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Wasserwege:Fahrstuhl für Schiffe

Neues Schiffshebewerk im Bau

Alt und neu dicht beieinander: Das alte Schiffshebewerk (links) ist seit 1934 in Betrieb, ersetzt wird es durch die neue Anlage direkt daneben.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Seit zehn Jahren wird an einem neuen Hebewerk am Oder-Havel-Kanal in Brandenburg gebaut. Nun befindet sich das Projekt allmählich in der Endphase.

Nur einen Steinwurf entfernt ist die Zukunft übermächtig zu sehen: das neue Schiffshebewerk in Niederfinow (Barnim), ein Bauwerk mit riesigen Ausmaßen, nimmt immer mehr Gestalt an - direkt neben der traditionellen Anlage aus dem Jahr 1934. "Rund 300 Millionen Euro werden in das Projekt durch den Bund investiert", sagt Klaus Winter, Bauleiter Neues Schiffshebewer bei der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes.

65 000 Kubikmeter Beton und Stahlbeton und 8900 Tonnen Bewehrungsstahl werden verbaut. 400 000 Kubikmeter Erde müssen bewegt werden. Im Jahr 2008 begannen die Arbeiten. Im kommenden Sommer soll die Anlage - insgesamt 55 Meter hoch, 46 Meter breit und 135 Meter lang - ganz offiziell in Betrieb gehen. Erstmals bewegt sich dann der Trog, in dem die Schiffe wie in einer gigantischen Badewanne rauf oder runter schweben.

Noch weitere fünf Jahre werden das alte und das neue Bauwerk dann nebeneinander arbeiten. "Die einzigartige neue Maschine wird sich dann einspielen", sagt Bauleiter Winter. Als technisches Denkmal bleibt das alte Werk aber weiter erhalten. Bereits jetzt steigen 250 000 Besucher im Jahr die Treppen hoch bis zu dem Aussichtspunkt. Dort kann die Fahrstuhlfahrt der Schiffe live erlebt werden.

Der 134 Kilometer lange Oder-Havel-Kanal verbindet mit dem Schiffshebewerk beide Flüsse. 36 Meter macht der Höhenunterschied samt Gefälle bei Niederfinow, etwa 60 Kilometer nordöstlich von Berlin gelegen, aus. "Ganz einfach gesagt: die Havel liegt oben, die Oder unten. Das Schiff muss von unten nach oben kommen oder umgekehrt", sagt Winter. Einst wurden vier Schleusen an der Stelle dafür genutzt, die wie eine Treppe angeordnet waren und über die Schiffe nach oben oder unten befördert wurden. Mitte der Dreißigerjahre wurde das Schiffshebewerk eröffnet. Der Transport dort lief schneller und weniger aufwendig als der Weg über die Schleusentreppe - die blieb dennoch bis Anfang der Siebzigerjahre parallel in Betrieb.

Ein weiteres Schiffshebewerk gibt es in Scharnebeck bei Lüneburg, 1974 gebaut. Es verbindet die Elbe mit dem Mittellandkanal. Das Schiffshebewerk in Henrichenburg vom Ende des 19. Jahrhunderts am Dortmund-Ems-Kanal ist seit 40 Jahren stillgelegt und heute Museum. An der Elbe bei Magdeburg arbeitet eines in Rothensee. Sie alle arbeiten im Grunde nach dem gleichen Prinzip: Das Schiff schwimmt in den Trog und verdrängt durch sein Gewicht Wasser. Dann wird der Trog samt Schiff, befestigt an fast armdicken Seilen, nach oben gezogen oder langsam herabgelassen. "Das Ganze läuft wie eine normale Seilwinde", sagt Winter. Eine Fahrt in der Badewanne für Schiffe dauert in der Regel 20 Minuten. Ganz anders dagegen läuft es in einer Schleuse: Dort fährt das Boot in die Kammer hinein. Dann wird die Kammer geflutet oder Wasser herausgelassen - je nachdem, ob es hoch oder runter gehen soll. Am Ende öffnen sich die Schleusentore und das Schiff setzt seine Fahrt fort.

Nach Angaben des Leiters des Wasserstraßen-Neubauamtes Berlin, Rolf Dietrich, passieren das alte Schiffshebewerk in Niederfinow jährlich etwa 14 000 Wasserfahrzeuge - jeweils ein Drittel sind Güter-, Fahrgast- und Kabinenschiffe sowie Sportschiffe. Die drei Wasserstraßen- und Schifffahrtsämter in Eberswalde, Berlin und in der Stadt Brandenburg/Havel betreiben für die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes in Berlin und Brandenburg knapp 1500 Kilometer Wasserstraßen. Dazu gehören neben dem Schiffshebewerk in Niederfinow noch 71 Schleusen, 77 Wehre und etwa 300 Brücken. Pro Jahr werden 50 Millionen Euro in Erhalt und Ausbau investiert.

Nach über 80 Jahren Nutzungsdauer musste nun eine planmäßige Ersatzinvestition für das alte Hebewerk in Niederfinow erfolgen. Neben der Materialalterung entsprächen auch die Antriebs- und Steuerungstechnik aus dem Jahre 1934 nicht mehr den heutigen Anforderungen, heißt es. Im Zuge des Ersatzneubaus werden außerdem die Abmessungen der Anlage auf den europäischen Standard der Wasserstraßenklasse Va angepasst: Bislang ist nur die Passage von Schiffen bis zu einer Länge von maximal 84 Meter und einer Durchfahrtshöhe von vier Metern möglich. Mit der neuen nun 115 Meter langen "Wanne" können auch Fahrzeuge mit bis zu 110 Meter Länge und größere Flusskreuzfahrtschiffe auf der wichtigen Wasserverbindung von Berlin nach Szczecin/Stettin über die Havel zur Oder fahren.

Die neue Durchfahrtshöhe von 5,25 Meter gestattet es zudem, dass Containerschiffe künftig bis zu 104 Container in zwei Lagen übereinander transportieren können. Der Vorteil des neuen Schiffshebewerks liegt auf der Hand: Während das Ladungsaufkommen im Güterverkehr aktuell bei etwa 1,3 Millionen Gütertonnen pro Jahr liegt, ist das neue auf ein Transportvolumen von bis zu vier Millionen Gütertonnen ausgelegt.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir geschrieben, dass das Niveau der Oder-Seite etwa 36 Meter über der Havel-Seite liegt. Tatsächlich ist es aber umgekehrt. Wir haben den Fehler inzwischen berichtigt und möchten uns dafür entschuldigen.