20. Januar 2017, 18:59 Politik Die AfD in Bayern - eine Phantompartei

"Rechts von der CSU ist durch ihren Linksruck sehr viel Platz", heißt es bei der bayerischen AfD. Wenn jetzt gewählt würde, zöge sie in den Landtag ein. Doch kaum jemand kennt Personal oder Programm.

Reportage von Johann Osel

Es klingt am Anfang nach einem Seminar für Erstsemester, Einführung in die Volkswirtschaft. Von der Geldmenge und Lohnentwicklung in der Euro-Zone spricht Referent Martin Sichert, verweist auf Diagramme mit vielen Kurven. Bald aber kommt Sichert, Typ Bankangestellter, auf den Kern des Vortrags: die "Bedrohung des Sozialstaats durch die Altparteien" und die "Gefahr Zuwanderung". Damit zieht Sichert durch Bayern, normalerweise wirft er die Thesen an eine Leinwand.

An diesem Abend, in einem Wirtshaus im Landkreis Fürstenfeldbruck, streikt die Technik, der Vortrag wird auf Papier verteilt. Man kann sich entweder einen Sozialstaat leisten oder offene Grenzen, ist zu lesen und zu hören, beides sei unmöglich. Kopfnicken im Saal. 32 643 Euro betrage das Bruttoeinkommen im Schnitt, so viel sei ein Bürger der Gesellschaft wert; für den Attentäter von Würzburg seien 51 050 Euro in einem Jahr ausgegeben worden. Raunen im Saal. "Das ist verrückt", sagt Sichert, seine Stimme wird piepsig: "Da werden wir als AfD massiv ansetzen." Applaus.

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Die bayerische Alternative für Deutschland, Kreisverband Dachau-Fürstenfeldbruck, lädt zum offenen Stammtisch samt Fachvortrag - von Herrn Sichert, AfD-Chef und Bundestagskandidat aus Nürnberg-Nord, Diplom-Kaufmann, Mitte 30. Optisch ähnelt der Abend einer CSU-Ortsversammlung. Weißblaue Rauten fließen auf einem großen Banner über in das AfD-Blau, dazu Slogans wie "Unsere Heimat". In den Bräustüberlsaal trägt ein Kellner in Lederhose Gulasch und Schnitzel im Akkord, dazu Weißbier, Apfelschorle.

Gut 40 Leute sind gekommen, Mitglieder und Dauergäste, wie die Ortsvorsitzende erzählt und Besagte mit Begrüßungsküssen ausstattet, und neue Interessenten. Die meisten Gäste sind männlich und älter als 50, ein paar Frauen nur. Bayernweit intensiviert die AfD die Basisarbeit. Experten schicken sich die Kreisverbände gegenseitig: Der Fürstenfeldbrucker Kandidat geht auch auf Tour, Thema: "Putsch von oben, der Bürger im Würgegriff des Staates."

Wenn bisher CSU-Vertreter wie Finanzminister Markus Söder in Talkshows saßen, was oft vorkam, und da über die AfD diskutiert wurde, was noch öfter vorkam, dann war die Interpretation aus bayerischer Sicht cool: die Rechtspopulisten seien im Freistaat einstellig, das schöne Bayernland mit seiner CSU brauche keine AfD. Der Bayerntrend, die Umfrage des Bayerischen Rundfunks, hat nun jüngst die Partei auf zehn Prozent taxiert, die CSU auf 45 Prozent, die SPD auf nur noch 14. Das Mantra der Einstelligkeit ist perdu. Fast jeder zweite Befragte attestierte der AfD zudem, besser als andere zu verstehen, dass sich viele Menschen nicht sicher fühlten.

81 Prozent

der bayerischen Bürger sehen bei der AfD eine unklare Haltung gegenüber rechtsextremen Positionen. Wie der Bayerntrend zeigt, die Umfrage des Bayerischen Rundfunks, halten 85 Prozent der Befragten die Partei nicht für regierungsfähig. Viele Bürger im Freistaat deuten die AfD-Wahlerfolge in anderen Bundesländern vielmehr als Versuch unzufriedener Bürger, ein Zeichen gegenüber den etablierten Parteien zu setzen (78 Prozent). Gleichwohl begrüßt jeder dritte Bayer, dass die AfD eine stärkere Begrenzung des Flüchtlingszuzugs fordert als andere Parteien. Gut jeder Zweite attestiert der Partei, besser zu verstehen, dass sich viele Menschen nicht sicher fühlten.

