bedeckt München 13°

Yamaha TDM 850:Mit Zornesfalten auf der Stirn

Die Stärken sind gutes Handling und komfortables Fahrwerk

(SZ vom 31.07.1996) Als zöge sie die Stirn in zornige Falten - so wirkt Yamahas neue TDM 850 aufgrund des aggressiven Designs, wenn der Betrachter das Motorrad von vorne besieht. Ungewolltes Synonym für einen ärgerlichen Makel dieses eigentlich überzeugenden Fahrzeuges? Denn angesichts des heftigen Lastwechselruckens im Antriebsstrang kommt beim Fahrer der TDM eine Mischung aus Unverständnis und Zorn auf: Wie kann es passieren, daß bei einer renommierten Firma wie Yamaha solche Fehler nicht behoben werden?

Endurotypisches Styling

Die überaus unkonventionelle Auslegung eines Straßenmotorrades mit endurotypischen Stylingelementen in Kombination mit einem merkwürdigen Frontdesign war es, die bei der vor fünf Jahren vorgestellten TDM das Publikum zweifeln und zögern ließ: Das Zwei-Zylinder-Motorrad verkaufte sich nur mäßig. Für 1996 erfolgte eine grundlegende Überarbeitung: Außer der Optik wurden speziell der Motor und das Fahrwerk modifziert - mit Erfolg: Leistung (59 kW/80 PS), Laufkultur und die Art der Kraftentfaltung können überzeugen.

Dank konstruktiver Änderungen gegenüber dem bisherigen Motor kommt sogar der Sound gut aus dem Schalldämpfer: Der Klang des Triebwerkes erinnert an einen V-Motor, was aus Imagegründen erklärtes Konstruktionsziel war. Es wurde erreicht. Um so unverständlicher ist das kräftige Rucken beim Gasgeben und -wegnehmen: Der Wechsel von Schiebe- auf Lastzustand und umgekehrt macht flüssiges Befahren enger Kurven schwierig bis unmöglich. Das ist um so ärgerlicher, als das Fahrwerk wirklich kurvenfreudig geraten ist: Auf kurvenreichen Land- und Bergstraßen ist die TDM in ihrem Element. Fast wie von selbst fällt die 850er in Biegungen aller Art, so daß auch weniger routinierte Fahrer nur wenig Eingewöhnungszeit benötigen.

Gute Noten heimst das 235 Kilogramm schwere Bike auch bei den Bremsen sowie beim Fahrkomfort ein: Federung, Dämpfung, Sitzposition und der Windschutz der kleinen Verkleidung sind gut gelungen. Gefallen kann auch der Benzinverbrauch von fünf bis knapp sieben Liter Normal, was dank neuem 20-Liter-Tank und günstig geformtem Sitzpolster für große Reichweiten sorgt. Abstriche sind lediglich beim Getriebe (lange Schaltwege, zu langer erster Gang) und bei wenigen Ausstattungsdetails (Rückspiegel, Kontrolleuchten, fehlender Hauptständer) zu machen. Die sehr komfortable Fahrwerksauslegung kommt nur bei sehr sportlicher Fahrweise und beim Fahren mit hoher Belastung an ihre Grenzen; für forcierten Soziusbetrieb ist die TDM deshalb nicht gerade allererste Wahl, obwohl die Sitzposition auch für den Beifahrer durchaus komfortabel ist.

Für 15 950 Mark bekommen Käufer der Yamaha TDM 850 ein gutmütiges Universalmotorrad mit vielen Stärken. Leider sorgt das schon vom Vormodell bekannte Lastwechselrucken immer wieder für Zornesfalten auf der Stirn des Fahrers. Wenigstens harmoniert auf diese Weise das Erscheinungbild des Motorrades mit dem des TDM-Fahrers.

Von Ulf Böhringer

Zur SZ-Startseite