Yamaha GTS 1000 Mäßige Feinabstimmung

Trotz Achsschenkellenkung ist die GTS zu wenig komfortabel

(SZ vom 31.07.1993) Mit einem vollkommen neuartigen Fahrwerkskonzept - einer vorderen Achsschenkellenkung und einem an den griechischen Buchstaben Omega erinnernden Rahmen-Layout - ist die Yamaha GTS 1000 wohl das derzeit am 'utopischsten' aussehende Motorrad. Zudem verfügt sie als erstes Japan-Bike über eine elektronisch gesteuerte Einspritzung einschließlich geregeltem Katalysator und ein Antiblockiersystem. Technische Features also, wie sie in so geballter Form sonst nirgendwo versammelt waren - erst der neue Vierventil-Boxer von BMW setzte kürzlich ähnliche Zeichen. Ist nun Yamahas High-Tech-Flaggschiff mit dem stolzen Preis von 24 880 Mark tatsächlich eine Offenbarung des Fortschritts?

Der Blick fällt natürlich zuerst auf die einarmig geführte vordere Schwinge: Das schrägstehende, chromglänzende, armdicke Federbein macht Eindruck. Doch wo ist der Choke? Er fehlt, erstmals an einem Motorrad, der Einspritzung wegen ist er überflüssig. Zum Motor: Der Kaltlauf ist in Ordnung, doch Fahren mit niedrigen Drehzahlen war zumindest beim Testmotorrad schwierig. Das wassergekühlte, fünfventilige Einliter-Triebwerk mit 72 kW (98 PS) wies heftiges Lastwechselrucken auf. Es fiel schwer, in Kolonnen mitzurollen und in langsamen Kurven einen sauberen Strich zu halten - vielleicht eine Sache der Einstellung. Bei höheren Drehzahlen glänzt das Triebwerk mit enormer Kraft. Der Durchzug liegt dank enormen Drehmoments auf allerhöchstem Niveau.

Das Fahrwerk entpuppt sich als Enttäuschung: Das Motorrad erscheint bei flotter Fahrweise auf welligem Untergrund ausgesprochen kurvenunwillig. Jeder Fuge, jeder Fahrbahnmarkierung läuft das Vorderrad hinterher, am Lenker leistet man heftige Arbeit, um das Big Bike auf Kurs zu halten. Dabei fällt es grundsätzlich schon nicht leicht, die GTS in Schräglage zu zwingen oder gar bei einer sich zuziehenden Kurve noch weiter abzuwinkeln. Dagegen lassen sich andere Big Bikes derselben Gewichtsklasse (275 Kilogramm) wie Zweizylinder behandeln. Möglicherweise sind diese Unarten eine Folge des mit 130 Millimetern extrem breiten Vorderreifens. Von ihrer Schokoladenseite zeigt sich die GTS jedoch auf Autobahnen und Bundesstraßen: Hier ist das Fahren ein Genuß.

Der Federungskomfort ist leidlich; die Hinterhand könnte für Tourenfahrer etwas moderater abgestimmt sein. Der Sozius-Sitzplatz ist akzeptabel: Die Bank ist breit und lang genug, die Rasten liegen in erträglicher Höhe. Tourenfahrer würden sich über eine aufrechtere Sitzposition freuen: Es lastet einiger Druck auf den Handgelenken, und kleinere Menschen kommen schwer zum Lenker.

Auf hohem Niveau arbeitet die Bremsanlage: Das vorne nur mit einer, in der Mitte der Felge montierten Bremsscheibe operierende System verzögert einwandfrei, läßt sich gut dosieren. Beim ABS hingegen dürfte die Regelfrequenz höher sein: Die Blockier- wie auch die Lösephasen dauern mitunter zu lang. Ärgerlich ist das starke Aufstellmoment der Maschine beim Bremsen in Schräglage. Keine größere Kritik gibt es beim Getriebe: Die Wege der Schaltung sind kurz, doch läßt sich der Leerlauf manchmal nur schwer einlegen.

Die Bedienungshebel entsprechen weitgehend dem gewohnten hohen japanischen Standard. Die Spiegel aber bilden überwiegend die Handschuhe und Unterarme des Fahrers ab. Nett istdagegen das kleine Ablagefach auf dem Tank. Fazit: So hoch die Erwartungen an dieses High- Tech-Gefährt waren, so groß ist die Enttäuschung. Gerade da, wo der Fortschritt sitzen sollte, zeigt er sich nicht - beim Kurvenfahren auf leicht unebener Fahrbahn. Daß Yamaha bei der Feinabstimmung (Reifenformat) ein solch krasser Fehler unterläuft, verwundert schon sehr.

Von Ulf Böhringer