Zeitmaschinen (12) Mercedes W123:Man ersuchte den Motor um allmähliche Erhöhung des Tempos

Und es fanden sich in der Palette mehrere Dieselmotoren (200 D, 240 D, 300 D), der 220 D blitzte kurz auf, ganz spät kam der erste Turbodiesel Europas dazu, der 300 TD. Konsequenterweise war der 240 D der meistverkaufte W123, immerhin 454.780 von 2.696.915 Exemplaren, so sehen Erfolgsgeschichten aus.

Genutzt wurden die Diesel-Mercedes besonders gerne als Taxis. Der Dieselpreis lag aber auch für Private niedrig, der Nimbus der Unzerstörbarkeit war beim Selbstzünder nochmals verstärkt und verstrebt und abgesichert gegen alle Eventualitäten.

So wurde dem 200 D 1982 im Rahmen einer Leserbefragung von Auto, Motor und Sport eine durchschnittliche Laufleistung von 852.777 km bis zur ersten Panne bescheinigt, damit ließ sich leben. Und zur Solidität des 240 D stand im Dauertest-Zwischenbericht in Autorevue 1/1982: "Dieses Auto ist auf fast schon arrogante Weise solide, solider als sein Fahrer jedenfalls, und besser verarbeitet."

Fährt man heute im 240 D, dann kann man bestätigen: Die Solidität von Autofahrern wurde während der letzten Jahrzehnte nicht wesentlich verbessert, die von Autos doch noch. Wiewohl kaum ein Fahrer 268.000 km Laufleistung hat, der Fotomodell-Mercedes schon.

Sein Knarzen aber hält sich strikt an der Oberfläche, quasi der Schrei seniler Kunststoffe aus den Tiefen weichmacherloser Molekülketten. Als psychologische Schalldämpfer wirken die vielen liebevoll drapierten Metallbeschläge, die der Mercedes an den Türverkleidungen oder am Armaturenbrett trägt, so wurde damals eine Gegenwelt zur Konkurrenz aus dem Rotstiftmilieu gestaltet.

Überhaupt, das Fahren. Es geschieht in wohlerzogener Würde. Man fährt nicht einfach los, man legt vom Gehsteigrand ab wie mit einer Jacht, teilt den Horizont mit dem Mercedesstern, strebt langsam dem Verkehrsfluss zu, immerhin haben 72 PS hier 1385 kg als Gegner, und 137 Nm lassen ahnen, warum Saugdiesel heute praktisch ausgestorben sind.

Man ersucht den Motor also um allmähliche Erhöhung des Tempos, klinkt sich in Reisegeschwindigkeit ein und weiß, dass er so bis ans Ende der Strecke strömen wird, das in Ankara liegen kann, in Castrop-Rauxel oder Wien-Brigittenau. So fühlt sich absolute Ruhe an, die sich auch von Fahrgeräuschen nicht stören lässt.

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