11. Mai 2014, 11:25 Ausbau der B 15 Zündstoff aus Asphalt

Der geplante Ausbau der Bundesstraße von Regensburg nach Rosenheim spaltet eine ganze Region. Die B 15 soll zu einer autobahnähnlichen Nord-Süd-Achse mit insgesamt vier Fahrspuren werden. Die Argumente der Gegner und Befürworter im Überblick.

Von Heiner Effern und Wolfgang Wittl

Eine heiße Phase des Widerstands beginnt, wieder einmal. Mehr als 150 Mahnfeuer wollen Gegner der sogenannten B 15 neu am Samstagabend um 21 Uhr entlang der alten und neuen Plantrasse entzünden. Die Bundesstraße von Regensburg nach Rosenheim soll zu einer autobahnähnlichen Nord-Süd-Achse mit insgesamt vier Fahrspuren ausgebaut werden. Pläne dafür gibt es seit den Siebzigerjahren, fertig ist bisher nur der Abschnitt von Regensburg bis Ergoldsbach.

Spätestens 2019 soll die B 15 neu in Essenbach bei Landshut an die A 92 angeschlossen werden. Den Rest der Strecke bis Rosenheim hat das Land Bayern beim Bund für den Verkehrswegeplan 2015 vorgeschlagen. Dafür hat sie die Strecke neu geplant und in zwei Teilabschnitten angemeldet: von Landshut bis zur A 94 (47 Kilometer) und von der A 94 bis Rosenheim (57 Kilometer). Die Gesamtkosten dafür werden auf knapp 1,7 Milliarden Euro geschätzt. Ein Projekt, das die Region spaltet.

Der Planer

Wer Autobahnen und Bundesstraßen plant, darf kein allzu sensibler Typ sein. Sobald eine mögliche Trasse das Büro verlässt, hagelt es Kritik von allen Seiten. Gilbert Peiker, 53, bei der Autobahndirektion Südbayern für die B 15 neu verantwortlich, ist daran gewöhnt, in den betroffenen Regionen "nicht gerade mit Begeisterung empfangen zu werden".

Gerade auch bei der B 15 neu, hier ist die Planung besonders heikel: Peiker muss möglichst genaue Daten liefern, damit die Strecke im Verkehrswegeplan so hoch eingestuft werden kann, dass eine Realisierung nicht komplett unwahrscheinlich ist. Für einen Großteil der B 15 neu hat er allerdings nicht das Recht, detailliert zu planen. Sicher ist deshalb nur, dass die Linie aus den Siebzigerjahren nicht mehr möglich ist, weil etwa an den Flüssen Isen und Attel zwischenzeitlich stark geschützte FFH-Gebiete ausgewiesen wurden.

Die Varianten für den Ausbau der B 15.

(Foto: SZ-Grafik)

"Da kommen wir nicht mehr durch", sagt Peiker. Die neue Trasse weicht deshalb bei Dorfen und Wasserburg nach Osten aus. Um solche Hindernisse auszuschließen, haben seine Planer alle Karten der Region zusammengesucht, auf denen zum Beispiel Wohnbebauungen, Wasser- und Naturschutzgebiete oder Bodenschätze eingezeichnet sind. "Dann haben wir sie übereinandergelegt und geprüft, wo es in diesem Korridor mögliche Trassen gibt", sagt Peiker.

Der Umweltschützer

Von wegen Bundesstraße, wenn er das schon höre, sagt Fritz Schott. Im Grunde sei der Trick aber genial gewesen: Als die ursprünglich geplante A 93 von Regensburg nach Rosenheim nicht mehr durchsetzbar zu sein schien, sei sie eben einfach zur B 15 neu umdeklariert worden. "Damit wollte man die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöhen", sagt Schott, außerdem könne man so näher an Wohnsiedlungen bauen.

Für ihn bleibt es dabei: Die B 15 neu sei nichts weiter als eine Autobahn, überflüssig wie sonst was. Schott, 53, kennt die Debatte in allen Facetten - von seinem einstigen Wohnort Vilsbiburg, wo er vor 20 Jahren darauf aufmerksam wurde, bis zu seiner heutigen Heimatstadt Rosenheim. Bei ihm laufen die Fäden des Widerstands zusammen.

Etwa 25 lokale Bürgerinitiativen begehren gegen die Straße auf, versammelt unter dem Dach "Stop-B 15-neu". Seit die neue Trassenführung bekannt ist, werden es immer mehr. "Man hat Wackersdorf stoppen können, der Donauausbau wurde zurückgestellt - warum nicht auch so ein Projekt?"

