Weinsberg CaraHome 600 DKG:Wohnmobil-Test in 9,5 Thesen

Lesezeit: 5 min

Weinsberg CaraHome 600 DKG: Im Lutherjahr unterwegs auf den Spuren des Reformators - im Wohnmobil durch Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Im Lutherjahr unterwegs auf den Spuren des Reformators - im Wohnmobil durch Thüringen und Sachsen-Anhalt.

(Foto: Lars Langenau)

Das Zuhause immer dabei? Klingt ideal, gerade beim Urlaub mit Kindern. Wir haben es ausprobiert - bei einer Kultur- und Bildungsreise auf den Lebenswegen des Reformators Martin Luther.

Von Lars Langenau

Viele Jahre hegte ich die romantische Vorstellung, mit Kind und Kegel in einem Reisemobil durch die Gegend zu fahren. Gern einmal quer durch die USA, von hier bis zum Nordkap oder einfach mal rüber nach Italien. Nie ist etwas daraus geworden. Im Lutherjahr 2017, in dem der 500. Jahrestag der Reformation ansteht, wage ich einen neuen Anlauf. Statt hochambitionierter Fernziele steuere ich für zwei Wochen den Osten Deutschlands an und begebe mich mit meiner Familie auf die Lebenswege Martin Luthers. Dafür nehmen wir ein Alkoven-Reisemobil. Also so ein Ding, in dem man über der Fahrerkabine schlafen kann. Genauer: einen mindestens 46 890 Euro teuren Weinsberg CaraHome 600 DKG.

Unsere Tour sieht so aus: München - Coburg - Schmalkalden - Mühlhausen - Bad Frankenhausen - Weimar - Leipzig - Torgau - Wittenberg - Eisleben - Eisenach - Fulda - München.

Bereits auf halbem Weg von München aus befindet sich mit der Moritzkirche in Coburg ein erster Höhepunkt. Darin steht ein toller Altar und auch Luther predigte hier. Wir besuchen die Thomas-Müntzer-Stadt Mühlhausen, die nahe am geografischen Mittelpunkt Deutschlands gelegen ist. Müntzer war Zeitgenosse und Widersacher Luthers und zog mit 6000 Mitstreitern in den Bauernkrieg, der in der Schlacht von Frankenhausen sein blutiges Ende fand. Die Kleinstadt in Thüringen bietet nicht nur ein unglaublich beeindruckendes Schlacht-Gemälde im Panoramaformat, eine Therme, das Kyffhäuser-Denkmal und die "Barbarossahöhle", sondern auch einen schiefen Turm, der noch schiefer sein soll als der in Pisa. Danach geht es nach Torgau mit dem Schloss Hartenfels, das ein Zentrum der Reformation und Sterbeort von Luthers Frau Katharina von Bora war. Absolutes Highlight der Fahrt ist später die Wartburg, die hoch über Eisenach thront.

Ein wunderbarer Trip, der sich nicht nur im Lutherjahr lohnt. Und der als Inspiration dient, die Erfahrungen der Wohnmobil-Tour in 9,5 statt 95 Thesen aufzuführen, wie sie einst Luther in Wittenberg an die Kirchentür hämmerte.

Wie fährt sich das Wohnmobil?

1. Der Weinsberg mag als kompaktes Wohnmobil gelten, ist aber trotzdem fast 6,50 Meter lang und 2,30 Meter breit. Sein Gesamtgewicht liegt unter der 3,5-Tonnen-Grenze, deshalb ist der CaraHome 600 DKG für jeden fahrbar, der einen normalen Pkw-Führerschein hat. Nachdem sich der Fahrer an die ungewöhnlichen Maße und die hohe Sitzposition gewöhnt hat, fühlt er sich wie ein Trucker, der die Landstraße beherrscht. Bis 120 km/h fährt sich das Campingmobil gut und sicher. Bei höherem Tempo wird die Lenkung schwammig und der Aufbau beginnt zu schwanken. Außerdem kam es uns bereits nach fünf Tagen so vor, als ziehe es im Fahrtwind durch alle Löcher - vor allem oberhalb von 90 km/h. Dabei gewährt der Hersteller eine Dichtheitsgarantie von fünf Jahren.

2. Das Navigationsgerät von Pioneer ist eine Katastrophe. Wir haben es mehrfach nicht geschafft, das Ziel einzugeben. Man wisse von dem Problem und habe in den neuen Fahrzeugen eine andere Version installiert, kommentiert später der Weinsberg-Pressesprecher. Die Kinder bemängeln, dass es doof ist, wenn die eingelegte Hörspiel-CD weiterläuft und sich die Stimme des Navis darüberlegt. Wenn man es mal hinbekommen hat, den Lautsprecher-Sound von der Fahrer- in Richtung Wohnkabine zu verstellen, klingen die Boxen ganz gut - zumindest bis zu einem Tempo von 90 km/h.

3. Die Sitze für den Fahrer und den Beifahr sind selbst bei langen Fahrten bequem. Sie sind auch für das Abendvergnügen hilfreich, weil sie sich direkt ins Wohnzimmer drehen lassen. Auch die Sitzbank im hinteren Teil des Wohnmobils ist sowohl beim Fahren als auch zum Essen gemütlich. Der dort angebrachte Anschnallgurt ist jedoch zu kurz und schneidet ins Fleisch (bei Kindern in den Hals, bei Dicken in den Bauch). Kinder empfinden es zudem als großartig, dass sie hinten während der Fahrt malen und lesen können. Allerdings garantiert Rückwärtssitzen beim Fahren Übelkeit.