Die Zehn-Prozent-Partei AfD ist ein Phantom. Ihr Personal ist so unbekannt wie die Köpfe der Bayernpartei. Wer sind die Leute, die nach Umfragen ins Maximilianeum zögen und mit einem Dutzend bayerischer Leute in den Bundestag? Fast 4000 Mitglieder hat die AfD nach eigenen Angaben, zehn Anträge pro Tag. 50 Prozent der Leute seien nie in einer Partei gewesen, die anderen kämen von der CSU, auch der SPD, am Anfang oft von der FDP. Das hat mit der Gründerzeit durch den Euro-Skeptiker Bernd Lucke zu tun. Nach dem Exodus liberaler Lucke-Leute hat sich die Partei auch im Freistaat auf Asylpolitik ausgerichtet - während "die Lucke-Leute" Anti-Islam-Broschüren am Infostand verschämt nach hinten legten, wie man hört. Landeschef Petr Bystron war früher in der FDP, ein anderer aus dem Landesvorstand in CSU und SPD; Martin Sichert war in der FDP und SPD.

Im Bräustüberl spricht er von der deutschen Mentalität - "Ordnungsliebe". Ein "Wettbewerbsvorteil", der aber "erodiert, weil er mit vielen anderen Kulturen nicht funktioniert". Eine "Gutmenschenpolitik" als Hemmnis für Wirtschaft; zudem Vollkasko-Rundumversorgung für Asylbewerber. Das sei "Rassismus gegen die eigene Bevölkerung". Sichert, an die zwei Meter groß, spricht vom "kleinen Mann", um den sich die AfD kümmert. Als Erfolg verbucht er, dass auf seine Intervention hin ein Nürnberger Theater den pauschalen Gratis-Eintritt für Flüchtlinge gestrichen habe; denn es war rechtlich nicht haltbar, dass bedürftige Einheimische nur manche Aufführungen umsonst sehen durften.

Ein Tisch im Wirtshaus bietet für jede Angst einen Flyer - das Bargeld werde abgeschafft, Kinder in der Schule schwul gemacht. Die Gäste interessiert konkret: Recht und Gesetz, Rente, Wohlstand, auch wenn im Saal nichts nach Hungersnot aussieht, vor allem: Flüchtlinge. Von "Show-Politik" der CSU spricht einer. Ein anderer sagt: Er sei nicht der Typ, der schnell in eine Partei gehe, er sei 40 Jahre verheiratet, mit derselben Frau; genau so lang habe er CSU gewählt. Sein "Erweckungserlebnis": Da war er am Hauptbahnhof und hat Schwarze gesehen, rumlungernd, Bier trinkend, Bürgern den Weg versperrend, Dosen wegwerfend; daneben eine alte Frau, "die auf jede Dose wartet, schwerfällig hingeht, für ein paar Cent. Das ist nicht mehr mein Land". Die AfD, meint er, müsse die Ordnung wiederherstellen - und soziale Gerechtigkeit. Wieso er dann nicht Sozialdemokrat werde? "Gibt's die denn noch?"

"Immer mehr Wähler sehen ihre Interessen bei der SPD nicht mehr vertreten, weil die sich nicht um soziale Gerechtigkeit kümmert. Wenn das so weitergeht, werden wir die SPD bald komplett zerlegen", sagt Landeschef Petr Bystron. Und die CSU? "Anhängsel" der Merkel-CDU. "Rechts von der CSU ist durch ihren Linksruck sehr viel Platz." Der Satz, wonach rechts von der CSU kein Platz sei, stammt von Franz Josef Strauß. Bystron dichtet das genüsslich um. Strauß, hat er mal bei einer Rede gesagt, wäre heute in der AfD.

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Ein Gespräch mit Petr Bystron, zum Frühstück. Bircher Müsli und Saft, er hat ein schickes Café ausgewählt. Der 44-Jährige hat Ökonomie studiert, ein smarter Typ, der viel lächelt; er erwähnt gleich, dass er "anerkannter Asylbewerber" ist. Ende der Achtziger war er mit Familie aus Tschechien geflohen. Im Nachbarland schreibt er heute für Medien, warnt vor einem "neuen deutschen Imperialismus unter dem Deckmantel des Gutmenschentums". Beim Kreml-Sender Russia Today ist Bystron Experte. Da lächelt er weniger.

Die Feststellung, dass seine Partei angesichts des Bundestrends auch mit Blumenkübeln als Kandidaten gute Umfragewerte hätte, findet er amüsant. Aber kein Wunder, sagt er, dass man kaum Köpfe kenne. Wenn es im Fernsehen um die AfD Bayern gehe, kämen erst mal zwei Minuten Björn Höcke und "seine Sprüche in Thüringen". Jener Höcke, der just mit seiner Rede zum Holocaust-Mahnmal Entsetzen auslöste. Wie rechts ist die bayerische AfD? Sie sei "bürgerlich" und man prüfe Aufnahmeanträge intensiv - NPD-Leute unerwünscht, 70 Seiten Ausschlusskatalog. Den rechten Flügel schätzt er auf "zehn bis 15 Prozent".