Die Unternehmerin

Den Anlass weiß Katharina Pöschl nicht mehr, irgendwann hat ihr das Gemotze einfach gereicht. Als im vergangenen Jahr die Initiative "Pro B 15 neu" entstand, war sie eine der ersten, die ihr beitrat, "um der schweigenden Mehrheit ein Gesicht zu geben". Etwa 90 Prozent der Menschen würden den Bau begrüßen, glaubt Pöschl. Gewicht hat ihre Gruppe durchaus: Einflussreiche Politiker aus CSU und SPD gehören ihr an, wie auch 231 regionale Wirtschaftspersönlichkeiten.

Die Firma Pöschl ist der weltweit größte Hersteller von Schnupftabak, die Hälfte der 800 Mitarbeiter ist am Stammsitz in Geisenhausen beschäftigt. Schon 1995, als der Betrieb dorthin umzog, sei man mit dem Versprechen der neuen B 15 gelockt worden, sagt die Geschäftsführerin. Die Strecke sei für die ostbayerische Wirtschaft eine dringend benötigte Lebensader: für den Export, für die Arbeitskräfte.

Nicht zuletzt gebe es diese Gutachten: Jährlich 15 000 Tonnen CO₂ ließen sich dank der Direktverbindung von der Oberpfalz nach Oberbayern einsparen, die Stadt Landshut werde um 10 000 Fahrzeuge am Tag entlastet, sagt die 35-Jährige. "Es geht um die Zukunft."

Die Heimatverteidigerin

Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Sie trete sehr wohl für die Förderung der Wirtschaft ein, sagt Bürgermeisterin Maria Neudecker (Wählergemeinschaft/Grüne). Und Straßen brauche es in einer Industrienation schon auch. Doch davon gebe es in ihrer Gegend bereits genug: die A 92 im Norden, die A 94 im Süden, dazu die Bundesstraßen 15, 299 und 388 - "wir sind nicht gerade unerschlossen".

Neudecker, 63, ist seit sechs Jahren Bürgermeisterin von Wurmsham, einer Gemeinde im südlichen Landkreis Landshut: 1350 Einwohner, 91 Ortsteile und "null Verkehrsprobleme", wie sie sagt. Damit wäre es ihrer Meinung nach mit der B 15 neu allerdings schlagartig vorbei. Bis zu 36 000 Fahrzeuge rauschten laut Schätzungen dann täglich an Wurmsham vorüber, "wir wären eine Durchgangsschleuse".

Schluss mit der guten Luft, der Idylle. Die fruchtbaren Äcker im niederbayerischen Hügelland - zerschnitten von einer Teerschneise. Erst aus der Zeitung erfuhr die Bürgermeisterin Anfang März, dass die neue Trasse durch den Osten des Ortsgebietes führen soll. Ganz in der Nähe der Quellen von Rott, Bina und Zellbach also, von denen Wurmsham seinen Namen als "Drei-Quellen-Gemeinde" ableitet.

Jeden Tag kämen seitdem Bürger zu ihr, die sich über die Pläne aufregten. Neudecker ist der Ansicht, ein Ausbau der bestehenden B 15 würde völlig reichen. Eine entsprechende Resolution verabschiedete der Gemeinderat. Als Bürgermeisterin habe sie eine wichtige Aufgabe, sagt Neudecker: "Die Menschen, die Ruhe und die Schönheit unserer Heimat zu verteidigen."

Der Enttäuschte

20 Minuten brauchen Autofahrer in Dorfen, wenn sie zu Stoßzeiten die zwei Kilometer vom Ortseingang bis ins Zentrum fahren wollen. Die jetzt bestehende B 15 führt direkt durch die Stadt. "Eine neue B 15 ist zwingend notwendig", sagt Bürgermeister Heinz Grundner (CSU). Damit er den Verkehr aus seiner Stadt hinaus bekommt. Allerdings ist der 46-Jährige als prinzipieller Befürworter nicht glücklich mit der neuen Planung: Die Trasse führt so weit an seiner Stadt vorbei, dass der Absaugeeffekt für den Verkehr nicht stark genug sein könnte.

Die Staus auf der bestehenden B 15 im Zentrum könnten bleiben. Geld für eine dann benötigte Umgehung ist aber mit dem Neubau der B 15 für die Region kaum mehr in Aussicht. "Die alte Planung ist mir wesentlich lieber gewesen", sagt Bürgermeister Grundner.