4. Es ist herrlich, wie ein Einsiedlerkrebs oder eine Schildkröte sein Haus immer dabei zu haben. So sind wir völlig flexibel in der Zeit- und Ortswahl und Vorbuchungen in Hotels oder Pensionen entfallen. Statt des Zimmerschlüssels sucht man jetzt aber ständig die Autoschlüssel. Es gibt einen für die Zentralverriegelung des Fahrerhauses, der andere ist für die Schlösser am Anbau. Dessen Türen sind nicht leicht zu öffnen und zu schließen, weshalb das minderwertig wirkt.

Wie wohnt es sich im Reisemobil?

5. Natürlich geht es in so einem Wohnmobil eher eng zu. Der CaraHome 600 DKG ist für sechs Personen zugelassen, doch bereits mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern wird es eng. Toll ist, dass man auch als langer Mensch überall aufrecht stehen kann: Die Innenhöhe des Wohnmobils beträgt zwei Meter. Jede Ecke und jeder Winkel wird sinnvoll genutzt, überall lassen sich Dinge verstauen. Trotzdem muss man ziemlich organisiert sein und sich gut merken, wo man Brille, Handy, Taschenlampe, Tampons oder Badelatschen hingeräumt hat. In den Betten - hier liegen Schaummatratzen auf Holzlattenrosten - lässt sich selig schlafen. Menschen ab 1,80 Meter müssen jedoch Houdini-Fähigkeiten besitzen, um sich ins Stockbett zu falten.

6. Der Herd mit seinen drei Flammen und die verlängerbare Arbeitsfläche machen es möglich, auch aufwendige Speisen wie Spargel mit Schnitzel zu kreieren. Die Gummiabdichtungen am Herd hingegen gehen innerhalb kürzester Zeit ab und sind dann verschollen. Allerdings sind die Schubladen unter dem Herd sehr praktisch. Kühlschrank und Eisfach sind groß genug und kühlen hervorragend, solange genug Gas in der Gasflasche ist. Außerdem fahren wir unsere eigene Dusche und unser eigenes Klo mit uns herum - in Sachen Privatsphäre ein toller Umstand. Gar nicht gut ist, dass beim Fahren die Badezimmertür ständig aufgeht, genau wie eine Klappe im Boden. "Ungewöhnlich", sagt der Pressesprecher, "das ist nicht serienmäßig".

7. Das Innen-Design und Möbeldekor "Oregon Esche" sowie die Polsterauswahl erfordern eine Eingewöhnungszeit - und Gardinen sind erst recht altbacken. Auch wirkt der Esstisch aus grauem Resopal spießig. Mehr (leichtes) Holz oder noch mehr Holzoptik wären wünschenswert. Alle aus Hartplastik gefertigten Klappen und Mückenschutzgitter sind nicht besonders robust. Die Beleuchtung des gesamten Wohnmobils ist zu grell, ein Dimmer wäre toll. Tagsüber lassen die vielen Fenster das Wohnmobil hell und freundlich erscheinen. Dadurch fällt der meist dreckige Boden auf, der schwer zu reinigen ist (immer, auch zu Hause).

Allgemeine Gedanken zum Wohnmobil-Camping

8. Unsere Tour fand über Ostern statt. Aber an Ostern ist es oft noch zu kalt, um mit einem Wohnmobil zu verreisen. Deshalb mussten wir heizen, was dazu führt, das eine der beiden Gasflaschen an Bord nach einer Woche leer war.

9. Diese Art zu reisen ist nicht so billig wie gedacht. Man kann gut und gerne 31 Euro pro Nacht für Stellplatz und Strom bezahlen. Außerdem ist die Campingplatzsuche ohne App schwierig, zumindest an Feiertagen. Wohnmobile sind eine boomende Branche mit starken Wachstumszahlen, aber die Stellplätze wachsen nicht in der Geschwindigkeit mit und sind entsprechend voll. Bereits jetzt ist es an der Zeit, um einen Stellplatz auf begehrten Campingplätzen für Ostern und Pfingsten 2018 zu buchen. Übrigens: Campingplätze sind in der Regel schöner als reine Stellplätze.

9,5. Camper sind Spießer, weil sie ihr Schneckenhaus nie verlassen. Und Dauercamper mit festen Stellplätzen lieben Gartenzwerge. Aber Camper sind auch hilfsbereit, haben immer alles dabei und wissen, wo was ist. Und sie sind (in der Regel) freundlich. Außerdem ist der Brötchenservice an vielen Campingplätzen eine geniale Erfindung. Und noch eine persönliche Erkenntnis: Man macht kein drittes Kind, wenn man schon zwei dabei hat. Trotzdem wollen wir kommendes Jahr wieder los in einem Campingmobil. Allerdings nur für ein Wochenende. Wenn es warm ist.

Technische Daten Weinsberg CaraHome 600 DKG:

Fiat Ducato 2,3 l Multijet 130; Leistung 96 kW (130 PS); Leergewicht: 2665 kg, maximale Zulademöglichkeit 670 kg. Gesamtlänge: 6,47 m; Außenbreite 2,30 m; Außenhöhe 3,24 m. Bis zu sechs Schlafplätze. Bettenmaße Alkoven 1,99 x 1,40 m, im Heck zweimal 2,11 x 0,74 m. Grundpreis 46 890 Euro.

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