Robert Philippsberg hat Zweifel daran. Betrachte man die Gesamtentwicklung unter Bystron und etwa Kandidatenaufstellungen, sei "es durchaus möglich, dass diese Zahl höher anzusetzen ist". Er ist Experte für Rechtsextremismus am Centrum für angewandte Politikforschung an der Universität München. Als Kandidaten-Beispiel nennt er übrigens Sichert - der sich selbst auf Nachfrage als liberal bezeichnet. "Der Partei gelingt es, enttäuschte CSU-Wähler zu mobilisieren, da ist ein großes bürgerliches Unterstützerumfeld. Aber sie mobilisiert auch Leute aus dem rechten bis rechtsextremen Spektrum", sagt Philippsberg. "Leute aus der AfD suchen den Schulterschluss mit Rechtsextremen und umgekehrt. Das muss sich nicht in Mitgliedschaften spiegeln. Eine klare Abgrenzung durch den Vorstand gibt es nicht immer."

Im Publikum und teils auf der Bühne der zunehmend radikaleren Pegida-Ableger sieht man Überschneidungen mit der AfD. Gäste rechtsextremer Parteien sieht man bei AfD-Terminen. Die islamfeindliche Partei "Die Freiheit" wurde aufgelöst, ihr Chef Michael Stürzenberger schrieb, dass "alle politischen Aufgaben inklusive der Islamkritik in den Händen der AfD bestens aufgehoben sind". Die AfD Niederbayern wollte mal alle Moscheen schließen. Der Verfassungsschutz beobachtet, wie rechtsextremistische Einzelpersonen "ihre Fühler ausstrecken oder an Einfluss zu gewinnen versuchen".

Bystron sagt, er habe es "satt, dass ständig einzelne Fälle herausgepickt werden, dass einer mal was vor Jahren gesagt hat oder ein Spinner von der AfD mal irgendwo teilnahm. Das erzeugt ein völlig falsches Bild der Gesamtpartei". Ihm selbst hängt die Biergarten-Causa an. Im Juni wurde er in München bei einem Vortrag nicht eingelassen, ebenso stadtbekannte Neonazis. Ein Foto zeigt Bystron, neben ihm B., ein mehrfach vorbestrafter Rechtsextremist. Nach der Abweisung ging Bystron unter anderem mit B. ein Bier trinken. Er sei alleine gekommen, habe B. nicht gekannt, man habe das Schicksal als Abgewiesene geteilt, sagt Bystron. Ein Zufall. Zufälle schreibt das Leben, in der AfD regelmäßig - Missverständnisse zumeist. Im Bayerntrend meinen 81 Prozent der Befragten, die AfD grenze sich nicht genug gegenüber rechtsextremen Positionen ab.

Auf den Klausuren von CSU und SPD diese Woche, Banz und Irsee, war die AfD Thema. SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher will etwas dagegen tun, dass sich immer mehr Menschen abgehängt fühlten. Das nämlich erkläre "das dramatische Erstarken des Populismus im reichen Bayern". CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer betont, die AfD sei "ein politischer Mitbewerber, nicht mehr und nicht weniger". Man werde weiter selbst die Themen setzen. "Es ist ein Denkfehler, wenn man glaubt, die AfD in Bayern ist aus dem Fleisch der CSU." Sie sei eine Protestpartei, der Umgang mit ihr fordere alle etablierten Parteien heraus.

Freilich hoffen viele in der CSU, dass bis 2018, wenn es die absolute Mehrheit zu verteidigen gilt, der AfD-Katalysator Flüchtlingskrise entschärft ist. Parteiveteranen werben intern für Konfrontation mit der AfD, eingedenk der Republikaner. Die kamen 1990 mit 4,9 Prozent nur knapp nicht in den Landtag. AfD und einstige Reps gleichen sich: was der AfD ein "links-grün-versifftes System" ist, waren für Franz Schönhuber linke "Todesschwadronen unserer Gesellschaft".

Auf Aggressivität versteht sich auch Bystron, so gediegen er im Gespräch ist. Statt nur Grenzkontrollen zu fordern, sagte er mal: "Wir werden wie unsere Vorfahren 1683 vor Wien dastehen und Europa verteidige." Statt inhaltlich sein Familienmodell zu bewerben, zeterte er: "Wer hat das Frauenbild definiert in Deutschland? Eine solche hässliche Kröte wie Alice Schwarzer, eine militante Lesbe." Die "Verrohung der Sitten" sei von den anderen ausgegangen, sagt er, Sigmar Gabriel habe "das Volk als Pack bezeichnet". Zudem wolle er "die Leute aufrütteln". Muss man dazu Alice Schwarzer beschimpfen? Die "militante Lesbe" würde er "wieder so sagen". Hässliche Kröte - "hätte nicht sein müssen".

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