklung der weltweiten Naturkatastrophen an.

(Foto: Jakob Berr)

Also noch mal ein Blick in den Computer, im Nachbarbüro bei den Praktikanten: Das bislang letzte Ereignis aus dem Großraum, das dort verzeichnet wurde, ist der Dauerregen Ende August, der rund um Ebersberg und Grafing ein paar Keller und eine Tiefgarage geflutet hatte. Eine Katastrophe? "Alles noch im Rahmen des Tagesgeschäfts", hatte der örtliche Kreisbrandrat seinerzeit wissen lassen.

Das aber zeigt, wie detailliert Löws Datenbank ist. Alle Ereignisse werden nicht nur in vier Kategorien nebst diversen Untertypen eingeteilt: in geophysikalische Ereignisse wie Erdbeben, meteorologische wie Stürme, hydrologische wie Überschwemmungen und klimatologische wie Dürren. Sondern auch in sechs Stufen: Die niedrigste setzt an, wenn mindestens ein Toter und/oder ein Gesamtschaden von 10.000 Dollar zu beklagen sind - da reichen ein paar Keller voller Wasser.

In die höchste Stufe, "GREAT disaster" genannt, schaffen es Wirbelstürme wie Katrina, der Tsunami 2004 in Asien oder das Seebeben vor Japan 2011. 800 bis 1000 Ereignisse kommen jedes Jahr neu dazu, vor allem in den Sommermonaten. Die seien "etwas dynamischer", sagt Löw. Und während der jährlichen Hurrikan-Saison in Amerika und der Winterstürme in den USA und Europa "halten wir immer den Atem an".

Tracy hat die Sammelwut ausgelöst

Ein Zyklon mit Namen Tracy war es auch, der 1974 die Münchener Rück ein Archiv für Naturgefahren anlegen ließ. Die Verwüstungen in Australien kamen sie teuer, denn Geschäftsprinzip eines Rückversicherers ist es, Versicherungen zu versichern, ihnen also Risiken abzunehmen, die für sie allein zu groß sind. Für die Kalkulation dieser Verträge, die in der Regel jährlich neu verhandelt werden, braucht es verlässliche Daten über diese Risiken; und die liefert der NatCatService, der auf jenem Papierarchiv basiert, das bis heute irgendwo in einem Keller in dem Gebäudekomplex zwischen Königin- und Leopoldstraße lagert, auch wenn sein Inhalt längst im Computer abrufbar ist.

1984 richtete ein Hagelsturm große Schäden an - aber insgesamt leben die Menschen in München vergleichsweise sicher.

(Foto: dpa)

Der Münchner Hagelsturm vom Juli 1984 zum Beispiel, der im kollektiven Gedächtnis der Stadt durchaus noch präsent ist. Löw greift zielsicher zum roten Schnellhefter "Deutschland" und zeigt den mit Maschine getippten und handschriftlich mehrfach ergänzten Eintrag: 400 Menschen verletzt, 70.000 Gebäude und 240.000 Autos beschädigt, Gesamtschaden: 1,5 Milliarden Mark.

Durchschnaufen nach dem Katastrophenjahr

Klingt nach viel, tatsächlich aber ist 1984 im NatCatService das Jahr mit den geringsten Schäden auf der Welt seit 1980. Und es war eben gar nichts im Vergleich mit dem vergangenen Jahr, das die Münchener Rück zum teuersten Naturkatastrophenjahr der Geschichte ausgerufen hat - unter anderem wegen der Beben von Neuseeland und Japan, der Überschwemmungen in Thailand, der Dürre in Ostafrika und einer bemerkenswerten Tornadoserie in den USA.

Das habe das Interesse an ihrer Arbeit spürbar gesteigert, sagt Löw, im eigenen Haus wie in der Öffentlichkeit. Zwar kümmern sich um den NatCatService nur vier Mitarbeiter plus drei Praktikanten, bei 11.000 Mitarbeitern ein verschwindend kleiner Teil der Münchener Rück. "Aber durch die Brisanz des Themas Naturkatastrophen ein sehr zentraler", sagt Löw. Und wenn sie am Wochenende im Radio von einer größeren Katastrophe hört, weiß sie, dass sie am Montag nicht zu spät im Büro erscheinen sollte - es könnte sein, dass der Vorstand gleich mal eine erste, grobe Einschätzung haben will.

Aber heuer ist das alles noch nicht vorgekommen, es ist ja alles "relativ ruhig". Löw sagt: "Durchzuschnaufen tut uns auch mal ganz gut."

Wo die Luft in Deutschland wie stark verpestet ist, zeigt der SZ-Feinstaub-Atlas.