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Zahl der Autodiebstähle steigt:Klauen leicht gemacht

Ein Interview des polnischen Botschafters hat die alte Debatte wieder entfacht: Ist Polen das Dorado der Automafia? Nein. Mit der steigenden Zahl von Autodiebstählen in Deutschland hat das Nachbarland nichts zu tun. Die Verantwortung liegt bei Fahrzeugherstellern, Versicherungen und Besitzern, die es Dieben zu leicht machen.

Es war nur eine harmlos formulierte Frage in einer seit Ewigkeiten geführten Diskussion, doch sie wirkte wie ein Paukenschlag. Der Anlass: Ein Interview des polnischen Botschafters Marek Prawda mit der Märkischen Oderzeitung. Das Thema: Die seit Wegfall der Grenzkontrollen wieder zunehmende Zahl von Autodiebstählen, in der Region eine Art Dauerbrenner. Prawdas Satz: "Vielleicht ist es ja noch zu einfach, in Deutschland Autos zu stehlen." Und die Reaktionen? Eine Flut von empörten Kommentaren deutscher Edelkarossen-Besitzer.

Marke Volkswagen schreibt 2005 schwarze Zahlen

Langzeitfavorit organisierter Banden ist der zwar als langweilig, dafür aber als grundsolide geltende VW Passat.

(Foto: ddp)

Doch mit seiner Aufforderung an Hersteller, Halter und Behörden in Deutschland, mehr Vorsorge in Sachen Diebstahlsicherheit zu treffen, hat der polnische Botschafter nur ausgesprochen, was auch deutsche Fachleute seit langem sagen: "Die Autoindustrie tut zu wenig im Kampf gegen die Automafia!" Sie verlasse sich vielmehr darauf, dass der Vollkasko-versicherte Besitzer einen neuen Wagen kauft.

Die Kritik richtet sich in erster Linie an die deutschen Produzenten, deren Modelle seit Jahren Spitzenplätze in den Diebstahl-Statistiken belegen, Langzeitfavorit organisierter Banden ist der zwar als langweilig, dafür aber als grundsolide geltende VW Passat. Dabei könnten die Gesetzgeber in Berlin dafür sorgen, dass all die Volkswagen-, Audi-, BMW- und Mercedes-Modelle sicherer würden. Auch die Versicherungen seien in der Pflicht, sagen Experten, denn diese könnten von den Besitzern mehr Vorsorge fordern.

Doch zögen sie es vor, die Beiträge zu erhöhen, der Grund dafür, wie es in einer Analyse des Bundeskriminalamtes heißt: "In den Kalkulationen ist die Schmerzgrenze der Autobesitzer offenbar noch nicht erreicht." Im Übrigen schätzen Auswerter von Polizei und Versicherungswirtschaft, dass es sich bei einem Viertel der deutschen Diebstahlsmeldungen von Wagen der gehobenen Mittelklasse und darüber um fingierte Straftaten handelt. Im Klartext: um Versicherungsbetrug.

Es ist also nicht verwunderlich, dass den Polen angesichts der mantramäßig wiederholten Vorurteile, die das Autoknackerimage ihres Landes zementieren, inzwischen der Kragen platzt. Denn polnische Experten wiederholen immer wieder: "Wir haben gelernt!" - als einzige, muss man wohl ergänzen. Sie meinen die erste große Diebstahlswelle vor 20 Jahren. Damals stand die Polizei den Banden völlig hilflos gegenüber, und die Behörden des gerade erst untergegangenen kommunistischen Regimes waren korrupt.

Polen das Dorado der Automafia?

Doch wenn Polen Mitte der 90er Jahre zu Recht als Dorado der Automafia galt, so ist es dank eines Maßnahmenpaketes in den aktuellen Diebstahlstatistiken der EU auf den fünften Platz abgerutscht, vorn liegen nun Großbritannien, Italien, Frankreich und Spanien. In Warschau hatte man damals schnell begriffen, dass vor allem die Zulassung gestohlener Autos erschwert werden muss. Ein neues System wurde eingeführt. Obwohl es den Bürgern mehr abverlangt, hat die Presse es nie in Frage gestellt, denn die erstarkende polnische Mittelklasse war ja ebenfalls stark von Autodiebstählen betroffen.

Das System sieht vor, dass bei Besitzerwechsel erst ein vereidigter Gutachter die Übereinstimmung von Kfz-Nummern und Papieren bescheinigen muss. Diese Angaben werden an den Meldestellen verifiziert, dann wird der Wagen zunächst für einen Monat registriert. In dieser Zeit werden alle Daten mit den europäischen Diebstahl- und Herstellerregistern verglichen. Bei der endgültigen Zulassung werden dann vier identische Hologramme vergeben: zwei für die Autonummern, eines für die Wagenpapiere, das letzte für einen Aufkleber, der auf der Innenseite der Frontscheibe angebracht wird. Beim Versuch, ihn abzulösen, zerfasert er.

Über ihre mobilen Ablesgeräte können Polizeistreifen leicht feststellen, ob die Hologramme mit dem Zentralcomputer übereinstimmen. Zudem reflektieren sie nachts in einer bestimmten Farbe. Vor allem aber wurden diese Kontrollinstanzen organisatorisch strikt voneinander getrennt.

Schon eine vor zehn Jahren veröffentlichte Bestandsaufnahme des Verbandes der deutschen Versicherungen war voll des Lobes: "Hervorragend, nachahmenswert!" Deutsche Experten meinen, das polnische System mit der Vierfachsicherung durch Hologramme solle am besten EU-weit eingeführt werden. Doch die Politik hat sich kaum bewegt. Auch weist Warschaus Polizeikommandantur darauf hin, dass die Diebstahlsmeldungen aus Deutschland meist erst mit Verzögerung in internationale Systeme kommen. Oft zu spät, längst gilt der Satz nicht mehr: "Heute gestohlen, morgen in Polen."

Vielmehr sind die gestohlenen Wagen oft schon am selben Tag über die Ostgrenze Polens in eine der ehemaligen Sowjetrepubliken verschwunden, und deutlich einfachere Wege dahin führen heute ohnehin über Bulgarien und Rumänien. "Russland, die Ukraine und Weißrussland sind große schwarze Löcher", sagt ein in Polen eingesetzter BKA-Experte. In der Tat werden in diesen Ländern gestohlene Wagen problemlos legalisiert. In diesem Punkt verlangt Warschau politischen Druck der EU auf die östlichen Nachbarn - und beklagt sich, dass gerade die Deutschen dazu neigen, das Thema bei politischen Gesprächen höflich auszusparen.

© SZ vom 03.01.2012/jkz
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